Es gehe ihr nicht um Geld, sondern um Gerechtigkeit: Die Firma Gilde Handwerk übt heftige Kritik am Insolvenzplan von Karstadt. Verwalter Görg habe Gläubiger benachteiligt und das Amtsgericht desinformiert.

Als Ende Juni bekannt wurde, dass der Karstadt-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg für seine Arbeit angeblich rund 50 Millionen Euro Honorar beziehen sollte, war die Verwunderung groß. Denn zu dieser Zeit war das Insolvenzverfahren für Karstadt ja noch lange nicht abgeschlossen.

Zwar wird "die Vergütung wird vom Insolvenzverwalter beantragt und vom Insolvenzgericht geprüft und festgesetzt - aber erst unmittelbar vor Beendigung des Verfahrens", sagte der Hamburger Fachanwalt für Insolvenzrecht Friedrich von Kaltenborn-Stachau zu derhandel.de Und davon konnte im Juni noch nicht die Rede sein.

Täuschung des Gerichts?

Ein mittelständisches Bocholter Handelsunternehmen für Geschenkartikel und Wohnaccesoires, einer von vielen Karstadt-Gläubigern, hat sich ebenfalls darüber gewundert - und überrascht nun mit einer Anfechtung des Insolvenzplans für das Warenhaus.

Die Firma Gilde Handwerk stellt ganz nebenbei sogar das deutsche Insolvenzrecht in Frage. Wobei das Unternehmen betont, den Karstadt-Insolvenzplan bereits im April dieses Jahres in drei Punken angefochten zu haben.

In einer Mitteilung von heute erläutert Gilde Handwerk ihre Kritik. So wird beanstandet, dass die ehemaligen Arcandor-Vorstände 54,6 Millionen Euro aus dem Unternehmen abgezweigt und in einen neuen Fonds zu stecken, der wiederum die Vorstands- und Abteilungsleiterrenten sichern sollte. Hiergegen sei Görg nicht eingeschritten, was Gilde als Gläubigerbenachteiligung einstuft.

Punkt zwei der Kritik von Gilde betrifft 44,1 Millionen Euro, die der Pensionssicherungsverein von Karstadt an das neugestartete Unternehmen unter Investor Nicolas Berggruen zahlen soll. Dafür werde "Karstadt-neu"die Rentenverpflichtungen der aktiven Mitarbeiter in unbekannter Höhe übernehmen. Dieser Vorgang sei nicht mit dem Gesetz zur Förderung der betrieblichen Altersversorgung gedeckt.

In der Summe beklagt Gilde gezielte Desinformationen im Insolvenzplan "zur Täuschung des Gerichts und der Gläubiger". Das Amtsgericht Essen habe die ersten Anfechtungen wegen einer angeblichen Fristversäumnis nicht bearbeitet.  Am 13. September, zehn Tage nach Genehmigung des Insolvenzplanes durch das Gericht, habe Gilde zum zweiten Mal Beschwerde gegen diesen Plan eingelegt. "Dadurch kann der Insolvenzplan nicht rechtskräftig werden."

Das Ziel: soziale Gerechtigkeit

Das Bocholter Unternehmen sieht trotzdem die Übernahme von Karstadt durch Berggruen nicht gefährdet - wohl aber die Vergütung für Görg in Höhe besagter 50 Millionen Euro. "Die gesparten 50 Millionen kämen dann den Gläubigern von Karstadt zugute", schreibt Gilde. Zur Erläuterung dieses Sachverhalts bittet das Unternehmen um ein Gespräch mit Berggruen.

Die zweite Beschwerde eines Gläubigers gegen den Insolvenzplan sei bereits am 12. April direkt nach der Gläubigerversammlung schon einmal eingereicht worden, teilte Görgs Sprecher Thomas Schulz mit. Die Forderung stamme noch aus dem Verkauf der früheren Hertie-Filialen durch Karstadt an den britischen Investor Dawnay Day. Die Forderung liege im sechsstelligen Bereich.

Gilde versichert, dass es nicht aus finanziellen Erwägungen handelt. Angeblich belaufen sich die Forderungen auf 70.000 Euro. "Unser Ziel ist es, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen und für ein kleines bisschen mehr soziale Gerechtigkeit zu kämpfen." Im deutschen Insolvenzrecht gäbe es Schwachstellen, wie die unzureichende Kontrolle der Insolvenzverwalter.

Freitag ist Übernahmetag

Die Kritik am deutschen Insolvenzrecht mit seinem Vergütungssytem ist nicht neu. Der Koblenzer Hochschullehrer und frühere Insolvenzrichter Professor Hans Haarmeyer sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Statt die Gläubiger bestmöglich zu befriedigen, versorgt die Abwicklung eines Insolvenzverfahrens offenbar weitgehend und flächendeckend nur die Insolvenzverwalter und die mit ihnen verbundenen Strukturen."

Der Rechtswissenschaftler moniert, dass viele Insolvenzverwalter "Heerscharen von teuren Beratern" in die Firmen schicken würden, die von ihnen betreut werden. Der Grund: mangelnde eigene Kenntnisse.

Am Freitag soll Berggruen Karstadt offiziell übernehmen. Bis dahin wird er noch einige ungeplante Gespräche führen müssen.