Deutschlands meistverkauftes Auto hat nun auch einen Stecker. Der E-Golf könnte das bislang von den Kunden verschmähte Segment der Elektroautos aus der Nische führen.

Jahrelang redete die deutsche Automobilindustrie vom Elektroauto - jetzt wird es tatsächlich ernst: In der kommenden Woche lädt der Dachverband VDA zum „E-Fleet-Kongress" nach Berlin. Drei Tage lang können sich Betreiber gewerblicher Flotten über Wirtschaftlichkeit, Nutzungsprofile oder Ladeinfrastruktur der elektrisch angetriebenen Mobile informieren.

Der dritte Kongresstag ist dabei sogar speziell auf die Anforderungen kleiner und mittlerer Unternehmen ausgerichtet. „Allein die deutschen Hersteller werden bis Ende des Jahres 16 Serienmodelle von Elektroautos im Angebot haben", verkündet Verbandschef Matthias Wissmann mit sichtlichem Stolz.

Massentest im Berliner Stadtverkehr

Zuvor elektrisierte schon Volkswagen zwei Wochen lang die Bundeshauptstadt. Markenhändler, Journalisten und interessiertes Publikum konnten die strombetriebenen Fahrzeuge der Wolfsburger auf dem riesigen Areal des einstigen Flughafens Tempelhof sowie im real existierenden Stadtverkehr unter Alltagsbedingungen testen und hernach allabendlich bei hipper Elektromusik fachsimpeln – so es die Lautstärke zuließ.

Im Mittelpunkt der nach Herstellerangaben absolvierten mehr als 4.500 Probefahrten: der E-Golf. Deutschlands seit Jahr und Tag meistverkauftes Auto soll nach der Einführung des kleinen E-Up nun natürlich auch zur Speerspitze der Elektromobilität werden - und nach dem Start des BMW i3 im vergangenen Jahr die Verkaufszahlen endlich signifikant nach oben treiben. Schließlich hält Bundeskanzlerin Angela Merkel unbeirrt an ihrem Ziel fest, bis 2020 eine Million E-Autos auf die Straße zu bringen. Bis Ende 2013 registrierte das Flensburger Kraftfahrtbundesamt allerdings lediglich 12.156 zugelassene Fahrzeuge mit Stecker.

Warten auf den großen „Stromschlag“

Das liegt zum einem an den bauartbedingten Nachteilen wie bescheidene Reichweite, lange Ladezeiten und hohe Preise, zum anderen aber auch am bislang dürftigen Angebot der Hersteller. Letztlich reduzierte sich das kaufbare E-Programm auf die Pionierleistung von Mitsubishi mit Peugeot und Citroen, die den lautlosen Antrieb allerdings in eine betagte und für Kundenansprüche und Kosten ungenügende Karosse packten. So wurde das Trio i-Miev, Ion und C-Zero schon wieder von der Steckdose genommen. Auch die immerhin modern bis modischen Renault Zoe (110 Zulassungen in den ersten beiden Monaten des Jahres) und Nissan Leaf (95) sorgten noch nicht für den großen „Stromschlag“.

Das will der Golf pünktlich zu seinem 40. Geburtstag alles besser machen, indem er ganz einfach ein „normaler" Golf bleibt. Die anerkannt hohe Qualitätsanmutung und die Raumverhältnisse bleiben gegenüber den Modellen mit Verbrennungsmotor praktisch unverändert, weil der E-Antrieb schon in der Entwicklungsphase mit eingeplant und Platz sparend untergebracht wurde.

140 km/h Höchstgeschwindigkeit

Das Gewicht steigt zwar durch die rund 320 Kilogramm schweren Lithium-Ionen-Akkus auf 1.585 Kilogramm an, doch beim Antritt zieht der Wagen mit einem Drehmoment von 270 Newtonmetern ausgewiesen leichtfüßig davon. Der Vortrieb reicht bis 140 km/h. Dann schnurrt die maximale Reichweite, wie sich beim ersten Probelauf herausstellte, von 190 Kilometern allerdings rasant zusammen. Gleiches gilt, wenn Verbraucher wie Klimaanlage oder Sitzheizung zugeschaltet werden.

