Der Kunde betritt zwar ein Karstadthaus, aber faktisch kauft er bei Gerry Weber ein. Oder Depot. In Düsseldorf erschrickt Testerin Iris Skowronek darüber, dass das Warenhaus seine eigene Identität aufgegeben hat.

Ich bin irritiert. Dass in einem Tunnel im Kellergeschoss hochwertige Fahrräder ausgestellt werden, der Kunde aber bis in den dritten Stock hinauf muss, wenn er ein Rad kaufen will, habe ich noch nie erlebt. Aber: Die dritte Etage ist gar nicht in Betrieb, hier wird umgebaut. Wo kaufe ich mein Fahrrad? Nirgendwo ein Hinweis.

Seit vorigem Jahr wird dieses Haus umgebaut. Was ist seitdem passiert? Alles wirkt sauber, ordentlich - und langweilig. Vom Arena-Prinzip der Warenpräsentation ist nichts zu sehen. Dazu kommen oberhalb der Warenträger, an den Wänden und Säulen im Haus, viele weiße Flächen. Weshalb nutzt man diese nicht etwa für Fotos oder Warenbilder oder gar ein Kundenwegleitsystem?

Hohe Hantierungskosten

Viele Kleinigkeiten stören mich. So ist etwa eine Warenpräsentation auf einem Podest misslungen, wo Schuhe, Gürtel und eine Handtasche drapiert worden sind. Nur: Wo kann ich die Sachen kaufen? Weit und breit ist von diesem Sortiment nichts zu sehen. Also nimmt der Kunde die Ware direkt vom Podest mit. Das birgt die Gefahr einer permanent leeren Verkaufsfläche und erhöhte Hantierungskosten, da die Fläche ständig neu bestückt werden muss.

Was mich auch irritiert, sind die vielen Markenshops in der Textilabteilung. Basler, Gerry Weber - und überall wird man von Mitarbeiterinnen bedient, die nachweislich bei einem dieser Unternehmen angestellt sind. Was hat das noch mit Karstadt zu tun? Was ist, wenn der Kunde eine Basler-Verkäuferin nach einer Bluse fragt, die aber nur von Gerry Weber verkauft wird? Wird ihm trotzdem geholfen? Wer koordiniert die Shops? Jeder Shop benutzt seine eigenen Warenträger und hat offensichtlich sein eigenes System bei der gerade laufenden "Sale"-Aktion.

Fremdmarken können sich besser präsentieren

Der vierte Stock ist der schönste, das liegt auch am neuen, grauen und einheitlichen Fußbodenbelag, der die psychologisch ungünstige Zwangsführung der Kunden in den anderen Etagen aufhebt. Ins Auge sticht hier der einladend gestaltete Bereich mit Dekoartikeln - aber der ist auch nicht von Karstadt, sondern von Depot.

Die Fremdmarken beherrschen die Warenpräsentation besser als Karstadt. Doch das Haus wirkt auf mich wie eine große Messehalle, in der sich viele verschiedene Hersteller präsentieren. Nur schlechter, während dort die einzelnen Labels klar voneinander getrennt sind. Was Karstadt hier macht, ist für den Kunden unverständlich. Mir scheint, als habe das neue Konzept auch nur ein Ziel: die Flächen zu vermarkten.

Zur Person: Iris Skowronek arbeitet als Unternehmensberaterin für den Einzelhandel. Zuvor war sie unter anderem Geschäftsführerin mehrerer Ikea-Häuser in Deutschland.

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Aufgezeichnet von Steffen Gerth