Wer im Jahr 2010 Karstadt begleitete, erlebte ein einzigartiges Kapitel deutscher Wirtschaftsgeschichte. Ob jetzt alles besser wird? Zumindest wird es aufregend. Denn nun kommt "The Hurricane".

Anfangs wollte man sich noch wundern über den Inhalt der SMS vom Kollegen, die einen im Urlaub auf Langeoog erreichte. Aber schließlich obsiegte der Fatalismus. Angesichts dieses ganzen Irrsinns war das nun auch egal. Es sollen gar 43,4 Millionen Euro gewesen sein, die Karstadt-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg als Honorar eingestrichen hat.

Das entspräche nur etwas weniger als ein Drittel der Gesamtsumme der finanziellen Zugeständnisse, die alle 25.000 Mitarbeiter des Warenhausbetreibers über einen Zeitraum von drei Jahren machen, um ihre Jobs retten.

Es war ein grandioses Schauspiel, diese Karstadt-Rettung. Für jeden Geschmack wurde etwas geboten, von Drama, über Tragödie, bis Lustspiel. Es gab Schurken, großherzige Damen, einen Paradiesvogel und einen edlen Helden.

Allein der Wettbewerb um den Zuschlag für den Kauf des Warenhauskonzerns war absurd und in dieser Form einzigartig. Da gab es den gierigen Karstadt-Vermieter Highstreet (Schurke), der arbeitsplatzabbauenden Investor Triton (natürlich auch Schurke), und plötzlich kam noch ein krudes Angebot aus Russland.

Und als dann der neue Karstadt-Liebling Nicolas Berggruen (Held!) endlich alles zu regeln schien, reklamierte der Italiener Maurizio Borletti (Paradiesvogel), das Warenhausgeschäft noch besser zu beherrschen.

Frist? Welche Frist?

Das Essener Amtsgericht verblüffte mit seiner Lässigkeit bei der Verlängerung von Fristen für die Beendigung des Insolvenverfahrens, die andere Unternehmer, die ihre ebenfalls angeschlagenen, aber leider unpopulären Betriebe zügig abwickeln mussten, rasend gemacht haben dürfte.

Wie schön auch, dass Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen sich zur großherzigen Schutzpatronin des Warenhauskonzerns erklärte, dabei wieder einmal gut beraten von der Werbeagentur Scholz & Friends.

Sehr hübsch geriet die Inszenierung an dem brüllend heißen Junitag, als die Ministerin in einem überfüllten und sauerstoffarmen Besprechungszimmer in der Karstadt-Filiale im Berliner Stadtteil Wedding quasi die Rettung des Warenhauskonzerns verkündete.

Ergriffen sekundiert von der Gewerkschafterin Margret Mönig-Raane, um danach mit der feenhaften Ministerin selig durch die Filiale zu schlendern, auf dass die Fotografen schöne Motive bekamen.

Dass dieser Auftritt drei Monate zu früh kam, stellte sich erst später heraus.

Bitte nur noch gute Nachrichten

Nachdem Insolvenzverwalter Görg das Ende der Arcandor-Tochter Quelle ziemlich zügig besiegelt hatte und er seitdem bei den Einwohnern von Fürth noch unbeliebter ist als Menschen aus Nürnberg, muss es für ihn gehießen haben: Karstadt darf nicht auch noch sterben.

Das wird sich auch Ministerin von der Leyen gesagt haben. Seit Sommer gibt es keine Finanzkrise mehr, die deutsche Wirtschaft schwingt sich auf - und deswegen, lieber Herr Görg, brauchen wir bitteschön ab jetzt nur noch gute Nachrichten.

Die jüngere Geschichte von Karstadt vor der Insolvenz erzählt von einem Unternehmen, in dem man vor sich hin "gewurschtelt" hat, als ob es kein Morgen gäbe.

Middelhoff redet alle in Trance

Wer sich 2010 fast täglich mit dem Schicksal von Karstadt beschäftigte, der lernte Menschen kennen, die über bizarre Sitzungen mit dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Thomas Middelhoff berichteten.

Dieser Mann muss die Gabe gehabt haben, Zuhörer regelrecht in Trance zu reden mit Visionen und Strategien, von denen keine aufging. Bezogen auf den Vorteil von Karstadt, nicht auf seinen.

Wer das Glück hatte und das Vertrauen früherer Führungskräfte fand, der bekam kleine Einblicke in den Irrsinn Karstadt, bei dem verfehlte Sortimentspolitik noch das harmloseste Vergehen gewesen sein dürfte. Aber das solle doch bitte nicht geschrieben werden, man wolle ja weiterhin in der Einzelhandelsbranche arbeiten.

Nun soll ein Brite aus diesem deutschen Traditionswarenhaus einen Einkaufspalast von mit internationaler Klasse formen. Das dürfte aufregend werden, denn der Spitzname von Andrew Jennings lautet: "The Hurricane".

Ein gutes neues Jahr, Karstadt!