Verfolgen kann man den Ladezustand der Batterie, den Kraftfluss und die Bremsenergierückgewinnung auf dem serienmäßig mitgelieferten Bildschirm des Navigationsgerätes.

Unterschiedliche Fahrprogramme

Foto: Volkswagen
Foto: Volkswagen
Um Strom zu sparen und damit an Reichweite zu gewinnen, kann der Fahrer zwischen drei unterschiedlichen Fahrprogrammen wählen. In der „Normal“-Stellung leistet der Antrieb die vollen 85 kW/115 PS. Im „Eco“-Modus wird die Leistung auf 70 kW/95 PS verringert und die Arbeitskraft der Klimaanlage reduziert. Wer auf „Eco +“ drückt, muss mit 55 kW/75 PS zufrieden sein und auf die Klimaanlage verzichten. Für die Fahrt im Stadtverkehr reicht der Vortrieb dabei aber allemal aus.

Auch für die Bremsenergierückgewinnung haben die Ingenieure unterschiedliche Fahrstufen eingebaut, die das Gefährt entweder möglichst weit rollen lassen oder spürbar abbremsen. Das hört sich alles komplizierter an als es ist, und in der Praxis fährt sich der E-Golf eben wie ein ganz normaler Golf, wobei der Wagen durch die tiefe Anordnung der Batterien zwischen den Achsen sogar noch satter auf der Straße liegt.

Ladezeiten zwischen 13 Stunden und 30 Minuten

Fehlen noch Ladezeiten und Kosten: Natürlich sind diese beiden wesentlichen Faktoren, die dem Elektroauto bislang den Aufstieg verwehrt haben, auch beim Golf nicht wegzudiskutieren. Wird der Akku an einer herkömmlichen Haushaltssteckdose geladen, braucht der Vorgang lange 13 Stunden.

Mit Hilfe der optionalen Wallbox verkürzt sich die Ladezeit auf rund acht Stunden. Nur an speziellen, sogenannten CCS-Ladestationen können die Stromtanks binnen 30 Minuten auf bis zu 80 Prozent gefüllt werden. So gilt es für mittelständische Händler zu prüfen, ob diese technischen Vorgaben ins Nutzerprofil ihres Fuhrparks und zur vorhandenen Infrastruktur passen.

34.900 Euro Basispreis

34.900 Euro kostet der stets viertürige E-Golf. „Das sind 5.000 Euro mehr als für einen vergleichbar ausgestatteten Benziner und 3.000 Euro mehr als für einen adäquaten Diesel“, rechnet Thomas Lieber, Leiter Elektro-Traktion bei Volkswagen, vor, spricht von „bezahlbarer Elektromobilität“ und verweist auf die günstigen Kosten von rund 3,30 Euro (natürlich abhängig vom örtlichen Stromtarif) für 100 Kilometer.

Selbstverständlich hält der Hersteller auch für sein spannungsgeladenes Modell noch einige Optionen bereit, wenngleich die Aufpreisliste deutlich überschaubarer ist als üblich. Volkswagen gewährt auf die Batterie acht Jahre oder 160.000 Kilometer Garantie.

Plug-in-Hybrid folgt noch in diesem Jahr

„Der E-Golf ist unser Angebot für den innerstädtischen Verkehr“, erklärt Lieber und kündigt gleichzeitig für die zweite Jahreshälfte die „GTE“ genannte Plug-in-Hybrid-Version des Golf an. Der 110 kW/150 PS starke Turbobenziner erhält durch eine 75 kW/102 PS-E-Maschine reichlich Unterstützung und kann zusätzlich per Stecker geladen werden. Die Reichweite für diese Variante „für den Überlandverkehr" (O-Ton Lieber) gibt Volkswagen mit 950 Kilometern an – der Preis bleibt allerdings noch ein Betriebsgeheimnis.

Bernd Nusser