Die Stimmung im Handel ist so gut wie lange nicht. Kein Grund zum Zurücklehnen: KfW-Vorstandsmitglied Ingrid Hengster sieht den Handel vor gewaltigen Herausforderungen. Welche, verrät sie im Exklusiv-Interview.

Frau Hengster, die Party wird nicht ewig währen: Kommt 2016 das Ende des billigen Geldes?

Unsere Volkswirte rechnen mit weiterhin niedrigen Zinsen. Trotz Fortschritten in Europa fehlt dem Aufschwung noch an Kraft. Zudem sind wir zurzeit in der Währungsunion von einer Inflationsrate von 2 Prozent weit entfernt. Deshalb wird die Geldpolitik expansiv bleiben. Also haben wir auch 2016 ein sehr günstiges Zinsumfeld plus einer im Jahresdurchschnitt niedrigen Inflationsrate: Für den Handel ist das sehr positiv. Der Konsum bleibt wichtigster Treiber der Konjunktur.

Wie steht es um die Investitionsbereitschaft der Unternehmen?

Der Mittelstand investiert seit 2014 wieder mehr. Unsere Volkswirte erwarten für 2015 einen Anstieg der realen Unternehmensinvestitionen von rund zweieinhalb Prozent und für 2016 noch etwas mehr.

Und der traditionell eher vorsichtige Handel?

Hier zeigt sich ein noch besseres Bild. Seit dem Tief im Rezessionsjahr 2009 hat der Handel im Vergleich zur restlichen mittelständischen Wirtschaft mehr investiert. Insgesamt haben 2014 knapp 40 Prozent der Händler Investitionen getätigt, aufaddiert waren es rund 16 Milliarden Euro. Die Stimmung im Handel ist extrem positiv, wie auch das aktuelle KfW-Ifo-Mittelstandsbarometer zeigt. Wir als KfW machen uns deshalb über die Investitionsbereitschaft im Handel momentan keine Sorgen.

Woher kommt die Zuversicht?

Die Zinslandschaft bleibt weiterhin sehr moderat, die Konjunktur in Deutschland und in Europa erholt sich weiter. Dafür sprechen einige Faktoren wie die - zumindest hierzulande - niedrige Arbeitslosigkeit. Die Menschen haben mehr Geld in der Tasche, und sie geben es aus.

Rechnen Sie mit konjunkturellen Impulsen durch die Flüchtlinge?

Die KfW hat auf die Flüchtlingskrise unmittelbar reagiert und im Herbst ein Förderprogramm aufgelegt, das 1 Milliarde Euro umfasst. Durch die so bereitgestellten zinslosen Darlehen für die Kommunen für den Bau von Flüchtlingseinrichtungen werden bereits konjunkturelle Impulse gesetzt, ebenso durch die steigenden Konsumausgaben des Staates. Was sonst noch folgt, ist derzeit schwer abzusehen.

Viele Händler finanzieren ihre Investitionen über ihr aufgestocktes Eigenkapital. Ist das empfehlenswert?

Im Vergleich mit anderen Wirtschaftszweigen scheint der Handel etwas weniger bereitwillig Kredit aufzunehmen. Vielleicht sind Händler vorsichtiger, weil sie unmittelbarer von konjunkturellen Veränderungen betroffen sind. Es ist nicht verkehrt, die Eigenkapitalausstattung zu verbessern. Damit ist man solider aufgestellt, sollte der nächste Umschwung kommen. Aber bei den historisch günstigen Finanzierungskonditionen muss man eigentlich zugreifen.

Welche Formen der Finanzierung empfehlen Sie welchen Handelsformaten?

Es gibt kein allgemeingültiges Rezept. Jedes Vorhaben ist speziell: Der Kaufmann ist speziell, die Branche, die Größenordnung, die Art der Investition. Man sollte das mit seinem Finanzierungspartner diskutieren, auch die KfW gibt wertvolle Tipps. Wichtig ist, dass man den Finanzierungsbedarf nicht zu klein wählt, sondern ausreichend dimensioniert. Oft schaut man gerade bei Gründungen nur auf die Investitionen, aber nicht auf den laufenden Betriebsmittelbedarf. Ein wichtiger Punkt ist zudem die Wahl der richtigen Finanzierungsstruktur im Sinne von Fristenkongruenz.

