Zu viele Wettbewerber, seit Jahren sinkende Flächenproduktivität: In der Baumarktbranche herrscht ein gnadenloser Wettbewerb, den nicht alle überleben werden. Die Praktiker-Pleite könnte erst der Anfang sein.

Bau- und Heimwerkermärkte leiden unter dem langen Winter und verregnetem Frühjahr, wie es derzeit allenthalben heißt. Der Gesamtumsatz der Branche sank im Zeitraum Januar bis Ende Mai um 6,2 Prozent auf gut 7,4 Milliarden Euro brutto, wie der Branchenverband BHB am Freitag in Köln mitteilte.

Bei Pflanzen, Gartengeräten und Gartenmöbeln sank der Branchenumsatz in den ersten fünf Monaten prozentual leicht zweistellig. Auch Marktführer Obi wird in diesem Jahr schwächer wachsen, wie der Mutterkonzern Tengelmann am Donnerstag einräumte. "Wenn der Boden gefroren ist, kriegen Sie nichts in den Boden. Und wenn es nass ist, gehen Sie nicht in den Garten", schilderte Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub die Folgen der Witterung auf die Umsätze im Gartensegment.

Die Branche hat aber noch ganz andere, grundlegendere Probleme als das Wetter. Zwar wird nirgendwo sonst in Europa soviel Umsatz auf dem Heimwerkermarkt gemacht wie in Deutschland -  nirgendwo sonst ist aber auch der Flächenbesatz so hoch.

Immer mehr Märkte, immer größere Flächen

Gab es im Jahr 1990 in Deutschland knapp 1.400 Baumärkte, so kämpfen heute fast 2.400 Märkte mit Preisnachlässen, Service-Angeboten und ausgefeilten Marketing-Strategien um die Gunst der Kunden. Die durchschnittliche Verkaufsfläche der Betriebsstätten stieg laut einer EHI-Erhebung im gleichen Zeitraum von 2.240 auf 5.430 Quadratmeter.

Für die deutschen Verbraucher bedeutet der harte Wettbewerb im besten Fall günstige Preise, für die Unternehmen jedoch niedrige Gewinnspannen. Denn die Umsatzentwicklung spiegelt das rasante Flächenwachstum der vergangenen Jahrzehnte nicht wider. Zwar sind die Deutschen ein Volk der Häuslebauer und Wohnungsrenovierer, das den Bau- und Heimwerkermärkten 2012 rund 19 Milliarden Euro Umsatz bescherte.

Zählt man Gartencenter, Raumausstatter, Fachmärkte und Kleinbetriebe dazu, kommt der deutsche Do-It-Yourself-Markt auf ein Umsatzvolumen von knapp 45 Milliarden Euro, wie das EHI errechnet hat. Die Branchenumsätze sind stabil - die jährlichen Wachstumsraten jedoch bescheiden: Nur um 11,7 Prozent sind die Erlöse nach EHI-Erhebungen seit dem Jahr 1999 gewachsen.

Quelle: EHI-Dossier "Baumärkte in Deutschland 2013"
Quelle: EHI-Dossier "Baumärkte in Deutschland 2013"
Im gleichen Zeitraum nahm die durchschnittliche Flächenproduktivität der 20 führenden Baumarktunternehmen von 1.615  auf 1.441 Euro Bruttoumsatz pro Quadratmeter Verkaufsfläche, und damit um 10,8 Prozent, ab.

Zweimal so viel Baumarktfläche wie Großbritannien

Die Baumarktkette Praktiker, die mit ihren Rabattaktionen "20 Prozent auf alles - außer Tiernahrung" lange Zeit auf den Preis setzte, ist jetzt pleite. Rund 20.000 Mitarbeiter im In- und Ausland stehen vor einer ungewissen Zukunft. Managementfehler aber auch das Marktumfeld forderten ihren Tribut.

Dass in diesem gnadenlosen Wettbewerb zwangsläufig etliche Märkte auf der Strecke bleiben, ist nach Ansicht von Experten unumgänglich. Die Praktiker-Pleite könnte nur der Beginn eines Bereinigungsprozesses sein.

Die Baumarktdichte in Deutschland sei zu hoch, sagt Marco Atzberger vom Handelsinstitut EHI. Viele großflächige Märkte wurden aus dem Boden gestampft. Immer mehr ältere, kleine Märkte müssen weichen. In Branchenkreisen wird der Flächenüberhang auf etwa 25 Prozent und mehr geschätzt. Das heißt, jeder vierte Markt ist eigentlich überflüssig.

Auch der Blick ins Ausland bestätigt das Bild dichtgepflasterter Baumärkte. "Deutschland hat fast zweimal soviel Verkaufsfläche wie Großbritannien", beschreibt John Herbert, Generalsekretär des europäischen Bau- und Heimwerkerverbandes EDRA. In keinem anderen europäischen Land werde mehr Umsatz mit dem Heimwerken gemacht als in Deutschland. In den Nachbarländern sei außerdem die Schar der miteinander konkurrierenden Baumarktketten deutlich kleiner.

Nach der Praktiker-Pleite

Quelle: EHI-Dossier "Baumärkte in Deutschland"
Quelle: EHI-Dossier "Baumärkte in Deutschland"
Über die Auswirkungen der Praktiker-Pleite wird in der Branche spekuliert. Wird es eine vergleichbare Wellenbewegung geben wie in der Drogeriebranche nach der Schleckerpleite? Danach gab es erst einen Ausverkauf, unter dem die Konkurrenz litt, weil sich viele Verbraucher zu Schnäppchenpreisen bevorrateten. Dann aber konnten Schlecker-Konkurrenten einen Umsatzschub verzeichnen.

Obi-Mutterkonzern Tengelmann betonte gestern bei der Vorlage des Geschäftsberichts 2012, dass man auch künftig nicht zu einer "irrwitzigen Rabattstrategie" greifen wolle. Obi will mit Beratung und Service punkten.

Ein Interesse, den insolventen Wettbewerber Praktiker zu schlucken, hat Obi nicht - möglicherweise bestehe aber Interesse an einigen Standorten, sagte Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub. Auch für Betreiber von Gartencentern könnten die Praktiker-Immobilien interessant sein. So hat zum Beispiel bereits die Dehner GmbH aus Rain am Lech Interesse bekundet, konkret an "ebenerdigen Flächen im süddeutschen Raum", wie Dehner-Expansionsleiter Sven Bierhaus zu derhandel.de sagte. 

Während der Heimwerkermarkt nach der Praktiker-Pleite um einen Konkurrenten ärmer ist, könnte den Baumarktketten indes weitere Konkurrenz ins Haus stehen: Eine unlängst veröffentlichte Studie des Instituts für Handelsforschung IFH Köln geht davon aus, dass Lebensmittel-Discounter, Versandhändler und Internetshops ihre Heimwerker-Sortimente ausbauen werden.

san mit Material von dpa