Über den Wert der Abstimmung zum "Händler des Jahres" gibt es erhebliche Zweifel. Der ideelle Träger, der Handelsverband HDE, distanziert sich davon. Auch die Preisträger müssen nun die Auszeichnung neu einordnen.

Umstrittene Auszeichnung: Händler des Jahres.
Umstrittene Auszeichnung: Händler des Jahres.
Diese Zahl wurde überall stolz kommuniziert: Im Sommer sprach Karl-Erivan Haub als Chef der Kik-Konzernmutter Tengelmann davon, dass 48.000 Kunden den Discounter zum "Modehändler des Jahres 2011" gewählt hätten. "Das ist vielleicht etwas Balsam auf die Seele der vielen Menschen bei Kik, die unter der Negativberichterstattung gelitten haben", jubelte Haub im Juli.

Vor allem Kik kam das vermeintliche Abstimmungsergebnis wie gerufen, um das stark beschädigte Image nach Nachrichten über Dumpinglöhne und miserable Arbeitsmethoden aufzupolieren. Doch mittlerweile ist klar, dass diese Zahl so falsch wie absurd war.

1.500 Stimmen für Thalia

Lediglich 416 Kunden haben bei diesem Wettbewerb für Kik als besten Herrenmodehändler votiert, 1.146 Konsumenten waren es für den Bereich Damenmode. Auch auf den Gesamtsieger des Wettbewerbes, Thalia, entfielen gerade einmal 1.503 Stimmen, wie aus den Unterlagen der Abstimmung hervorgeht, die derhandel.de vorliegen.

Gewiss, es haben an dieser Abstimmung tatsächlich insgesamt 48.000 Verbraucher teilgenommen. Es gab allerdings 24 Kategorien - und nicht jeder Konsument musste für jede Kategorie seine Stimme abgeben.

Im Durchschnitt votierte jeder Wähler entweder online oder per Handzettel für vier Unternehmen, teilt das Markforschungsunternehmen Q&A auf Anfrage von derhandel.de mit. Die Holländer aus Amersfoort waren mit der Durchführung der Abstimmung betraut worden.

HDE zieht sich als ideeler Träger zurück

Q&A betont, dass ihre Methode internationalen Markforschungsstandards entspricht. Das Problem liegt auch eher in der unklaren Kommunikation der Zahlen: Nicht nur der Handelsverband Deutschland (HDE) hatte im Juni geschrieben, dass rund 50.000 Konsumenten für Thalia gestimmt hätten.

Mittlerweile hat sich der HDE von der Auszeichnung deutlich distanziert: Der Vertrag mit Q&A werde nicht mehr verlängert und laufe Ende des Jahres auf, so der Verband in einem internen Schreiben, das derhandel.de vorliegt.

"Maßgeblich für diese Entscheidung waren Schwächen bei der Anwendung des international bewährten Befragungs- und Forschungsansatzes von Q&A auf die Differenziertheit des deutschen Marktes", heißt es in einer Stellungnahme.

Bereits im Juli hatte der HDE-Vorstand Zweifel an der Auszeichnung angemeldet und beschlossen, den Konsumentenpreis "Händler des Jahres" ab 2012 nicht mehr zu unterstützen, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth.

Thalia bewertet neu, Fielmann ignoriert

Preisträger Thalia selbst geht mit der kommunizierten Zahl der Stimmen vorsichtig um: "Insgesamt haben rund 50.000 Konsumenten in über 200.000 Bewertungen ihre Stimme abgegeben", heißt es auf der Homepage des Buchhändlers.

Angesichts der wahren Verhältnisse über Teilnehmermenge und Abstimmungsquoten sowie des Rückzuges des HDE von diesem Preis sagte Thalia-Sprecherin Mirjam Berle zu derhandel.de, "dass wir diese Auszeichnung neu bewerten müssen".

Das dürfte auch für alle anderen Preisträger gelten. Sport Scheck weist zwar darauf hin, dass das Unternehmen bester Sporthändler 2011 geworden ist, unterlässt es aber klugerweise, Zahlen über das Abstimmungsergebnis mitzuteilen. So hält es auch Douglas als bester Parfümeriehändler sowie dessen Tochter Christ als Schmuckhändler des Jahres.

Fielmann hat in der Kategorie Optiker gewonnen – einen Hinweis darauf sucht man auf der Unternehmenswebsite vergebens. Vielleicht ist das auch die klügste Lösung.