Nicolas Berggruen will Karstadt als Ganzes erhalten. Doch der Investor entpuppt sich dabei als Fantast. Deutschland braucht eine komplette Neuordnung des Warenhauskonzeptes. Ein Kommentar.

Tief im Südwesten gibt es Hoffnung. "Straßenbahn der Linie 2 hält jetzt vor Karstadt", teilte die "Badische Zeitung" dieser Tage ihren Freiburger Lesern mit.

Was amüsant klingt, hat eine ernsthaften Hintergrund: Für viele Städte ist die örtliche Karstadt-Filiale nicht einfach ein Kaufhaus sondern ein amtliches Gebäude, wie das Rathaus oder die Post.

Wer heute jenseits der 40 ist, wuchs mit Karstadt auf. Dort kaufte man sich als Kind seine ersten Matchbox-Autos, während die Mutter sich ein Stockwerk darunter nach einer neuen Bluse umsah.

In der Stadt einkaufen hieß, zu Karstadt gehen. So, wie man sich mit "Tempo" die Nase putzt oder mit "Uhu" etwas zusammenklebt. Karstadt stand als Synonym für Einkaufen - dort wurde eine wunderbare Warenwelt geboten, alles unter einem Dach.

Warum nicht gleich zu Esprit?

Wer heute jenseits der 40 ist fragt sich, was man als Kind an Karstadt eigentlich so glitzernd und aufregend gefunden hat. Matchbox-Autos kauft man nicht mehr. Und warum soll man in einem Warenhaus nach Esprit-Hemden suchen, wenn diese Marke 100 Meter weiter einen eigenen Shop betreibt, der zehnmal soviele Hemden zur Auswahl hat?

Deutschlands Innenstädte sind heute gewaltige Freiluftwarenhäuser. Die vertikalen Händler decken den Textilbedarf ab, Thalia verteilt die Bücher, Douglas das Parfüm. Und wer das alles unter einem Dach will, besucht eines der nächsten Shoppingcenter, mit denen sich mittlerweile auch Mittelstädte aufmotzen.

Nun ist Karstadt insolvent, am 3. September wird das Essener Amtsgericht darüber entscheiden, ob das Unternehmen weiterbestehen darf. Die 25.000 Mitarbeiter und die Gewerkschaft Verdi hoffen, dass Nicolas Berggruen den Zuschlag bekommt.

Denn Berggruen will alle 120 Häuser weiterführen und kein Personal abbauen. Doch dafür muss er sich doch noch mit dem Vermieter Highstreet über die Reduzierung der Mieten für 86 Häuser einigen.

Der Plan wird nicht aufgehen

Dieser Plan klingt edel und gut - und wird nicht aufgehen. Sehr wahrscheinlich glaubt das auch Berggruen. Warum sollte er sonst den Plan haben, Karstadt aufzuteilen in Premium-, Waren- und Sporthäuser?

Karstadt ist nicht nur gescheitert, weil die Häuser mit den saftigen Mietzahlungen an das Konsortium Highstreet nicht nachkommen, wie Berggruen glaubt. Denn es gibt ja auch Filialen, die diese Mieten zahlen - und trotzdem gut da stehen.

Der Konzern Karstadt leidet vor allem unter gravierenden Managementfehlern, die schon lange vor der Ära vom ehemaligen Vorstandschef Thomas Middelhoff begangen worden sind.

Der Wareneinkauf funktionierte nach dem Prinzip "haben wir schon immer so gemacht" und Dank netter Verbindungen zwischen Einkäufern und Herstellern. Karstadt war ein schwerfälliges System, in dem sich auch der Gesamtbetriebsrat gut eingerichtet hatte.

Auf diesem Humus will Berggruen nun ein neues, schickes Kaufhaus wachsen lassen. 240 Millionen Euro Investitionen hat der Deutsch-Amerikaner dafür vorgesehen.

Verteilt auf die 120 Filialen (die Sporthäuser großzügig eingerechnet) sind das zwei Millionen Euro. Zum Vergleich: Allein der Umbau des Karstadt in Darmstadt vor gut zwei Jahren hat 8 Millionen Euro gekostet.

