In vielen deutschen Städten hat die Ausdünnung des Fachhandels mit Tisch- und Haushaltswaren eine kritische Grenze erreicht. Die Aussichten für neue Ladenkonzepte sind deshalb gut. 

Die Aussichten des Fachhandels für den gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur, so die etwas sperrige Branchenbezeichnung, sind so gut wie lange nicht mehr. Der Bereinigungsprozess, der in den neunziger Jahren einsetzte, hat inzwischen eine kritische Grenze erreicht.

So war die Zahl der Glas-Porzellan-Keramik- (GPK) sowie Hausrat-Eisenwaren-Geschäfte, die in der Marktforschung seit einigen Jahren zusammengefasst werden, zuletzt nur noch leicht rückläufig. Von 2009 bis 2010 sank sie laut GfK von 5.250 auf 5.130. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 gab es noch 7.710 Fachgeschäfte.

Lücken im Angebot

"Die Ausdünnung der Versorgung hat ein solches Ausmaß erreicht, dass mancherorts eine Angebotslücke klafft", sagt Christoph Buluschek von der BBE Handelsberatung in München. Er glaubt deshalb: "Die Vorzeichen für eine Renaissance des GPK-Fachhandels in den Innenstädten standen nie so gut - nicht zuletzt wegen der abnehmenden Konkurrenz durch die Kaufhäuser."

Auch Gerald Funk, Präsident des Bundesverbandes für den gedeckten Tisch, Hausrat und Wohnkultur in Köln, beobachtet einen "Trend zurück in die Städte".

Fest steht: Die mittelständischen Fachhändler wollen - und können - die Stadtzentren nicht den Vertikalen wie Butlers, Depot oder neuerdings H&M und Zara Home überlassen. Alternativen gibt es für den Fachhandel schlichtweg nicht. "Unsere Branche tut sich schwer außerhalb der Innenstädte", sagt GPK-Verbandsgeschäftsführer Thomas Grothkopp. Um Teller und Tassen zu kaufen, fährt man eben nicht extra auf die Grüne Wiese.

Schnelldreher sind unverzichtbar geworden

Außerdem leben die Sortimente vom Impulskauf und dem Vorbeischlendern am Schaufenster. Und nicht zuletzt: Die Mieten in den Einkaufszentren sind für die meisten inhabergeführten Fachgeschäfte schlicht nicht finanzierbar.

Dennoch ist der Fachhandel mit einem Marktanteil von 26 Prozent weiter wichtigster Vertriebsweg für GPK und Haushaltswaren. Allerdings: Den klassischen Fachhändler gibt es schon lange nicht mehr. Der Sortimentschwerpunkt hat sich längst in Richtung Hausrat verschoben, auf Schnelldreher wie Kochbücher und Kochutensilien kann heute kein Händler mehr verzichten.

Porzellan und Glas werden vielerorts zu Randsortimenten

"Die klassischen Sortimente wie Porzellan und Glas geraten immer mehr an den Rand und beschränken sich auf einige wenige Protagonisten der Anbieterseite", sagt Hans-Jürgen Dammann. Der 63-Jährige ist mit seiner Beratungsfirma Plan B auf Räumungsverkäufe spezialisiert - und hat vor gut einem Jahr das Hildesheimer Fachgeschäft Hottenrott übernommen.

Foto: Abt
Foto: Abt
Ein Widerspruch? "Nein", betont Dammann. Als Räumungsverkäufer hat er etliche Insolvenzen unmittelbar miterlebt und die Erfahrung gemacht, "dass das sogenannte Fachhandelssterben selten von externen Markt- und Standortfaktoren beeinflusst wird". Meist hätten individuelle Gründe die Fachhändler zur Aufgabe gezwungen, allen voran eine mangelnde Nachfolgeregelung.

Auch in Hildesheim lag der Grund für die Hottenrott-Schließung nicht in Umsatz­prob­lemen vor Ort, sondern in der Insolvenz des Goslarer Haupthauses. Dammann, mit dem Räumungsverkauf bei Hottenrott betraut, griff beim Angebot des Insolvenzverwalters zu und kehrte so zu seinen kaufmännischen Wurzeln zurück. Bis 1995 hat er schon einmal ein GPK-Fachgeschäft in Itzehoe geführt.

Von der Krise profitiert

Minden und Hildesheim sind keine Einzelfälle. Die Beispiele für die Besetzung neuer oder die Wiederbesetzung alter GPK-Standorte in deutschen Städten mehren sich. In Esslingen übernahm im April 2010 das Stuttgarter Traditionsunternehmen Tritschler eine Teilfläche des Händlers Eberspaecher, und im oberschwäbischen Ravensburg eröffnete im Oktober die Ulmer Firma Abt ihre dritte Filiale.

Der Zeitpunkt ist auch deshalb günstig, weil die Tisch- und Haushaltswarenbranche vergleichsweise gut dasteht und von der Wirtschaftskrise durch den Rückzug aufs Heimische und den Kochtrend sogar profitiert hat.

Zuwächse bei hochwertigen Kochutensilien machen die seit Jahren rückläufigen Ausgaben für Geschirr, Gläser und Porzellan mehr als wett. Zwischen 2006 und 2010 wuchs der Gesamtmarkt für GPK- und Haushaltswaren  laut marketmedia 24 um 3,7 Prozent auf rund 8,6 Milliarden Euro. "Die GPK-Händler, die jetzt noch da sind, haben gute Karten, wenn sie ihre Sortimente entsprechend ausrichten", sagt Marktforscherin Marion Weikert von der GfK.

Verkaufsraum als Bühne

"Lebens- und Themenwelten statt starrem Abteilungs- und Produktdenken" so lautet das Motto, das sich GPK-Händler der neuen Generation wie Abt-Geschäftsführer Hermann Hutter von Marktprotagonisten wie Tchibo abgeschaut haben.

Hutter betreibt die Themeninszenierung in den Filialen Ulm, Günzburg und Ravensburg quer über alle Warengruppen mit absoluter Konsequenz. Steht gerade kein Saisonhöhepunkt an, gibt es auch einmal einen Schwerpunkt "Design in Nordeuropa".

"Der Erfolg unserer Branche hängt von der Erlebnisorientierung ab", sagt Hutter, der auch bei der Planung von Kundenaktionen erfinderisch ist. Der Erfolg gibt dem Konzept recht: Im Dezember konnte die neue Abt-Filiale in Ravensburg eine Verdoppelung der Umsätze im Vergleich zum Vorgängergeschäft verbuchen.

Hottenrott-Inhaber Dammann stößt ins gleiche Horn: "Der Verkaufsraum muss zur Bühne werden, auf der immer wieder ein neues Stück aufgeführt wird." Darin ist er sich mit Bernd Horenkamp einig. "Teller, Tassen und Gläser bekommt man überall", lautet das Credo des Vorstands der Verbundgruppe EK/servicegroup. Aber: "Ein neues Geschirr kauft man eben nicht nur aus Mangel an Tellern."