Im Endspurt im Karstadt-Rennen wird der Ton schärfer. In einem offenen Brief attackiert Insolvenzverwalter Görg den Kaufinteressenten Borletti. Der Italiener agiere unlauter, sein Investment komme Karstadt teuer zu stehen.

Reduziert man den Inhalt dieses Briefes auf seine Kernaussagen, dann bleibt nur eine Erkenntnis übrig: Für Karstadt-Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg ist Maurizio Borletti ein Lügner und Hochstapler - und deswegen als Käufer der insolventen Warenhauskette untragbar.

Vier Tage vor der Entscheidung um die Zukunft von Karstadt hat Görg in einem offenen Brief so deutliche Worte wie noch nie gewählt, seit er mit dem Insolvenzverfahren des untergegangenen Arcandorkonzerns betraut ist.

Der Kölner Rechtsanwalt hat nach Angaben seines Sprechers Thomas Schulz die Borletti Gruppe schriftlich darüber in Kenntnis gesetzt, dass die ihm in den vergangenen Wochen unverlangt zugesandten Papiere ohne Substanz seien.

Unzutreffende Behauptungen

Borletti hatte Görg angeboten, Karstadt für 100 Millionen Euro zu kaufen - allerdings war sich der Insolvenzverwalter zum Eingang dieser Offerte längst mit dem Investor Nicolas Berggruen einig.

Für die Gültigkeit dieses Kaufvertrags bedarf es aber noch die Einigung über die Höhe der künftigen Mieten aus. Hier verhandelt Berggruen seit Monaten mit dem Karstadt-Hauptvermieter Highstreet. An diesem Konsortium ist wiederum Borletti mit zwei Prozent beteiligt.

Görg teilt nun mit, dass die öffentliche Behauptung, Borletti habe unterschriftsreife Verträge vorgelegt, nicht zutreffe.

An die Adresse des Italieners schreibt er: "Die mir übermittelten Texte enthalten in ganz wesentlichen Teilen Hoffnungen. Und sie enthalten Lücken, die die von Ihnen geäußerte Erwartung, dass mit Ihrer Hilfe die Liquidation von Karstadt nach einem Scheitern des Berggruen-Prozesses abgewandt werden könnte, widerlegen."

Welcher Mietvertrag?

Ein angeblich unterschriebener Mietvertrag zwischen Highstreet und Borletti läge keineswegs vor. Zahlreiche ergänzend notwendige Vertragswerke mit Highstreet und Valovis fehlten gänzlich, so Görg.

"Darüber hinaus sprechen gegen einen tatsächlich bindenden Mietvertrag die fehlenden Zustimmungen der Senior-Lender des Hauptvermieters Highstreet sowie der Mezzanine-Lender." Als Lender werden die Kreditgeber bezeichnet. Was ist Mezzanine-Kapital? Klicken Sie hier.

Der Insolvenzverwalter wirft Borletti auch vor, Kartellrechtsfragen nicht ausreichend berücksichtigt zu haben: "Sie haben lediglich ein ausdrücklich nur internen Zwecken dienendes, nicht unterzeichnetes 'Memorandum' Ihrer Anwälte vorgelegt, das jede Haftung gegenüber Dritten ausschließt."

Zweifel an Kaufhaus-Kompetenz Borlettis

Inhaltlich stehe dieses Schreiben im Widerspruch zu Borlettis Selbstdarstellung. Denn der Italiener würde betonen, dass er am Warenhausunternehmen La Rinascente beteiligt sei.

"Im Kartellmemorandum Ihrer Anwälte wird diese indirekte Beteiligung als nicht einmal 'co-controlling‘' geschildert, weshalb Ihnen die entsprechenden Umsätze angeblich nicht zugerechnet werden sollen", wettert Görg.

"Ausgehend von den Umsätzen in Ihrer Selbstdarstellung und den aktuellen Karstadt-Umsätzen scheint es mir zweifelhaft, ob die relevanten Umsätze tatsächlich unterhalb der Anmeldeschwelle liegen", setzt er hinzu.

Noch in einem Brief vom 9. August dieses Jahres habe Borletti "aufgrund der Umsatzschwellen" und den aktuellen Karstadt-Umsätzen die kartellrechtliche Genehmigung - "wohl der EU-Kommission" -  für nötig gehalten, betont Görg.
 