Erläutern Sie das bitte.

Wenn ich beispielsweise weiß, eine Investition amortisiert sich erst über einige Jahre, dann ergibt es Sinn, langfristig zu finanzieren. So kann ich mich auf den geschäftlichen Fortgang konzentrieren und muss mich nicht permanent mit meiner Bank auseinandersetzen.

Wie kommt hier die KfW ins Spiel?

Als Förderbank versuchen wir zu unterstützen, indem wir verschiedene Finanzierungsprodukte anbieten: Fremdkapital, mezzanines Kapital, Eigenkapital. Unseren Refinanzierungsvorteil geben wir in Form von besonders günstigen Konditionen an unsere Kunden weiter: niedrige Zinsen, passend lange Laufzeiten und zum Teil auch Tilgungszuschüsse.

Manche Händler greifen auf alternative Finanzierungsprodukte wie Schuldscheindarlehen zurück. Wie schätzen Sie das ein?

Die Diversifizierung von Finanzierungsformen ist nicht verkehrt. Aber jedes Produkt hat unterschiedliche Voraussetzungen. Bei einer Anleihe bin ich mit anderen Investoren konfrontiert als bei einer Kreditfinanzierung und muss mehr Transparenz zeigen. Zudem geht es bei Kapitalmarktprodukten in der Regel um größere Kreditsummen im zweistelligen Millionenbereich. Das macht für kleinere Unternehmen keinen Sinn.

Wie kann der Händler noch Kosten sparen?

Im Bereich der Energieeffizienz von Unternehmen sehen wir erhebliches Potenzial. Daher haben wir in diesem Jahr unser Angebot zur Förderung von Energieeffizienzinvestitionen verbessert. Seit Juli fördern wir den Bau und die energetische Sanierung von Gebäuden im gewerblichen Bereich mit besonders günstigen Zinsen und Tilgungszuschüssen aus Bundesmitteln. Das ‚KfW-Energieeffizienzprogramm‘ haben wir vereinfacht, es ist kein Beraternachweis mehr notwendig. Gerade für Händler mit schmaler Kostendecke ist das interessant.

Worin investiert der Handel vor allem?

Zwei Drittel der Investitionen fließen in die Kapazitätserweiterung. Omnichannel ist ein wichtiges Thema neben stationären Konzepten wie der Ausstattungsverbesserung oder dem Lagerbau. Mir begegnet kaum noch ein Händler, der nicht parallel beide Kanäle austestet oder bereits anbietet.

Wird 2016 das Jahr des Omnichannel-Ausbaus?

Für viele steht das Thema Digitalisierung ganz oben auf der Agenda, je nach Branche und Geschäftsmodell in unterschiedlichen Ausprägungen. Die meisten Händler beschäftigen sich intensiv damit, wie sie weiterhin attraktiv für den Kunden bleiben können. In den vergangenen zwei, drei Jahren hat es da noch einmal einen großen Sprung gegeben.

Was beschäftigt den Handel noch?

Demographie und Energieeffizienz sind ebenfalls große Themen.

Wieso spielt Demographie 2016 eine Rolle?

Der demographische Wandel kommt bei den Unternehmen in Deutschland an: Bis 2018 suchen gut 600.000 mittelständische Unternehmer einen Nachfolger. Dahinter stehen rund 4 Millionen Arbeitsplätze und wichtiges Know-how. Stehen Unternehmer vor der Übergabe in familienfremde Hände, sinkt die Investitions- und Innovationsneigung. Das ist schlecht für den Substanzerhalt des Unternehmens und damit für die Arbeitsplätze und die Innovationskraft in Deutschland. Eine Herausforderung ist das Finden eines Nachfolgers. Das nimmt einige Jahre in Anspruch. In dieser Zeit passiert dann auch nicht viel.

