Viele Betreiber von Service Stores auf Bahnhöfen sind unzufrieden, weil die Umsatzversprechen nicht mit der Realität übereinstimmen. Ein ehemaliger Betreiber fordert Schadenersatz von der Deutschen Bahn.

Die Prognose klang verlockend: Ein Umsatz von mindestens 60.000 Euro monatlich sei überhaupt kein Problem, selbst ohne den Verkauf von Fahrscheinen. Kein Wunder, dass Pia Metzinger 2004 voller Elan ihren DB Service Store auf dem Bahnhof von Neckargemünd bei Heidelberg eröffnete.

Wenn ein Großunternehmen wie die Deutsche Bahn solche Umsatzprognosen aufstellt - was sollte da schon schief gehen mit einem Kiosk, in dem Süßwaren, Getränke und Zeitungen verkauft werden?

Mittlerweile ist Pia Metzinger ernüchtert. Wäre ihr vor gut zwei Jahren von der Bahn nicht endlich auch der Fahrscheinverkauf gestattet worden, "dann hätte ich aufgegeben". Nur durch den Absatz der ­Tickets erreicht sie gerade so den einst avisierten Monatsumsatz. Ohne wäre es allenfalls die Hälfte, sagt die Händlerin.

Der Pachtvertrag der 52 Jahre alten gelernten Verwaltungsfachangestellten läuft bis 2014, bis dahin will sie noch durchhalten. Dann ist Schluss, sagt sie.

Franchise-Nehmer klagen

Rund 140 DB Service Stores gibt es mittlerweile auf deutschen Bahnhöfen, 14 weitere werden in diesem Jahr folgen. Im Jahr 1999 hatte die Bahn das Kioskkonzept ins Leben gerufen, der Start erfolgte im Eigenbetrieb.

Seit 2002 gibt es dafür ein Franchisesystem, das mittlerweile die Firma Convenience Concept abwickelt, eine Tochter des Lebensmittellieferanten Lekkerland, der wiederum die Kioske beliefert.

Nicht jeder Franchisenehmer ist glücklich über die Kooperation mit der Bahn. Erst Ende 2010 ging eine Betreiberin von vier Läden in Brandenburg insolvent. Schon im Jahr 2007 verklagte der Store-Betreiber Armin Ullrich aus Kitzingen in Franken die Bahn, weil die Umsatzprognosen für seinen Shop völlig realitätsfern waren.

240 statt 4.100 Euro

So hätte er beispielweise allein mit dem Verkauf von belegten Brötchen und Bockwürsten monatlich 4.100 Euro verdienen sollen, hatte ihm die damals von der Bahn empfohlene Münchner Steuerberatung Optisch & Heinisch errechnet. Tatsächlich waren es nur 240 Euro. Ullrich und die Bahn einigten sich damals auf einen Vergleich.

Am 11. April hätte die Bahn abermals vor dem Berliner Landgericht stehen sollen, doch der Termin ist auf den 22. September verschoben worden. Die Rechtsanwältin Anita Buchner streitet für einen ehemaligen Store-Betreiber, der 2008 seinen Laden auf dem Bahnhof im hessischen Idstein geschlossen hat - nach nur einem Jahr Betrieb.

Sein Unternehmertum hat Buchners Mandant teuer bezahlt. Das Geschäft sei nie rentabel gewesen, sagt die Anwältin, hätte er nicht rechtzeitig aufgegeben, "wäre es für ihn ein Desaster geworden".

Kein Blumenverkauf zum Muttertag

Anita Buchner will von der Bahn einen umfassenden Schadenersatz erstreiten - in der Summe 110.000 Euro für Investitionen in Ladeneinrichtung und Ware. Dazu kommen noch die entstandenen Verluste. Derzeit sitze ihr Mandant auf einem Berg von Bankschulden und lebe von Hartz IV, sagt die Anwältin.

Sie klagt, dass die Bahn das unternehmerische Risiko voll auf den Store-Betreiber abwälze und bezeichnet den Franchisevertrag mit der Bahn als einen "Knebelvertrag".
So sind ihrem Mandanten beispielsweise Zusatzgeschäfte, etwa der Verkauf von Blumen an Muttertag, verboten worden. Und der anfangs in Aussicht gestellte lukrative Ticketverkauf sei nie zustande gekommen.

Für die 60 Quadratmeter Ladenfläche waren 760 Euro Mindestkaltmiete zu bezahlen, dazu war eine Franchisegebühr fällig - rund 1.500 Euro betrugen die monatlichen Fixkosten. Je mehr Umsatz Buchners Mandant machte, umso mehr Miete musste er zahlen.

Dieses System der umsatzgekoppelten Miete gilt auch für Pia Metzinger in Neckargemünd. Ihre Fixkosten betragen monatlich rund 2.500 Euro - ohne die Löhne für ihre vier Teilzeitkräfte, wohlgemerkt.

Schon ab Januar beginnt sie, Geld auf die Seite zu legen, damit sie die passagierarmen Ferienmonate im Sommer übersteht. „Dann ist auf dem Bahnhof tote Hose", sagt die Unternehmerin, die zuvor in einem Buchgeschäft gearbeitet hat und auf ihre Erfahrung in der Einzelhandelsbranche verweist.

­Versagen der Händler?

Von der Deutschen Bahn ist zu Problemen bei den Service Stores eine Aussage überliefert, die Anita Buchner stutzig macht: "Wir zwingen niemanden, Verträge mit uns abzuschließen." Für die Anwältin klingt das, als wisse die Bahn über die Schwächen ihres eigenen Systems.

Zu Der Handel sagte jedoch ein Sprecher des Konzerns: "Das Konzept hat sich bewährt. Die Mehrheit der Betreiber ist zufrieden."

Das System der DB Service Stores ist vom Deutschen Franchisenehmer Verband (DFNV) lizenziert worden. Dessen Präsident Bernd-Rüdiger Faßbender hält Anita Buchner für eine "wild gewordene Anwältin, die auf sich aufmerksam machen will". Die wirtschaftliche Schieflage ihres Mandanten sei ein Einzelfall, schließlich gäbe es genügend Läden, bei denen die Umsatzhochrechnungen auch einträfen.

Faßbender betont, dass es stets lediglich heiße, dass man einen bestimmten Betrag umsetzen könne - von einer Garantie sei nie die Rede. Für den DFNV-Präsidenten sind die Ursachen über den ausbleibenden Geschäftserfolg sinngemäß im unternehmerischen Versagen des jeweiligen Shop-Betreibers zu suchen.

"Das ist freie Marktwirtschaft, und dazu gehört eben auch Risiko", versucht Verbandschef Faßbender zu beschwichtigen.