Gerd Bovensiepen, Handelsexperte bei Pricewaterhouse Coopers, über die Folgen der Finanzkrise für den Konsum und die richtige Strategie für Händler.

Bovensiepen leitet das Competence Center Retail & Consumer bei Pricewaterhouse Coopers.

Viele Händler befürchten nach der Finanzkrise nun eine Konsumkrise. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage des Handels ein?
Momentan haben wir noch ein uneinheitliches Bild. Eines ist aber klar: Im Handel wird es Gewinner und Verlierer der Finanzkrise geben. Zu den Gewinnern zählen nicht nur etwa discountorientierte Vertriebsformen und die Preiseinstiegssegmente im Lebensmittelhandel, sondern auch Parfümerien oder Anbieter von Accessoires - also jene Händler, die Wohlfühlprodukte verkaufen. Textilhändler werden es dagegen tendenziell schwerer haben.

Wie gut sind die Handelsunternehmen für eine Krise gerüstet?
Das variiert natürlich stark von Händler zu Händler. Die mit einer soliden Finanzierung werden von dem zu erwartenden Konsolidierungsprozess profitieren. Generell gilt: Unternehmen, die die Zeiten vor der Krise dazu genutzt haben, um ihre Positionierung und Profilierung zu stärken, haben nun einen dickeren Mantel, um den Umsatzwinter zu überstehen. Wer dagegen schon jetzt mit einem Schnupfen kämpft, bekommt womöglich bald eine Lungenentzündung.

Was können Händler jetzt tun, um ihr Unternehmen gegen die negativen Folgen der Finanzkrise zu wappnen?
Man sollte sich unbeirrt weiter auf seine Stärken konzen-trieren und diese ausbauen - keinen Pessimismus verbreiten, sondern positiv die Chancen ergreifen und nach vorne schauen. Die Unternehmen müssen in diesen Zeiten verstärkt auf eine klare und konsequente Botschaft an die Verbraucher und an die eigenen Mitarbeiter achten.

Vor allem gilt es jetzt, die letzte Planung der aktuellen Situation anzupassen und die veränderten Zahlungsströme so gut wie möglich zu antizipieren. Dabei sollte man sich auch auf verschärfte Rabattschlachten auf Kunden und Lieferantenseite einstellen. Für diese Aufgaben sollte man eine "Task Force" einrichten, eine kleine Gruppe von Mitarbeitern aus verschiedenen Unternehmensbereichen, die sich regelmäßig mit den möglichen Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf das eigene Unternehmen beschäftigen.

Eine konsequente Ausrichtung auf Mega-Trends wie Bio, Convenience, Fairtrade und demografische Veränderungen wird ebenfalls in den anstehenden herausfordernden Monaten für den Geschäftserfolg von Bedeutung sein.

Ist das wirklich in Krisenzeiten gefragt?
Natürlich. Dass diese Strategie im Handel erfolgreich eingesetzt wird, sieht man aktuell an den guten Ergebnissen von Anbietern wie Alnatura. Es reicht aber nicht, eine Öko-Ecke im Laden einzurichten. Man muss sich ernsthaft, ganzheitlich und damit glaubwürdig mit diesen Themen im Markt darstellen. Auch hier zählt das gut durchdachte und konsequent gelebte Geschäftsmodell - und das gilt vor allem in Krisenzeiten.

Welche innerbetriebliche Maßnahmen müssen nun ergriffen werden?
Hier gibt es mehrere Ansätze wie im Bereich Prozessoptimierung, Risikomanagement, internes Kontrollsystem, Working Capital oder im Beteiligungsbereich. In Krisenzeiten ist es aber auch sehr wichtig, die Mitarbeiter zu motivieren. Wenn alle im Unternehmen verunsichert sind, sinkt die Effizienz. Man muss die Herausforderungen früh und klar benennen und die Mitarbeiter in die Zukunftsplanung mit einbeziehen.

Wie sieht es aus mit Maßnahmen zur Kostensenkung?
Auf diesem Gebiet ist die Handelsbranche in Deutschland bereits ziemlich weit und hat zum Beispiel eine der effektivsten Zulieferketten überhaupt. Dennoch sehe ich, dass in der gesamten Supply Chain noch Potenziale stecken, die es zu heben gilt. Noch nicht überall sind die Warenwirtschaftssysteme dort, wo sie sein könnten oder müssten.

Reichen die bisherigen Maßnahmen der Bundesregierung Ihrer Meinung nach, um die Binnennachfrage wieder in Gang zu bekommen?
Ein wichtiger Aspekt ist das Vertrauen, denn es geht bei dieser Krise nicht nur ums Geld: Politiker und Unternehmer müssen gemeinsam das Vertrauen in die Märkte und bei den Verbrauchern wieder herstellen. Sonst hilft nachhaltig auch kein Konjunkturpaket.

Interview: Marcelo Crescenti