Hamsterkäufe in Tokio, Produktionsstopps nicht nur in Autowerken. Die Folgen des Erdbebens in Japan erreicht mittlerweile immer mehr Lebensbereiche. Das betrifft auch die deutschen Verbraucher.

Burkhard Weller klingt verstimmt. "Das heißt gar nichts", knurrt der Präsident des Verbandes der deutschen Toyota-Händler auf die Frage von derhandel.de, was der Produktionsstopp in japanischen Toyota-Fabriken für deutsche Händler dieser Marke bedeuten werde. Der japanische Autobauer kündigte ein Aussetzen von Montag bis Mittwoch in all seinen inländischen Fabriken an.

Nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo News seien dies Sicherheitsvorkehrungen für die Arbeiter und deren Familien in den vom Erdbeben erschütterten Regionen. Die dreitägige Betriebspause komme einem Verlust von 40.000 produzierten Autos gleich, berichtete die Agentur.

Weller ist trotzdem nicht in Sorge. Vielmehr stören ihn Panik- und Falschmeldungen, die bereits zirkulieren. Viel lieber verweist er auf die Statistik: 74 Prozent aller in Deutschland verkauften Toyotas stammten aus europäischen Fabriken, die restlichen 26 Prozent aus den japanischen Werken Nagoya und Toyota City. Beide Städte liegen mehrere hundert Kilometer in südwestlicher Richtung von Tokio und damit vom Erdbebengebiet entfernt.

"Moralisch betroffen, nicht geschäftlich"

Der Osnabrücker Weller, nach eigenen Angaben Deutschlands größter Toyotahändler, sagt, dass die deutschen Händler durch die Folgen des Erdbebens moralisch betroffen sind, "aber nicht geschäftlich".

Die Deutschland-Zentrale von Toyota teilt mit, dass alle Fahrzeuge aus japanischer Produktion, die in den nächsten Wochen für Kunden in Europa bestimmt sind, sind bereits verschifft seien. "Da die Schiffe etwa sechs Wochen unterwegs sind, wird in den kommenden Wochen nicht mit Lieferverzögerungen gerechnet", heißt es in einem Schreiben.

Auch Thomas Almeroth verbreitet keine Panik. Wenngleich der Geschäftsführer im Verband der Internationalen Kraftfahrzeughersteller (VIDK) auch im Gespräch mit derhandel.de betont, dass es noch zu früh sein, um die Lage für den deutschen Handel zu beurteilen. Schließlich sei die Meldung über den Produktionsstopp in den Autowerken erst wenige Stunden alt.

Auch die Toyota-Töchter Daihatsu Motor und Hino Motors wollen die Produktion drosseln. Die Firma Isuzu Motors wollte ihre Produktion sogar von Montag bis Freitag lahmlegen. Weil zu wenig Autoteile geliefert wurden, musste auch Honda Motor seine Produktion in der Erdbeben betroffenen Region einstellen.

Almeroth vermag aber noch nicht einzuschätzen, welche Autos dieser Fabrikate auch für den deutschen Markt bestimmt sind. Gleichfalls sei es noch viel zu früh zu beurteilen, ob Marken aus anderen Ländern durch Lieferschwierigkeiten der Japaner eventuell Wettbewerbsvorteile bekommen können.

Auch Elektronikhandel noch ruhig

Doch nicht nur Autofabriken haben nach der Naturkatastrophe in Japan ihren Betrieb vorübergehend eingestellt.  Sony setzte den Betrieb in der Fabrik für Klebebänder bei Kanuma, nördlich von Tokio, aus. Und der Elektronikriese Toshiba kündigte an, dass in Fukaya, bei Tokio, die Produktion von Flachbildschirmen eingestellt werde. Das berichtete ebenfalls die Nachrichtenagentur Kyodo News.

Mögliche Lieferprobleme von Flachbildschirmen beträfen wiederum auch den deutschen Elektronikhandel. Doch auch hier herrscht noch Ruhe. "Derzeit liegen uns hierzu noch keine gesicherten Informationen vor, auch nicht zu Toshiba. Im Moment gibt es auch noch keine Engpässe in der Warenversorgung", sagt Benedict Kober auf Anfrage von derhandel.de.

Im Moment sei sogar noch Ware unterwegs, sagte der Vorstandssprecher der Elektronikhandel-Verbundgruppe Euronics.  "Wenn Engpässe auftreten, dann erst mit einem gewissen zeitlichen Verzug. Selbstverständlich sind wir in engem Kontakt mit unseren japanischen Industriepartnern, um uns aus erster Hand mit alle relevanten Informationen zu versorgen."

Bei Metro wird gehamstert

Der japanische Verbraucher ist dagegen in höchster Sorge. In den Großmärkten des Handelskonzerns Metro nahe Tokio gibt es inzwischen vermehrt Hamsterkäufe. "Die Leute bevorraten sich vor allem mit Wasser und Reis, aber auch mit Konserven", sagte ein Unternehmenssprecher am Montag in Düsseldorf.

Alles laufe aber relativ ruhig ab. "Bis jetzt haben wir noch keine Lieferengpässe." Die neun SB-Großmärkte seien nur leicht beschädigt worden und hätten seit Samstag wieder geöffnet, sagte der Sprecher. Metro hat 1.000 Mitarbeiter in Japan.

Absatzsteigerung von Geigerzählern

Auch auf dem deutschen Markt sind die Auswirkungen des Erdbebens, vor allem aber der desaströsen Situation der beschädigten japanischen Atomkraftwerke bereits spürbar. Die Verbraucher kaufen verstärkt Geigerzähler.

"Es gibt eine immense Absatzsteigerung. Wir haben in den vergangenen Tagen Hunderte Geräte verkauft", sagte ein Sprecher des Elektronikfachmarktes Conrad am Montag. "Nach Geigerzählern fragt sonst kaum ein Kunde. Das ist fast unglaublich", ergänzte der Sprecher. Ein Messgerät koste immerhin zwischen 300 und 500 Euro.

Normalerweise werden Geigerzähler in Atomkraftwerken eingesetzt, um Radioaktivität zu messen. Die Geräte sind nach ihrem Erfinder, dem Physiker Johannes Geiger (1882-1945), benannt und erfassen ionisierende Strahlung. Sie kann von radioaktiven Stoffen ausgehen.

Steffen Gerth mit Material von dpa