Der 1. Kongress „Fairtrade im Handel” zeigt, dass Fairer Handel eine Erfolgsgeschichte ist, aber noch viel Entwicklungsspielraum hat.

Karin Kortmanns Traum vom Glück dauert dreißig Sekunden - und wird zur besten Sendezeit ausgestrahlt. So lang soll ein Werbespot sein, unmittelbar vor Beginn der Tagesschau und mit Prominenten in den Hauptrollen. Das Ziel: Werbung für Fairtrade-Produkte. „Ich glaube, dann würden die Absatzzahlen enorm steigen”, sagt die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Vielleicht wird der Wunsch von Karin Kortmann bald in Erfüllung gehen, denn der Erfolg von Produkten aus und die Idee von Fairem Handel gewinnt immer mehr an Bedeutung. „Alle zwei Jahre wird der Weltmarktumsatz verdoppelt”, betont Dieter Overath, der deutsche Pionier dieser Bewegung: Er gründete 1992 Transfair, den Verein zur Förderung des fairen Handels, dem er heute als Geschäftsführer vorsteht.

2007 betrug der weltweite Umsatz mit fairen Produkten laut Overath 2,4 Milliarden Euro: „Die Händler sollten sich daher fragen, ob sie diese Entwicklung an sich vorbeirauschen lassen", mahnt Overath beim 1. Kongress „Fairtrade im Handel”, zu dem sein Verein in Zusammenarbeit mit dem Wirtschaftsmagazin Der Handel ins Haus der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin eingeladen hatte.

„Fairtrade hat unser Leben verändert”

John Kanjagaile
John Kanjagaile
Der Kongress war ein Treff des Handels und sollte die Branche motivieren, sich mehr mit fairem Handel zu beschäftigen. „Denn die Kosten der Globalisierung sind ungerecht verteilt”, sagt Karin Kortmann. Wie es fair besser gehen kann, berichtete John Kanjagaile, Kaffeeexporteur aus Tansania. „Fairtrade hat unser Leben verändert", berichtet der Afrikaner. Dank sicherer Abnahmeerlöse für die Produzenten könnten diese ihre Gesundheitsvorsorge verbessern, „und mehr als nur ein Kind zur Schule schicken”.

Aber auch wenn Stefan Genth, Hauptgeschäftsführer des deutschen Einzelhandels (HDE) betont, dass Fairtrade eine Erfolgsgeschichte sei, so gibt es doch in Deutschland enormen Nachholbedarf. Nur fünf Prozent der Bundesbürger kaufen derzeit faire Produkte. Im Durchschnitt geben die Konsumenten pro Kopf lediglich 1,73 Euro im Jahr dafür aus - das ist im europäischen Vergleich unteres Mittelfeld.

Von Österreich lernen

Für Overath wäre es schon ein Erfolg, wenn er mittelfristig die französische Quote erzielen könnte (3,30 Euro). Von Zuständen wie in den Top-Drei-Nationen Österreich (6,60 Euro), Großbritannien (11,70) und vor allem Schweiz (20,70) wagt er im Moment wohl nicht einmal zu träumen. In der Alpenrepublik setzt vor allem die Handelskette Migros auf Fairtrade, in Großbritannien verkauft Sainsbury ausschließlich „faire” Bananen, und die Kollegen von Tesco führen 120 faire Produkte im Sortiment.

Overath gibt allerdings auch selbstkritisch Versäumnisse zu: „Am Anfang haben wir zu sehr die Produzenten in den Fokus gestellt - und die Konsumenten vernachlässigt.” Deswegen lässt er sich dieser Tage werbewirksam mit dem „Banana Bus ”nicht nur durch seine Heimatstadt Köln fahren, um an verschiedenen Orten für fair gehandelte und produzierte Bananen zu werben. Bei der Nürnberger Messe Biofach (19. bis 22. Februar 2009) wird es laut Overath erstmals eine ganze Halle ausschließlich mit Fairtrade-Produkten geben.

Und vom kommenden Jahr an will Transfair sogenannte „Fairtrade-Towns” initiieren. Das sind Städte und Gemeinden, sich verdient machen um die Idee des fairen Handels. Zusätzlich sollen die Verbraucher im Internet verfolgen können, welchen Produktions- und Handelsweg ein jeweiliges faires Produkt genommen hat, egal, ob es sich um südamerikanische Bananen oder afrikanische Baumwolle handelt.

Der Fußball wird fairer

Stichwort Baumwolle: Fairtrade ist längst keine Domäne mehr für Lebensmittel. Overath berichtet von Handtüchern oder Badematten aus fairer Baumwolle. Das derzeit originellste Produkt im Sortiment dürften aber „faire” Fußbälle sein. Freilich ist einer der Verkaufsschlager nach wie vor das Produkt, mit dem alles anfing mit fairem Handel: Kaffee. 2007 wurden in Deutschland 4.350.000 Kilogramm Bohnen abgesetzt. Das ist eine Steigerung um 10 Prozent zu 2006.

Bei den Bananen ist der Absatz um 39 Prozent gestiegen: 13.600.000 Kilogramm dieser Frucht wurden 2007 hierzulande verkauft. Der Bioanteil von 100 Prozent belegt, dass sich der faire Handel auch einer nachhaltigen Anbauweise verschrieben hat. „75 Prozent der Fairtrade-Produkte tragen auch Biosiegel”, versichert Stefan Genth.

Der Handel liest Der Handel
Der Handel liest Der Handel
Trotz aller Steigerungsraten - das Marktvolumen von Fairtrade-Produkten betrugt 2007 in Deutschland 193 Millionen Euro. Das sind lediglich 0,05 Prozent des gesamten Einzelhandels. Genth sieht aber wachsenden Bedarf bei den Konsumenten, „denn der Markt ist stark gespreizt”, wie es der HDE-Mann formuliert. Auf der einen Seite gebe es die Kunden, für die der günstige Preis alles ist.

Auf der anderen Seite wachse aber das Bedürfnis nach Qualität und Nachhaltigkeit. Für Overath kommt es darauf an, beide Gruppen zu vereinen. „Denn 100 Prozent der Deutschen sind gegen Kinderarbeit. 100 Prozent der Deutschen sind aber auch für Schnäppchen.”