Margret Mönig-Raane, Vizechefin der Gewerkschaft Verdi und für den Handel zuständig, spricht im Interview über die Zukunft von Karstadt, Mindestlohn, die nächste Tarifrunde und bekehrte schwarze Schafe.

Margret Mönig-Raane, Vizechefin der Gewerkschaft Verdi
Margret Mönig-Raane, Vizechefin der Gewerkschaft Verdi
Vor wenigen Wochen haben Sie die Metro-Tochter Media-Markt ins Visier genommen - ein tarifgebundenes Unternehmen. Bieten sich aktuell keine besseren Ziele für Verdi im Handel an?

Es gibt leider noch genug Unternehmen, aus denen die Beschäftigten uns um Unterstützung bitten. Im Fall Media-Markt hielten wir es für angebracht, jetzt mit unseren Vorwürfen an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn mittlerweile liegen aus unserer Sicht genügend Belege dafür vor, dass das Unternehmen systematisch die Bildung von Betriebsräten verhindert. Das ist nicht akzeptabel.

Im vergangenen Jahr hat Verdi bekannte Tarifverweigerer wie Schlecker zur Tariftreue bekehrt. Auch bei Netto, Ikea und Kaufland konnten Sie Erfolge verbuchen. Warum gerade jetzt?
Es gibt keinen Druckknopf, den wir betätigen, um die Unternehmen zur Annahme des Tarifvertrags zu bewegen. Hier spielen vielfältige Einflüsse eine Rolle. Oft ist ein solcher Abschluss das Ergebnis eines langjährigen Kampfes, der nicht immer in der Öffentlichkeit ausgetragen wird - wie zum Beispiel bei Ikea: Mit dem Unternehmen haben wir 15 Jahre verhandelt. Bei Schlecker haben wir seit Mitte der Neunzigerjahre Auseinandersetzungen geführt, bis man in Ehingen endlich ein Einsehen hatte.

Sind solche Abschlüsse auch ein Zeichen für ein generelles Umdenken in der Handelsbranche?
Ja, ich denke, es gibt tatsächlich ein Umdenken in der Branche. In den Achtzigerjahren zählte nur der Preis. Heute dagegen müssen sich Handelsunternehmen auch mit Themen wie Nachhaltigkeit oder Bio beschäftigen, und diese Trends reflektieren insgesamt eine neue gesellschaftliche Orientierung. Das Bild der Unternehmen in der Öffentlichkeit, auch das Image als Arbeitgeber, wird immer wichtiger. Dazu gehören eben auch faire Arbeitsbedingungen. Einige Firmen stellen mittlerweile fest, dass die Art und Weise, wie sie mit ihren Beschäftigten umgehen, nicht im Einklang steht mit dem, was im Unternehmensleitbild beschrieben wird. Sie leiten Korrekturen ein und suchen auch das Gespräch mit uns. Leider hat dieses Umdenken allerdings noch nicht überall im Einzelhandel eingesetzt.

Wo liegen die Probleme aktuell?
Die Zahl der geringfügig Beschäftigten ist dramatisch gestiegen, auch der Einsatz von Leiharbeitern steigt. Es werden zudem immer mehr Werksverträge abgeschlossen. Das führt zu einer Prekarisierung der Arbeits­bedingungen im Handel. Wir brauchen klare Regeln, um diesen negativen Trend zu stoppen.

Nun verhandeln Sie mit den Arbeitgebern im Einzelhandel um den Mindestlohn. Parallel dazu wird an einer neuen Entgeltstruktur für die Branche gearbeitet. Ist diese Vorgehensweise nicht zu kompliziert?
Beides ist notwendig. Wir wollen den Abschluss eines Mindestentgelttarifvertrages, der allgemeinverbindlich für alle Einzelhandelsunternehmen in Deutschland gilt, weil wir Mindestbedingungen für alle Beschäftigten im Einzelhandel herstellen und die Schmutzkonkurrenz zulasten der Mitarbeiter eingrenzen wollen. Die neue Entgeltstruktur ist in der Tat ein viel größeres und aufwendigeres Projekt. Da läuft zurzeit bei Verdi die Diskussion in den Tarifkommissionen und auch bei vielen Gesamtbetriebsräten. Eine weitere Baustelle ist die überfällige Anpassung der Tarifverträge an das AGG und die Rechtsprechung.

