Gut drin, gut drauf: Der Tampon wird in Deutschland 60 Jahre alt. So mancher Händler nahm den "unmoralischen" Artikel damals nicht ins Sortiment.

Ausgerechnet zwei Männer brachten das kleine Stück Watte für mehr Frauen-Bewegung nach Deutschland: Ende der 1940er-Jahre trafen sich der Ingenieur Carl Hahn und der Jurist Heinz Mittag am Düsseldorfer Rheinufer und überlegten, womit sie künftig ihr Geld verdienen könnten.

Ihre Aufmerksamkeit wurde durch eine amerikanische Zeitschrift geweckt, die mit dem Slogan "Be a rebel" für Tampons warb. Dass so ein Hygieneartikel auch in Deutschland erfolgreich wäre, davon waren die beiden schnell überzeugt. Sie fassten den Entschluss, die ersten Tampons für den deutschen Markt zu entwickeln.

Unterstützung bekamen Hahn und Mittag von der Gynäkologin Judith Esser Mittag. Die damals 27 Jahre alte Ärztin der Wuppertaler Landesfrauenklinik war begeistert: Als ehemalige Leistungsschwimmerin kannte sie die bisherige Notlösung ihrer Mannschaftskameradinnen. Denn die rollten Watte auf und bastelten sich sozusagen ihre Tampons selbst. Die Idee der maschinell gefertigten Tampons mit dem Rückholbändchen gefiel ihr dementsprechend gut.

Abschauen bei der Tabakindustrie

Die größte Herausforderung stand den Entwicklern jedoch noch bevor: Um die Tampons in großer Stückzahl produzieren zu können, musste eine Maschine her, die Watte mechanisch rollen konnte – eine Technik, die bereits in der Tabakindustrie angewendet wurde.

Hahn und Mittag beauftragten deshalb einen Experten aus der Zigarettenbranche, der eine solche Maschine konstruierte. Doch die Watte war widerspenstiger als Tabak und ließ sich schwer verarbeiten. Nachdem das Projekt nach vielen Versuchen endlich gelang, ließen sich Hahn und Mittag das Verfahren patentieren.

Einen geeigneten Namen entwickelte der Werber Baron Ludwig von Holzschuher. Er erfand den diskreten Namen "o.b.", kurz für "ohne Binde". Das ersparten den Frauen die Peinlichkeit, in der Apotheke einen auffälligen Namen aussprechen zu müssen.

Ein unmoralisches Angebot

Am 13. März 1950 wurden die ersten o.b.-Tampons in einer Zehnerpackung für 95 Pfennig verkauft. Doch die Markteinführung verlief nicht ohne Hindernisse: Viele Händler fanden es unmoralisch, Tampons in ihr Sortiment aufzunehmen. Auch bei den Frauen gab es Vorbehalte: Sie befürchteten, dass der Tampon in ihrem Körper verschwinden würde. Die Erfinder stellten also schnell fest, dass für ihr Produkt viel Aufklärung nötig sei.

Und das sollte auch noch lange so bleiben: Seit 1972 ist die o.b.-Verbraucherberatung eine ständige Einrichtung. 1974 erschien erstmals die Aufklärungsbroschüre "Vom Erwachsenwerden", und im selben Jahr wurde das sogenannte Schulpaket mit Unterrichtsmaterial für den Aufklärungsunterricht entwickelt. Zudem versorgte der Hersteller Frauen- und Kinderärzte mit Informationsmaterial.

Heute ein Milliarden-Erfolg

Der Erfolg von o.b. ließ nicht lange auf sich warten. Bereits im ersten Jahr wurden mehr als zehn Millionen o.b. Tampons verkauft. 1974 übernahm Johnson & Johnson die Dr. Carl Hahn GmbH. Heute werden in Deutschland jährlich rund eine Milliarde o.b. Tampons verkauft.