Oft sind es die Unternehmenslenker, die nicht loslassen können…

Klar ist: Unternehmertum bereitet vielen Firmenlenkern große Freude. Da ist es nicht einfach loszulassen. Das braucht Zeit…

Wann sollte ein Unternehmer anfangen, sich über einen Nachfolger Gedanken zu machen?


Mindestens drei Jahre vor der tatsächlichen Übernahme sollte man sich auf die Suche begeben, raten Fachleute. Es dauert einfach seine Zeit, bis man die oder den Richtigen gefunden hat.

Was tut die KfW?

Wir unterstützen beispielsweise die Nachfolgerbörse Nexxt-Change. Dort treffen Unternehmer und Interessierte zusammen. Seit 2006 ist es gelungen über 12.000 Unternehmen in neue Hände zu geben. Als Bank helfen wir aber vor allem bei der Finanzierung von Übernahmen und den damit verbundenen Investitionen – unter anderem über unsere verschiedenen Gründungsförderprogramme.

Übernahmen gelten als Gründungen?


Ja, viele Unternehmen werden von Gründern übernommen, die so in die Selbstständigkeit starten. Etwa 40 Prozent unserer Förderzusagen in der Gründungsförderung gehen an Übernahmegründungen.

Bis 2018 stellt die KfW über 1 Milliarde Euro zusätzlich für Firmengründer zur Verfügung. Die Kredite von bis zu 100.000 Euro sind angeblich leicht zu bekommen. Gelten hier andere Maßstäbe?

Sie sprechen die Fördermittel im ‚ERP-Gründerkredit Startgeld‘ an. Auch hier prüfen die Banken ganz klassisch: Sie schauen sich den Gründer an, schätzen den Businessplan ein, blicken auf die Historie, inwiefern bereits ein wirklich nachvollziehbares Geschäft vorliegt. Dann wird die Kreditvergabe entschieden. Besonders ist aber, dass wir als KfW hier mit dem Europäischen Investitionsfonds zusammenarbeiten und so den Hausbanken bei der Finanzierung 80 Prozent des Risikos abnehmen können. Sollte der Gründer scheitern, muss die Hausbank nur 20 Prozent der Haftung tragen. Das erleichtert die Kreditvergabe an die mutige, aber risikoreiche Kundengruppe.

Welche Sparten sind besonders gründungsfreudig?


In unserer repräsentativen Befragung KfW-Gründungsmonitor verzeichnen wir die meisten Gründungen im Dienstleistungssektor. Danach folgt mit einem Anteil von im Schnitt 17 Prozent bereits der Handel. Das deckt sich auch mit unserer Förderung: Insgesamt haben wir 2014 ein Gesamtvolumen von 2,8 Milliarden Euro an Zusagen für Gründungen gehabt, davon entfielen 17 Prozent auf den Handel.

Ein Riesenthema für den Handel ist auch der Anstieg der Miet- und Immobilienpreise.

Steigende Mieten sind eine Herausforderung für Geschäfte und Regionen. Werden Geschäfte geschlossen, kommen oft mehrere Gründe zusammen. Die hohe Miete ist ein Grund, eventuell auch das Zünglein an der Waage. Andere Gründe sind beispielsweise fehlende Nachfolger oder ganz persönliche Gründe des Geschäftsinhabers. Ich bin aber gar nicht so pessimistisch. Konsumenten haben ein großes Interesse an einer Angebotsvielfalt vor Ort. Hier sehe ich die Chance für den Handel, und deshalb sehe ich auch nicht schwarz für Städte, in denen die Mieten hoch sind.

Wo kaufen Sie selbst am liebsten ein?

Ich gehe gern in Geschäfte. Ich habe meine Stammhändler, die mich kennen. Ich finde es schön, wenn die Verkäuferin sofort weiß, was ich will. Das ist für mich Wertschätzung. Ähnliche Dinge bekomme ich vielleicht auch woanders. Aber ich kaufe sie lieber dort, wo ich freundlich behandelt werde.