Als Herausgeber des Szene-Magazins „Berlin Valley“ ist Jan Thomas einer der profundesten Kenner der Startup-Szene. Auf dem etailment Summit am 29. September in Frankfurt stellt er zehn vielversprechende Gründer vor und will zeigen, wie Startups einzelne Branchen umkrempeln. Hier verrät er, welche Tugenden und Trends dabei gefragt sind.
Jan Thomas (Foto: NKF Media)
Jan Thomas (Foto: NKF Media)

Als Herausgeber der Print-Magazine „Berlin Valley“ und „The Hundert“ hast Du die Startup-Szene bestens im Blick. Was ist die besondere Tugend deutscher Gründer? 

Jan Thomas: Es ist meines Erachtens schwer von „deutschen Gründern“ zu sprechen. Unser Verlag sitzt in Berlin. Ein Großteil der herausragenden Berliner Startups wird von internationalen Gründern gestartet. In vielen Startups finden wir 30 oder mehr Nationalitäten. Diese Internationalität ist aus meiner Sicht der entscheidende Faktor, denn Spielregeln, Markt und Wettbewerb sind ebenfalls international. Grundsätzlich gilt die Erfolgsformel: Fokussiertes Team, bahnbrechende Idee, großer Markt und ausreichend Kapital, um diese Idee schneller umzusetzen als die Konkurrenz.

Dein Verlag NKF Media sitzt in Berlin. Wie hat sich die Startup-Szene dort in den vergangenen Jahren verändert?

Jan Thomas: In Berlin entsteht derzeit der zukunftsfähigste Standort in ganz Deutschland, wenn nicht in ganz Europa. Kein anderer Ort hat sich in den letzten Jahren in ähnlicher Geschwindigkeit verändert. Berlin hat weltweit einen hervorragenden Ruf. Es steht (noch) für eine einzigartige Mischung aus Aufbruch, Party, Kultur und Offenheit. Daher strömen auch weiterhin Unmengen junger Talente aus der ganzen Welt zum Leben und Arbeiten nach Berlin. Das kommt natürlich den Startups zu Gute, die ihrerseits einen ungebrochenen Bedarf an Mitarbeitern haben und zeitgleich die coolsten Arbeitgeber sind. Denn junge Leute wollen die Welt verändern, was man bei einem Corporate natürlich nur sehr eingeschränkt kann.

Die Börsengänge von Zalando und Rocket Internet waren wichtige Leuchtturm-Signale, ebenso wie die ersten größeren Exits (z.B. 6Wunderkinder oder Quandoo). Und auch die Aktivitäten Axel Springers haben massiv auf das Berliner Ökosystem eingezahlt.

"Die internationalen Geldgeber haben Berlin inzwischen auf der Agenda."

 

Die internationalen Geldgeber, insbesondere aus den USA und Asien, haben Berlin dadurch inzwischen auf der Agenda. Zusätzlich erleben wir derzeit auch eine neue Gründungswelle unter den Venture Fonds. Vor allem erfolgreiche Startup-Unternehmer, die nun Teile ihres Kapitals ins Ökosystem investieren. Aber auch etablierte Fonds wie Earlybird, Lakestar oder Project A legen gerade neue Fonds auf. Das ist beruhigend, denn die ausreichende Kapitalisierung ist bekanntlich ein kriegsentscheidender Faktor.

Einen dritten, wenngleich noch eher unbedeutenden, Trend markieren die Corporates, die in den letzten Jahren begonnen haben, durch Investments oder die Gründung eigener Inkubatoren und Labs eine Brücke nach Berlin zu bauen.

In welchen Branchen beobachtest Du besonders vielversprechende Startups?

Jan Thomas:  Ich tue mich schwer, Branchen hervorzuheben. Man muss einfach verstehen, dass Startups antreten, um die Welt zu verbessern. Und das wirkt sich am Ende des Tages auch auf die Kundenfreundlichkeit aus. Etablierte Tech-Unternehmen wie Uber oder Amazon sind dafür der beste Beweis.

Auf dem etailment Summit präsentierst du zehn Startups. Warum hast Du Dich für diese entschieden?

Jan Thomas: Wir möchten zeigen, wie Startups einzelne Branchen umkrempeln. Zeitgleich möchten wir eine möglichst große Bandbreite der Startup-Szene demonstrieren, sowohl inhaltlich als auch von der Systematik. Ich denke, unsere Auswahl spiegelt beides gut wider.

"Die meisten Geschäftsmodelle, die heute als etabliert und erfolgreich gelten, werden in zehn oder zwanzig Jahren verschwunden sein."

Die großen Handelskonzerne sind inzwischen aufgewacht und kooperieren mit Startups. Der deutsche Mittelstand wirkt eher untätig. Lässt er sich da Chancen entgehen?

Jan Thomas: Aus meiner Sicht lässt jedes Unternehmen, das sich nicht jeden Tag fragt, wie man mit Startups zusammenarbeiten kann, ein unglaubliches Potenzial zur Absicherung der eigenen Zukunftssicherung liegen. Die meisten Geschäftsmodelle, die heute als etabliert und erfolgreich gelten, werden in zehn oder zwanzig Jahren verschwunden sein. Ein Paradebeispiel ist UPS, die gerade damit beginnen, ein globales 3D-Printing-Netzwerk aufzubauen. Sie haben verstanden, dass sich der Markt der Ersatzteil-Lieferungen dramatisch verändern wird.

Dass in der Konsumgüterindustrie neue Produkte immer wieder floppen, daran stört sich kein Mensch. Bei Startups wird jedes Scheitern mit dem Warnruf „Blase“ begleitet. Was stimmt da nicht?

Jan Thomas: Das Gefühl teile ich überhaupt nicht. Es ist meines Erachtens klar und anerkannt, dass jedes Startup ein Experiment ist. Scheitern gehört hier zum Spiel und ist völlig untragisch. In den USA gilt sogar, je schneller ein Startup scheitert, desto besser. Ob es sich um eine Blase handelt, kann ich nicht beurteilen. Als Medienmacher denke ich allerdings, dass die weltweite Medienblase deutlich größer ist und früher platzen dürfte.

„The Hundert“ startete im Herbst 2013, „Berlin Valley“ gibt es seit 2014. Dein Verlag NKF Media ist also ein Startup. Hat das Deinen Blick auf Startups verändert?

Jan Thomas: Eindeutig ja. Vor ein paar Jahren war für mich alles neu und per se faszinierend. Es fällt inzwischen deutlich leichter, die Spreu vom Weizen zu trennen. Auch lassen mich Meldungen große über Finanzierungsrunden mittlerweile recht kalt. Aber die Grundfaszination ist geblieben: Wir berichten über Unternehmen, die unsere Zukunft verändern. Und das finde ich sensationell.

Welche Erfahrungen kannst Du weitergeben?

Jan Thomas: Hier könnte ich Dir jetzt ein Buch ins Mikrofon diktieren. Mein wichtigstes eigenes Learning ist wahrscheinlich, dass Du den Ozean nur überqueren kannst, wenn Du ein Top-Team aus hochmotivierten Leuten hast. Wenn Du das gefunden hast, ist kein Weg zu weit und kein Berg zu hoch.

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