Andrew Jennings tingelt auch in den letzten Monaten durch die Karstadt-Filialen. Und für den Chef des Warenhauskonzerns wird dann eine Einkaufswelt inszeniert, die etwas vom normalen Alltag abweicht.

Wer einmal erleben will, wie es zugeht, wenn Andrew Jennings bei der Karstadt-Basis aufschlägt, hätte am Mittwoch ebenfalls das Haus auf der Frankfurter Zeil besuchen sollen. Das Kaufhaus wirkte fast aseptisch, so wurde es herausgeputzt und hergerichtet. Aber wenn der Chef aus Essen ganz offiziell vorbeischaut, dann muss die Welt, die man ihm präsentiert, schön und heil sein.

Dabei wäre es vielleicht besser gewesen, Jennings wäre unangemeldet in der Woche zuvor gekommen. Dann hätte er das echte Karstadt-Leben erfahren können, als etwa unzählige rotfarbene "Sale"-Schilder den Eindruck aufkommen ließen, hier läuft der Kunde durch einen großen Restpostenmarkt. Und Jennings hätte erleben können, wie sich Stammkunden beim Personal darüber beschweren, dass sie auf der Fläche keine Mitarbeiter mehr finden, die sie beim Einkauf beraten.

Langes Rennen, große Dimensionen

Nach Außen sind Jennings' Basisbesuche offenbar eine geheime Missionen. Der Sprecher des Unternehmens wollte auf Anfrage von derhandel.de nicht einmal bestätigen, dass der scheidende Chef am Mittwoch erst den Standort in Frankfurt und danach das Haus in Bad Homburg aufgesucht hat. So bleibt letztlich unklar, ob Jennings auf der Zeil tatsächlich auch mit dem Verkaufspersonal Kontakt aufgenommen hat oder sich nur mit Geschäftsleiterin Silke Neumann austauschte. Auf der Fläche wurde er jedenfalls nicht gesehen.
 
Aber es gibt ja das Karstadt-Mitarbeitermagazin, in dem Jennings seine Botschaften aussendet. So auch in der aktuellen Ausgabe, in der der Brite mit dem Motto "Go Big" für die Herbstoffensive mobilisiert, wie die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" notiert hat.

"Go Big", das klingt wie "Think big" oder "The future is bright" und soll fürs Denken in großen Dimensionen motivieren. Schließlich sagt ja Jennings stets, die Sanierung Karstadts sei kein Sprint, sondern ein Marathonlauf. Freilich steigt der Chef früh aus diesem Langstreckenrennen aus, in schon vier Monaten endet Jennings' Vertrag als Geschäftsführer. Der Nachfolger ist öffentlich nicht bekannt.

Mit London-Gefühlen

Zur neuerlichen Herbstoffensive von Karstadt gehört die Kampagne "Feel London", offiziell eröffnet wird sie am 4. September in der renovierten Filiale in der Düsseldorfer Schadowstraße. Für das neue London-Gefühl sollen unter anderem britische Modemarken wie Topshop Topman sorgen, die Karstadt ins Sortiment aufgenommen hat.

Die Herbstoffensive des Warenhauskonzerns betrifft auch die Technik der Filialen. Denn die zum Teil veralteten Kassensysteme sollen auf den neuesten technischen Stand gebracht werden. "Bis Ende September werden wir insgesamt rund 4.000 neue Kassen in den Filialen installiert haben und 26 Filialen haben bereits neue Server bekommen", zitiert die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" den zuständigen Karstadt-Manager Rüdiger Hartmann aus dem Mitarbeiter-Magazin.

Von dieser Aktion erhofft sich das Unternehmen weniger Systemfehler und eine Verringerung der Kassenabstürze. Das spare eine Menge Zeit und Ärger, sagte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage. Die neuen Kassen sind Teil einer umfangreichen Modernisierung der 86 Warenhäuser im Rahmen der Strategie Karstadt 2015.

Ab Oktober können Kunden in sämtlichen Filialen kontaktlos und mobil mit Kreditkarten von Mastercard und Visa zahlen. Dafür stellt Karstadt derzeit rund 3.400 Kartenterminals mit der drahtlosen Übertragungstechnik Near Field Communication (NFC) auf.

Verzahnung Online-offline geht alle an

Im Mitarbeitermagazin richtet sich auch der oberste E-Commerce-Verantwortliche Terry von Bibra an die Karstadt-Belegschaft. Die Verzahnung von Onlinehandel mit dem stationären Geschäft sei "nicht irgendein Projekt von Karstadt.de, sondern unser aller Zukunft im Warenhaus", betont der ehemalige Deutschland-Chef des US-amerikanischen Internetunternehmens Yahoo!

Karstadt setzt seit dem Weihnachtsgeschäft vergangenen Jahres auf das System Click & Collect, bei dem sich Onlinekunden ihre bestellt Ware versandkostenfrei in ihre Wunschfiliale zur Abholung liefern lassen können.