Seit gut einem halben Jahr ist die "Initiative Tierwohl" am Start. Sie soll für bessere Bedingungen in deutschen Ställen sorgen. Doch das Programm ist unterfinanziert, Tierschützer bleiben skeptisch.

Angesichts wachsender Kritik an den Bedingungen, unter denen Millionen Schweine, Hühner und Kühe in Deutschland gehalten werden, ist die Nutztierbranche zum Jahresbeginn in die Offensive gegangen. Gemeinsam mit dem Handel wurde die "Initiative Tierwohl" ins Leben gerufen. Tierschützer loben zwar grundsätzlich das Ziel, für mehr Tierschutz in der Breite sorgen zu wollen. Dennoch sprechen sie von Etikettenschwindel. Und gut ein halbes Jahr nach dem Start ist auch klar: Das Programm braucht dringend weitere Geldgeber.

Die Funktionsweise der Initiative
Große Supermarktketten wie Aldi, Lidl und Edeka zahlen 4 Cent je verkauftes Kilogramm Schweine- und Geflügelfleisch in einen Fonds. Bis 2017 sollen so 255 Millionen Euro zusammenkommen, 2015 sind es 85 Millionen Euro. Daraus bekommen Schweine- und Geflügelhalter Geld, wenn sie in ihren Ställen bessere Bedingungen schaffen als gesetzlich vorgeschrieben - etwa mehr Platz für die Tiere oder Auslaufflächen.

Die bisherige Resonanz
Das Interesse der Bauern ist enorm. In der ersten Registrierungsphase bewarben sich gut 4600 Schweinehalter mit über 25 Millionen Tieren. Das Geld reicht aber nur für etwas mehr als 2100 Betriebe mit rund 12 Millionen Tieren. Beim Geflügel beginnt die Registrierung am 1. Juli.

Chancen für die Beteiligung weiterer Akteure
Entweder die Umlage wird erhöht, oder es finden sich mehr Firmen, die einzahlen. Gespräche, die Abgabe der Handelsketten zu erhöhen, gebe es derzeit nicht, sagt "Tierwohl"-Geschäftsführer Alexander Hinrichs. Stattdessen werde versucht, Händler, die bisher nicht teilnehmen, mit ins Boot zu holen. Auch andere Akteure wie Großverbrauchermärkte, die Gastronomie und das Fleischerhandwerk würden in den Blick genommen. Hinrichs: "Erste Gespräche werden bereits geführt."

Mögliche Folgen für die Fleischpreise
Der Handel muss sehen, wie er die Kosten für die Initiative wieder einspielt. Fleisch aus den zertifizierten Betrieben ist den Angaben zufolge noch nicht im Handel - dies wird erst im Spätsommer oder Herbst so weit sein. Bei Lidl und Edeka hieß es, es könne noch keine Aussage getroffen werden, ob Verbraucher künftig mehr für Fleisch zahlen müssen. Mehrere Faktoren spielten eine Rolle. So sei Schweine- und Geflügelfleisch generell größeren Preisschwankungen unterworfen.

Das "reine Gewissen" der Verbraucher
Tierschützer loben das Anliegen, mehr für den Tierschutz in der Breite zu tun. Dennoch ist von Verbrauchertäuschung die Rede. "Die angewandte Methodik im Schweinebereich taugt nicht, um nachhaltig Tierschutz abzusichern und notwendige Verbrauchertransparenz zu garantieren", meint der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder. Denn die Bauern könnten sich aus einer Liste selbst aussuchen, was sie umsetzen - und dies frei kombinieren. Das könne sich im Extremfall sogar negativ auf das Tierschutzniveau auswirken.