Hohe Energiekosten, hohe Sparquote - dem Verbraucher sitzt das Geld nicht mehr locker in der Tasche. Deswegen fiel die Jahresbilanz des Handelsverbands auch verhalten aus. Die Prognose für 2011 klingt ähnlich.

Wie aussagekräftig Stimmungsbarometer für den Zustand der deutschen Wirtschaft sind, ist nach wie vor unklar. Überwiegen bei den Antworten eher aktuelle Emotionen, oder reflektieren sie sachliche Analysen des Geschäfts?

Der Einzelhandel hat jedenfalls nun auch so ein Barometer - "Handels-Kix" genannt, und aufgelegt vom Handelsverband Deutschland (HDE), dem Institut für Handelsforschung (IFH) und der Deutschen Post.

Im Januar wurden erstmals Daten erhoben, 316 Entscheider aus der Branche nahmen an der Befragung teil. Die wichtigste Aussage: Knapp mehr als 60 Prozent erwarten für 2011 eine Verbesserung der Geschäftsentwicklung.

Bei dem Begriff Verbesserung sollten aber keine Quantensprünge erwartet werden. Denn HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth prognostizierte bei der Jahrespresskonferenz des Verbandes in Berlin einen "bodenständigen Aufschwung" für das gerade einmal vier Wochen alte neue Jahr.

Genth geht von einem Umsatzplus von nominal plus 1,5 Prozent aus und sagte, dass es "keinen Superaufschwungsboom" geben werde. Von 1,5 Prozent Wachstum hatte HDE-Präsident Josef Sanktjohanser auch im November vergangenen Jahres gesprochen.

Der Winter als Problem

Von einem Boom zu reden, wäre tatsächlich falsch: 2010 betrug der Umsatzanstieg laut Statistischem Bundesamt lediglich 1,2 Prozent. Damit konnte sich der Einzelhandel vom Einbruch im Jahr 2009 (minus 2,4 Prozent) nicht erholen.

"Erst Ende 2011 werden die Verluste von 2009 aufgeholt sein", kündigte Genth an. Laut HDE betrug das Umsatzvolumen der Branche mit seinen rund 2,9 Millionen Mitarbeitern im vergangenen Jahr 406,7 Milliarden Euro.
 
Müsste man der Branche für diese Bilanz ein Zeugnis ausstellen, dann würde die Note "eher mittelmäßig" lauten. So mittelmäßig, wie das Weihnachtsgeschäft 2010 verlaufen ist, als zwar insgesamt 1,5 Prozent mehr Umsatz als 2009 erzielt wurde, doch viele Verbraucher wegen Schnee und Eis auf den Straßen vor allem an den Wochentagen lieber daheim blieben.

Die Branche hat zwei Hauptprobleme: Die fortwährend steigenden Energiepreise, was wiederum die Budgets der Verbraucher für den Konsum limitiert. Und die Tatsache, dass der Deutsche sein Geld lieber zur Bank als in die Läden bringt. Die aktuelle Sparquote von 11,4 Prozent ist für Genth "sehr hoch".

Neue, alte Forderung: mehr netto vom brutto

Gleichfalls dürfte den Verbrauchern nicht schmecken, dass für 2011 die Preise um durchschnittlich 1,5 Prozent steigen werden (2010 plus 1,4 Prozent), wie der HDE-Chef vorhersagt, Genth nimmt trotzdem an, dass dieser Anstieg den Konsum nicht belasten werde.

Es wundert daher nicht, wenn Genth eine Dauerforderung des Handels wiederholte: "Mehr netto vom brutto", solle der Bürger haben, eine Steuerentlastung für die Haushalte sei geboten, mahnte er.

Die Branche steht aber noch vor zwei weiteren Umwälzungen. Erstens: Das rasant wachsende E-Commerce wird weiterhin den stationären Händlern Konkurrenz machen. 2010 betrug das Umsatzplus 8,2 Prozent auf 23,7 Milliarden Euro. Für 2011 prognostiziert der HDE einen Anstieg um 10,1 Prozent auf 26,1 Milliarden Euro.

Mehr Möglichkeiten durch Multichannel

Genth bemühte sich, den Onlinehandel als gleichberechtigten Partner der Branche zu beschreiben: "Wir können nicht sagen, dass es eine Kannibalisierung gibt." Immer mehr stationäre Händler würden die Möglichkeiten der Verknüpfung von stationärem und virtuellem Handel entdecken.

IFH-Geschäftsführer Hudetz zitierte eine Studie seines Hauses, wonach das sogenannte Multichannel-Geschäft in diesem Jahr doppelt so stark wachsen werde wie der reine Onlinehandel.

Umwälzung Nummer zwei betrifft das neue Entlohungssystem im Einzelhandel, über das der HDE seit Monaten still mit der Gewerkschaft Verdi verhandelt. Ziel soll sein, die tariflichen Entgelte so zu modernisieren, dass es "Einstufungen nach Tätigkeit" gibt, wie es Genth im Gespräch mit derhandel.de formuliert.

"Wir sind nicht mehr in den fünfziger Jahren", betont genth Er ist sicher, dass die Verhandlungen noch in diesem Jahr abgeschlossen werden, mitnichten aber schon im ersten Quartal.

Auch der Termin der Pensionierung von Verdi-Vizechefin Magret Mönig-Raane Ende September sei kein zwingender Zeitpunkt für ein Ende der Verhandlung. Klar sei aber, dass das neue Tarifsystem nur die Neueinstellungen betreffe: Bisherige Mitarbeiter würden nach dem alten Satz bezahlt.

Steffen Gerth, Berlin