Anbieter von E-Business-Produkten hoffen, bei einer Belebung der Konjunktur wieder an die phantastischen Wachstumsraten der Jahrtausendwende anknüpfen zu können. Berlecon Research untersucht die "Stufentheorie des E-Business" aus heutiger Sicht und kommt zu einem ernüchternden Ergebnis.

Zurzeit fragen sich Anbieter von E-Business-Produkten, ob die IT-Industrie bei einer Belebung der Konjunktur wieder an die phantastischen Wachstumsraten der Jahrtausendwende anknüpfen kann. Um der Antwort auf diese Frage näherzukommen, beleuchtet Dr. Thorsten Wichmann von Berlecon Research die "Stufentheorie des E-Business", eine einflussreiche Entwicklungstheorie aus dem E-Business-Boom von 1999/2000.

Die Stufentheorie sieht vor, dass Unternehmen verschiedene Stufen der "E-Business Readyness" erklettern könnten und sollten. Unternehmen auf der ersten Stufe nutzen das Internet lediglich für Informationszwecke, abgebildet durch einfache Informations-Websites. Auf der zweiten Stufe tritt Interaktion hinzu: Die Websites der Unternehmen ermöglichen eine Kontaktaufnahme von Handelspartnern und Kunden sowie andere Arten der Interaktion. Auf der dritten Stufe kommt dann die Möglichkeit zur Abwicklung von Transaktionen, also zum Ein- und Verkaufen von Produkten und Diensten über die Website hinzu. Auf dieser Stufe beginnt mithin E-Commerce. Die vierte Stufe schließlich ist die Integration der IT-Systeme verschiedener Unternehmen über das Internet. Im Idealfall wählen die IT-Systeme automatisch Lieferanten aus, schicken bei Bedarf Bestellungen ab und initiieren die Bezahlung.

Laut Wichmann wurde in den Jahren des E-Business-Booms suggeriert, jedes Unternehmen müsse möglichst schnell diese Stufenleiter erklimmen. Aus heutiger Sicht habe diese naive Theorie der Entwicklung mindestens vier ernstzunehmende "Makel". Wichmann beschreibt diese Problemfelder wie folgt:

- Vernachlässigung der Kosten
Ende der 90er hat kaum jemand bei IT-Entscheidungen danach gefragt, was ihre Umsetzung kosten oder gar was ihr realistischer Ertrag sein wird. Mittlerweile ist die Frage nach dem Return-on-Investment aber wieder erlaubt. Und da zeigt sich, dass E-Business-Projekte häufig teurer sind als ursprünglich gedacht. Bei Berücksichtigung aller Kosten ist aber bei weitem nicht für jedes Unternehmen das Erreichen einer hohen Stufe auf der E-Business-Leiter ökonomisch sinnvoll. Je nach Branche, Größenklasse und Kundengruppe sind unterschiedliche E-Business-Komponenten sinnvoll. Viele Unternehmen dürften derzeit auf Stufe 2 ihr Optimum aus Kosten und Nutzen erreichen, und nur in geringem Maße Komponenten aus Stufe 3 und 4 nutzen. Damit sich komplexere Nutzungen für sie lohnen, müssen erst die Kosten dafür sinken.

- Vernachlässigung der internen Voraussetzungen
Die Stufentheorie konzentriert sich auf die Schnittstelle des Unternehmens zu Kunden und Lieferanten. In vielen, gerade in kleineren, Unternehmen fehlen aber bislang die internen Voraussetzungen, um beispielsweise Bestellungen durchgängig elektronisch abwickeln zu können. Diese Voraussetzungen zu schaffen und interne Prozesse elektronisch abzubilden ist ein langwieriger Vorgang, der in vielen kleineren Unternehmen gerade erst begonnen hat.

- Fokus auf Kaufen und Verkaufen
Die Stufentheorie ist deutlich durch die Ende der 90er Jahre stark verbreitete Faszination für E-Commerce beeinflusst, also für das Kaufen und Verkaufen von Produkten und Dienstleistungen über das Internet. Viel wichtiger als der eigentliche Kaufakt ist aber in vielen Branchen die elektronische Unterstützung aller damit verbundenen Vorgänge. So werden beispielsweise kaum Autos über das Internet verkauft, aber viele Käufer nutzen das Internet intensiv zur Vorbereitung der Kaufentscheidung. Unternehmen, die diese Aktivität bestmöglich unterstützen, nutzen E-Business durchaus effizient, obwohl sie laut Theorie nur auf einer niedrigen Stufe stehen.

- Zu starke Technikorientierung
Die Stufentheorie fokussiert auf die Installation bestimmter Technologie-Lösungen in Unternehmen. Viel wichtiger für die effiziente E-Business-Nutzung ist aber häufig das Know-how, wie die neuen technischen Möglichkeiten Gewinn bringend genutzt werden können, gerade in kleineren Unternehmen. Zahlreiche Fragen stellen sich den an E-Business interessierten Unternehmen: Wie findet man über das Internet verlässlich einen potenziellen neuen Zulieferer? Woran erkennt man die Qualität eines B2B-Marktplatzes? Welche Kosten spart man tatsächlich bei der Online-Bestellung? Welche versteckten Kosten erwarten einen bei der Nutzung eines Application Service Providers? Solche Nutzungskompetenz durch Versuch und Irrtum zu erwerben, ist ein langwieriger Prozess.

Wichmann ist deshalb der Auffassung, dass die Stufentheorie des E-Business aus heutiger Sicht der Realität nicht gerecht wird. E-Business sei deutlich vielschichtiger als in der Theorie dargestellt. Auch seien nicht alle Stufen für alle Unternehmen ökonomisch sinnvoll. Damit verliere aber die Vorstellung von Stufen ihren Sinn. Ein besseres Bild der E-Business-Möglichkeiten sei das eines E-Business-Portfolios. Je nach Größe, Branche, Kundenstruktur und anderer Merkmale eines Unternehmens werde das genutzte Portfolio von E-Business-Komponenten anders ausfallen.

Das optimale Portfolio für das eigene Unternehmen zu bestimmen und stückweise zu verwirklichen, wird nach Ansicht von Wichmann die E-Business-Aktivitäten der meisten Unternehmen in den nächsten Jahren prägen. Weil das ein langfristiger Vorgang sei und weil nicht für alle Unternehmen die Ausnutzung des technisch Möglichen ökonomisch sinnvoll sei, werde es wohl auch bei einer Konjunkturbelebung kein Wiederaufleben des E-Business-Booms geben. Wichmann betont, dass dies allerdings nicht das Ende des E-Business bedeute, sondern vielmehr den Anfang einer überlegten Verwirklichung der Chancen, die E-Business biete. (ST)


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