Wann wird der Mindestlohn endlich feststehen?
Ich hoffe, dass wir bis zum Verdi-Kongress im September alles unter Dach und Fach haben werden. Was die Entgeltstruktur betrifft, werden im Sommer die Rohkonzepte so weit fertiggestellt sein, dass sie konkret diskutiert werden können. Dieses Vertragswerk muss vorher gut durchdacht sein, denn erfahrungsgemäß  überdauern solche Strukturentscheidungen viele Jahre. Da muss Sorgfalt vor Schnelligkeit gehen.

Beim Verdi-Kongress werden Sie als Vizechefin abtreten. Ihre designierte Nachfolgerin heißt nach unseren Informationen Stefanie Nutzenberger und kommt aus dem Saarland. Wie schätzen Sie sie ein?
Stefanie Nutzenberger ist sehr kompetent und wird auch auf Bundesebene eine sehr gute Figur machen.

Bevor Sie in Pension gehen, haben Sie noch eine Tarifverhandlung vor sich, die gerade begonnen hat. Wird es Streiks geben?
Es ist uns wichtig, dass die Beschäftigten im Handel endlich am wirtschaftlichen Erfolg der Branche und auch am Aufschwung beteiligt werden. Wir fragen aktuell unsere Mitglieder, was ihnen in den anstehenden Verhandlungen wichtig ist. Wir wollen auch wissen, was aus ihrer Sicht eine angemessene Lohn­erhöhung wäre. Wenn wir das abgeschlossen haben, werden wir unsere Forderungen aufstellen. Streiks können wir natürlich nie ausschließen.

Das Thema Staffelung des Urlaubs­anspruchs nach Alter beschäftigt aktuell die Gerichte. War das nicht zu vermeiden?
Wir können und wollen Mitarbeiter nicht davon abhalten, ihre Rechte vor dem Arbeitsgericht einzuklagen. Wir wollen dieses Problem jedoch nun möglichst einvernehmlich mit den Arbeitgebern angehen und haben dafür zur Vorbereitung eine Arbeitsgruppe gebildet. Sie soll den Tarifkommissionen eine gesetzeskonforme Lösung vorschlagen.

Zum Thema Karstadt: Sie haben als Arcandor-Aufsichtsratsmitglied das Drama aus nächster Nähe verfolgt. Wie steht das Unternehmen nun Ihrer Meinung nach da?
Karstadt ist zwar noch - wie geplant - in der Sanierungsphase, aber auf einem guten Weg. Das Unternehmen ist für uns kein Sorgenkind mehr. Wir haben Vertrauen in das neue Management und glauben, dass der neue CEO Andrew Jennings viel Wissen und Erfahrung in Bezug auf Warenhäuser mitbringt. Was die Zukunftsaussichten von Karstadt betrifft, sind wir also optimistisch.

Der Beschäftigungspakt sichert den Frieden zwischen Unternehmensleitung und Arbeitnehmern für drei Jahre. Was passiert danach? Wird es Entlassungen geben? Kommt es zur Fusion Karstadt-Kaufhof?
Ich rechne nicht mit solch großen Umwälzungen und schon gar nicht mit einer Fusion, die völlig unsinnig wäre. Denn bis dahin hat Karstadt Zeit, zu investieren und die eigene Marktposition zu stärken.

Die Klagen gegen den ehemaligen Arcandor-Chef Middelhoff sowie gegen weiteren Ex-Karstadt-Manager mehren sich. Haben Sie als Aufsichtsratsmitglied seinerzeit nichts von den Unregelmäßigkeiten mitbekommen?
Der Verkauf der Immobilien, der Kauf von Thomas Cook Deutschland mit den damit verbundenen Plänen sowie der Aktientausch beim Erwerb von großen Anteilen an Thomas Cook Großbritannien hat aus damaliger Sicht Sinn gemacht. Managervergütungen und ähnliche Themen wurden im Aufsichtsrat weder besprochen noch entschieden. Insofern kann ich erst aus heutiger Sicht Entscheidungen anders bewerten. Unregelmäßigkeiten bei Aufsichtsrats-Entscheidungen sehe ich nicht.

Interview: Marcelo Crescenti

Das Interview ist in der März-Ausgabe von Der Handel erschienen. Hier können Sie ein Probeheft bestellen.