Zu eng für zwei Marken

Berggruen müsste mindestens eine halbe Milliarde Euro investieren, damit alle Häuser seiner Vision und den heutigen Ansprüchen an ein Kaufhaus gerecht werden. Doch kein normaler Mensch gibt soviel Geld aus für ein Geschäftsmodell, das nicht mehr so funktioniert wie vor zwanzig, dreißig Jahren - aber immer noch von denselben Leuten betrieben wird.

Das Prinzip Warenhaus hat nicht ausgedient - aber der deutsche Markt benötigt keine zwei großen Marken mehr, die sich nebeneinander das Leben schwer machen. Hier Karstadt, daneben Kaufhof.

Metro-Chef Eckhard Cordes weiß das auch. Er würde gerne Karstadt retten - aber nur die besten Stücke. Und das sind für ihn 60 Häuser.

Cordes will trotzdem Karstadt nicht weiterführen, denn sein Plan ist ein anderer: Er findet einen Käufer für die Metro-Tochter Kaufhof, diese wird dann mit den erworbenen Karstadthäusern fusioniert, man gründet eine neue Dachmarke, investiert ordentlich und hat eine starke Kaufhausmarke, die den Ansprüchen der Zeit genügt: Hochwertige Sortimente in einem hochwertigen Ambiente.

Der gute Mensch Berggruen

Sechs Karstadthäuser sind bereits geschlossen worden. In Kaiserslautern beklagt der Oberbürgermeister, dass seitdem der Innenstadt ein Magnet fehlt.

Damit seine Kollegen in Gummersbach oder Celle nicht irgendwann auch klagen werden, sei diesen Städten geraten, sich jetzt schon über neue Einzelhandelskonzepte Gedanken zu machen.

Denn Berggruen ist keine Hoffnung. Sollte er Karstadt bekommen, dann wird alle Welt merken, dass der Deutsch-Amerikaner zwar ein guter Mensch, aber ein wirtschaftlicher Fantast ist. Niemals wird seine Vision, Karstadt als Ganzes auf lange Sicht erfolgreich zu machen, real. Um Schließungen wird er nicht umhin kommen.

Und dass er tatsächlich den Zuschlag bekommt, wird täglich unwahrscheinlicher. Highstreet lässt den Mann zappeln, da mag Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen noch so sehr Partei für den Kunstsammler ergreifen.

Wenn die Dreijahresfrist um ist...

Es ist kein Zufall, dass Highstreet-Miteigner Maurizio Borletti ganz spät ins Bieterrennen um Karstadt eingestiegen ist. Er wird neuerdings auch von der Deutschen Bank unterstützt, der ein großes Stück an den Konsortium gehört.

Highstreet will sich nicht mit Berggruen einigen, und baut Druck auf: Entweder bekommt Borletti den Zuschlag, oder Karstadt wird zerschlagen, sind die beiden möglichen Konsequenzen. Wenn Borletti gewinnt, dann greift das Cordes-Modell.

Dann gibt es die Verschmelzung zur Warenhaus AG - nicht sofort, denn auch der Italiener will und muss sich an den Insolvenzvertrag mit Verdi halten, der die nächsten drei Jahre keinen weiteren Stellenabbau vorsieht. Aber danach wird es Einschnitte geben. Das ist für die Mitarbeiter eine schmerzliche, aber marktgerechte Lösung.

Die Lösung für die Innenstädte

Und was wird aus den Magneten in den Innenstädten? Die kann es ja weiterhin geben, als Kleinstadt-oder Stadtteilwarenhäuser, losgelöst von schwerfälligen Konzernen, wie das zum Teil bei ehemaligen Hertie-Filialen schon der Fall ist.

Diese kleinen Häuser müssen aber in moderne Innenstadtkonzepte eingebettet werden, unterstützt von investitionswilligen Banken.

Ideen für neue Warenhäuser gibt es genug, beispielsweise vom Betreiber der kleinen "Kaufring"-Häuser in München. Oder dem Kaufhaus Frey in Cham. Das Ende von Karstadt muss nicht das Ende des Warenhausgedankens sein - es ist dessen Neuanfang.

Schon jetzt müssen sich die Städte darauf einstellen. Die Verlegung einer Straßenbahnhaltestelle ist ja immerhin ein Anfang.

Steffen Gerth

Eine Chronik der Karstadt-Krise finden Sie hier.

Eine Bildergalerie zur Geschichte von Karstadt finden Sie hier.