Auch der Einzelhandel hat mit zwei Problemen zu kämpfen: dürftiges Niveau der Schulabgänger und Rückgang der Lehrstellenbewerber. Daraus ergeben sich Folgen für die Gestaltung der Berufsausbildung.

Anfang April ging der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) mit einer besorgniserregenden Statistik an die Öffentlichkeit: 74 Prozent der Betriebe klagen über mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger. Deswegen habe im vergangenen Jahr jede fünfte Lehrstelle nicht besetzt werden können. Schlecht in Deutsch, noch schlechter in Mathematik sowie mangelhafte Belastbarkeit waren die Hauptvorwürfe an die jungen Leute.

Diese Defizite betreffen auch den Einzelhandel, und sie bedeuten in der beruflichen Praxis, "dass wir mehr Nacharbeit leisten müssen", sagt Jens Kettler, Geschäftsbereichsleiter Bildungswesen bei der Edeka. In seinem Unternehmen sind aus diesem Grund für die Auszubildenden pro Lehrjahr sechs- bis zehn­tägige Seminare Standard, in denen einfaches Schulwissen wie Dreisatz gepaukt wird.

Bei dm-Drogeriemarkt reagiert man auf das unterschiedliche Bildungsniveau der Schulabgänger mit einer Art Regionalisierung bei der Auswahl der "Lernlinge", wie Azubis bei der Karlsruher Drogeriekette heißen. Ziel ist, dass jede Filiale immer einen Azubi hat.

Dieser muss zwar zentralen Vorauswahlkriterien des Unternehmens genügen. Die letzte Entscheidung über die Anstellung obliegt aber der jeweiligen Filiale. "In Stralsund werden möglicherweise andere Mitarbeiter gebraucht als in Rosenheim", sagt Mike Metzger, bei dm verantwortlich für Weiterbildung.

Auszubildende spielen Theater

 
Auch beim Personalmarketing für junge Leute schlägt die anthroposophische Grundhaltung von Firmengründer Götz W. Werner durch, die besagt, dass jeder Mensch eine Fähigkeit habe, die man eben nur erkennen müsse.

"Junge Menschen wollen lernen. Wir müssen nur die Verhältnisse dafür schaffen", betonte Werner auf der Tagung der kaufmännischen Ausbildungsleiter, einem Gremium, das zum Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Bildung gehört.

"Zweck der Berufsbildung ist Persönlichkeitsbildung", ist ein Anspruch von Werner, den mittlerweile auch andere Unternehmen vermitteln.

Bei Rewe und dm-Drogeriemarkt zählen die mittlerweile berühmten Theaterworkshops zu den Angeboten für Auszubildende. Das Einstudieren und Aufführen von eigenen Stücken, zuweilen nach Überwindung von großer Scheu vor vielen Leuten zu sprechen, verleihe der Persönlichkeitsentwicklung von jungen Leuten einen enormen Schub, betont Martina Jalloh, Referentin für Ausbildung bei der Rewe.
 
Aber ist das dm-Modell mit dem anthroposophischen Menschenbild übertragbar auf andere Unternehmen? "Das kann man schon in Teilen übernehmen", sagt Wilfried Malcher, im Handelsverband Deutschland (HDE) verantwortlich für Bildungspolitik.

Malcher sagt, dass angesichts der Bildungsmisere die Unternehmen bei der Betreuung immer mehr gefordert seien. Allerdings könne von der Wirtschaft nicht verlangt werden, sämtliche Versäumnisse der Schulen auszugleichen.

Kampf um gute Bewerber beginnt in fünf Jahren

Die Reaktion auf den Qualitätsverlust der Schulabgänger scheint zunächst eine andere: "Die Bedarfsorientierung bei der Ausbildung nimmt zu", hat Malcher festgestellt. Heißt: Die Unternehmen wägen genauer ab, wie viele Lehrlinge sie auch später weiterbeschäftigen können.

Ausbildung ist kein Selbstzweck. Daraus entsteht einerseits ein neuer Leistungsdruck für die Lehrlinge, andererseits aber auch eine Verpflichtung für die Betriebe: "Die Mitarbeiter müssen sich wohlfühlen und stärker gefördert werden", betont Malcher.

Professor Michael Brater, Gründer der Gesellschaft für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung in München sieht die Krise auf dem Ausbildungsmarkt weniger pessimistisch. "Der Handel sollte aus den Leuten, die er bekommt, etwas machen. Die Möglichkeit dazu hat die Branche."

Gesellschaftspolitische Aufgabe

Für Brater hat der Einzelhandel sogar eine gesellschaftspolitisch wichtige Aufgabe. "Im Gegensatz zu vielen anderen Branchen gibt es hier noch Ausbildungsplätze für Hauptschulabsolventen." Noch sei nicht jeder Betrieb diesem hohen pädagogischen Anspruch gewachsen, sagt Brater, der aber die Lösung weiß: "Das Prinzip von dm kann jedes Unternehmen nachmachen."

Die Branche wird sich in Zukunft viel stärker um Anspruch und Inhalte ihrer Berufsausbildung kümmern müssen. Jens Kettler sagt, dass das Duale System auch in fünf Jahren noch erfolgreich Bestand haben wird.

Doch wegen des Geburtenrückgangs steht der Ausbildungsmarkt vor einer gewaltigen Umwälzung: "Im Jahr 2015 werden sich die jungen Leute ihre Arbeitgeber aussuchen können. Auch der Einzelhandel wird deswegen viel mehr um gute Bewerber kämpfen müssen."

Steffen Gerth

Dieser Artikel ist in der Juni-Ausgabe von Der Handel erschienen.
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