Videos, in denen Mitarbeiter ihre Unternehmen als attraktive Arbeitgeber bewerben, gibt es jede Menge. Vieles wirkt hölzern und ist zum Fremdschämen. Depot will beweisen, dass es auch anders geht.

Bisher herrscht bei Depot kein Mangel an potenziellen neuen Mitarbeitern. Von 60.000 Bewerbungen im Jahr spricht Katrin Chevalier, Personalreferentin für E-Recruiting bei der Handelskette für Wohnaccesoires und Möbel. "Wir sind nicht zuletzt durch unsere Expansion ein attraktiver Arbeitgeber, unser Bewerbungseingang ist nach wie vor sehr hoch."

Aber davon können längst nicht mehr alle Handelsunternehmen sprechen, der Kampf um die besten Talente ist in vollem Gange. Und der Einzelhandel steht bekanntlich bei Schul- oder Universitätsabgängern selten oben auf der Wunschliste bei der Wahl des ersten Arbeitgebers.

Vorsicht, Fremdschämen

Dieser Wettbewerb dürfte sich verschärfen. Deswegen gilt bei Depot neuerdings das Motto: "Heute schon an morgen denken." Die Zukunft des Unternehmens wird vorbereitet. Das lässt sich in diesem Sommer deutlich feststellen. In Niedernberg wurde ein neues Logistikzentrum in Betrieb genommen - und den potenziellen neuen Mitarbeitern präsentiert sich die Kette seit 3. Juli mit einer neuen Karrierewebsite.

Solche Internetauftritte sind heute Standard, um nicht nur junge Leute für ein Unternehmen zu begeistern. Leider legendär, weil oft von einer Qualität auf Fremdschämniveau, sind dabei vielerorts die Imagefilmchen, in denen echte Mitarbeiter von ihrem Arbeitgeber schwärmen. Bestes Negativbeispiel aus der Handelsbranche ist hier der allseits bekannte Edeka-Song "Geh deinen Weg", in dem für ein Praktikum beim Lebensmittelhändler geworben wird.

Ehrliche Informationen

Aber es gibt auch andere misslungene Filmchen, beispielsweise mit anbiedernder Jugendlichkeit, wie ein kleiner Test von Der Handel einst ergeben hatte. "Sie spielen eine Realität vor, die es in den Unternehmen nicht gibt", hieß es damals von Henner Knabenreich, einem Fachmann für Personalmarketing, der Unternehmen den richtigen Webauftritt verschafft, und der für Der Handel jede Menge Recruiting-Videos sichtete.

Die branchenkritischen Einschätzungen in Der Handel sind offenbar auch zu Heinz Lindner vorgedrungen, denn der Depot-Personalleiter gab Knabenreich den Auftrag, die Karrierewebsite des Unternehmens komplett neu zu gestalten. Selbstverständlich gibt es hier auch Filme, in denen echte Depotmitarbeiter über ihren Job ins Schwärmen geraten. Doch die Fremdschämgefahr ist hier vergleichsweise gering. Vielleicht liegt es am Konzept für die Spots, in denen es darum ging "ehrliche Informationen zu vermitteln und nicht aufgeschriebene Texte zu verlesen", wie es Katrin Chevalier sagt, die für das Projekt verantwortlich ist.

Und nun Facebook

Die per Casting ausgesuchten Mitarbeiter wussten zwar, für was sie gefilmt wurden - aber auf die Fragen mussten sie unvorbereitet antworten. "Wir hatten uns dadurch viel Spontanität erhofft", beschreibt Personalerin Chevalier die Absicht. Sie sagt, dass die Aussagen so gut waren, dass man kurzerhand beschloss, die Dauer der Videos von den geplanten drei auf nun fast fünf Minuten Länge zu erhöhen.

Wenn etwa die Filialleiterin Irina Tonner, begleitet von fast meditativer Gitarrrenmusik im Hintergrund, neben der üblichen Begeisterung für ihren Job auch darauf hinweist, dass im Arbeitsalltag "bei Depot die Zeit knapp ist" und die "körperliche Arbeit nicht zu unterschätzen ist", dann sind das in der Tat ehrliche Hinweise, dass ein Job hier nicht nur das aus dem Hin- und Herschieben von hübschen Dekoartikeln besteht - sondern mit Dauerstress verbunden ist. Und wenn sich mit der Verkäuferin Sabine Petry eine Frau präsentieren darf, die vor ihrer Zeit bei Depot 20 Jahre nicht im Erwerbsleben stand, dann ist ist das auch ungewöhnlich. Denn "ältere" Mitarbeiter finden in der Bewerberansprache faktisch nirgendwo statt.

Ob die neue Depot-Karrierewebsite von den Bewerbern nun auch akzeptiert wird, vermag Katrin Chevalier noch nicht zu sagen. "Für eine Zwischenbilanz ist es noch zu früh", sagt sie - und weist darauf hin, dass die nächsten Projekte anstehen: Die Neugestaltung der Karriere-Auftritte bei Facebook und beim Arbeitgeberbewertungsportal Kununu.