Richtigerweise habe Borletti angemerkt, dass die "ausstehende Zustimmung der Kartellbehörde nicht den Abschluss des Vertrages" behindere, "sondern den Vollzug". Borletti habe nicht dargestellt, dass er das Risiko der Interimsperiode übernehmen wolle und könne.

Kreditkonditionen verschwiegen

Der italienische Geschäftsmann belege in keiner Weise seine Erwartung, für eine Planerfüllung ohne Berggruen könne Karstadt mit ergänzenden Finanzmitteln von 20 bis 40 Millionen Euro auskommen, beklagt Görg.

Er äußere sich ebenfalls nicht dazu, zu welchen Bedingungen und gegen welche Sicherheiten Gordon Brothers das angekündigte Darlehen zur Verfügung stellen würde, so Görg. Der US-Finanzier soll im wesentlichen das beabsichtigte Investment von Borletti schultern.

Der Karstadt-Insolvenzverwalter bemerkt hierzu, dass Borletti auf "Vollzugsbedingungen, denen die Kreditzusage unterliegt" verweise, ohne diese näher auszuführen.

Welchen Schutz für die Warenkreditversicherer?

Entgegen Borlettis bisheriger Ankündigungen, einen Kaufvertrag für Karstadt innerhalb "weniger Tage" abschließen zu können, verweise er in seinen jüngsten Papieren auf eine Einigung "Ende September", der offensichtlich ein sogenannter Due-Dilligence-Prozess vorausgehen soll.

Dies seien "jedenfalls mehr als wenige Tage", für die Borletti offen lasse, wer das Risiko der Geschäftsfortführung tragen solle. "Bestellungen für die Ware der kommenden Saison werde ich zu Lasten der Insolvenzmasse nicht auslösen", stellt Görg klar.

In einer Due Dilligence-Prüfung werden Stärken, Schwächen sowie Risiken eines zu kaufenden Unternehmens analysiert.

Borletti gehe in seinen Ankündigungen davon aus, weiterhin den Schutz der Warenkreditversicherer zu genießen, schreibt der Insolvenzverwalter. Er gebe allerdings nicht an, "wie und mit welchen Mitteln Sie Gewähr für die Existenz dieser Voraussetzungen leisten".

Zweistellige Zinssätze an Gordon Brothers vermutet

Görg warnt, dass die 100 Millionen Euro von Gordon Brothers das Unternehmen Karstadt mit erheblichen Folgekosten für Zinsen belasten würden.

Darauf verwies auch Margret Mönig-Raane, stellvertretende Vorsitzende der Gewerkschaft Verdi in der gestrigen Ausgabe des TV-Magazins "Report Mainz". Die Gewerkschafterin sprach von zweistelligen Zinssätzen.

Görg schreibt, dass schon ab dem nächsten Jahr von Karstadt Gordon Brothers 22 Millionen Euro und in den Folgejahren jeweils 16 Millionen Euro zu zahlen seien. Dabei bleibe unklar, in welchem Umfang das Unternehmen in den Folgejahren durch Beratungskosten und oder Management-Gebühren belastet würden.

Bei der Ankündigung, "Gewinne länger als Berggruen nicht entnehmen zu wollen, wird man berücksichtigen müssen, dass Sie eigene Mittel zum Erwerb des Unternehmens nicht einzusetzen versprechen."

"Nicht unterschriftsreif

Görg begründete die Veröffentlichung wesentlicher Argumente seines Schreibens mit dem unmittelbar bevorstehenden Abstimmungsprozess am Donnerstag (2. September).

"Jeder der Beteiligten muss wissen, dass Borlettis Papiere nicht unterschriftsreif sind. Unter diesen Voraussetzungen kann ich die Position der Deutschen Bank nachvollziehen, Berggruen sei die sicherste Lösung für Karstadt", sagte der Insolvenzverwalter.

Die Mutmaßung, Borlettis Angebot könne besser sein, erschließe sich nach Analyse der Texte Borlettis nicht. " 'Unterschriftsreif‘ ist nach meinem Verständnis ein formgerechtes, unkonditioniertes Angebot auf der Grundlage einer externen Finanzierung", urteilt Görg.

ges

Eine Chronik der Karstadt-Krise finden Sie hier.