Wer keine Revolution fordert, bekommt auch keine. Die Erneuerung von Karstadt verläuft eher im Tippelschritt. Hier mehr Farbe, dort mehr Licht. Immerhin gibt es Lob für den neuen Chef Andrew Jennings.

Letztens war die "Killer Queen" zu Besuch bei Karstadt, genauer in der Filiale von Karstadt Sports in Hamburg-Harburg. Es war für sie eines der vielen Werbetermine, die sie derzeit absolviert, um ihre Autobiografie vorzustellen. Mit bürgerlichem Namen heißt die 23 Jahre junge Frau mit dem eigenwilligen Spitznamen Susianna Kentikian, stammt aus Armenien und ist dreifache Weltmeisterin im Profiboxen. Der Titel ihrer Lebensaufzeichnung: "Mir wurde nichts geschenkt".

Irgendwie passt dieser Titel auch zu Karstadt. Bei der Wiederauferstehung des Unternehmens gibt es wahrlich keine Geschenke. Im Gegenteil: Derzeit rumpelt es in der Essener Zentrale des Warenhauskonzerns. Der geräuschvolle Abgang des kurzzeitigen Aufsichtsratschef Alain Caparros war der vorübergehende Höhepunkt in einem unruhigen ersten Halbjahr.

Veränderungen nicht vorteilhaft

Bei Verdi hält man sich möglichst zurück mit Kommentaren um den Abgang von Rewe-Chef Caparros. Immerhin sagt Cornelia Haß, Sprecherin der Gewerkschaft, zu derhandel.de, "dass wir jede Veränderung für nicht vorteilhaft halten".

Es soll kulturelle Differenzen zwischen dem Rewe-Chef und dem neuen Karstadt-Geschäftsführer Andrew Jennings gegeben haben. Caparros wollte beispielsweise mehr Mitbestimmung des Aufsichtsrats - und scheiterte am Briten.

Dabei wird vielerorts nur Gutes über den neuen Chef von Karstadt erzählt. Man schwärmt von seiner Kommunikationsstärke, auch gegenüber den einfachen Mitarbeitern - das hat man von früheren Spitzenmanagern von Karstadt schon anders erlebt.

Trotzdem fehlt bisher eines: der erste große öffentlicher Aufritt von Jennings. Ein Bekenntnis zur neuen Strategie, zu neuen Sortimenten - einfach etwas, womit alle Kunden etwas anfangen können. Also ist zunächst Spurensuche angesagt, um zu ergründen, wie es mit Karstadt weiter geht, erst recht, nachdem im Mai die Aufteilung des Konzerns in die drei Bereiche Premium, Sport und Warenhaus beschlossen sein wird.

Und bei dieser Art von mühevoller Nachrichtenkleinarbeit werden schnell Aufreger produziert. Von Umsatzrückgang war letztens die Rede. "Es gibt ja auch mittlerweile weniger Filialen als im Vorjahr", erklärt Verdi-Sprecherin Haß und betont: "Es gibt keinen Grund zur Besorgnis."

Umbau im Eiltempo

Rund 20 Filialen stehen auf der Dringlichkeitsliste für Renovierungen ganz oben. Doch was will man mit insgesamt 75 Millionen Euro an Investitionen erreichen? "Wir haben nie eine Revolution gefordert", erwidert Cornelia Haß Zweifel an den bisher nur bescheiden ausfallenden Neuerungen bei Karstadt.

Draußen im Lande wird immerhin gewerkelt. In Braunschweig sollen die drei Filialen bis September aufgehübscht werden. Wegeführung, Fußböden, Möbel und Licht - alles soll neu werden. Im Haupthaus wird der Bereich Fashion um 2.000 Quadratmeter vergrößert.

Auch in der Karstadt-Filiale im Main-Taunus-Zentrum (MTZ) im hessischen Sulzbach soll es heller und freundlicher werden. Drei Millionen Euro beträgt das Investitionsvolumen für die Renovierungen dort, es sind unter anderem eine bessere Gliederung des Sortiments sowie eine eckige Wegeführung geplant.

"Der neue Laden wird mit dem alten optisch nichts mehr zu tun haben", sagt Filialleiter Peter Hessel. 13 Bauabschnitte sind vorgesehen, bis zum 1. September soll dieses Projekt beendet sein.

Doch nicht nur die Optik, auch das Sortiment wird in der MTZ-Filiale den modernen Zeiten angepasst. Allein 5.000 Quadratmeter sollen künftig Outdooraktikel vorbehalten sein. Ingesamt wird der Bereich Mode und Sport 6.500 Quadratmeter Fläche einnehmen. Im Erdgeschoss entsteht eine "Living"-Abteilung mit Töpfen und Geschirrtüchern - weichen muss dafür die Cafeteria. Denn ein Restaurant wird es in diesem Karstadt nicht mehr geben.

Boomstadt Mainz

Zu den ersten Häusern, die schöner werden sollen, gehört auch der Standort Bamberg. Dafür stehen dort zwei Millionen Euro zur Verfügung, die künftigen Sortimentsschwerpunkte werden in Bamberg Mode, Schönheit und Schmuck sein.

Verdi-Sprecherin Haß sagt, dass die Regionalisierung, die der frühere Karstadt-Interimschef Thomas Fox schon im Vorjahr angekündigt hatte, bereits begonnen habe. Das heißt, dass die Filialleiter vor Ort mehr Eigenständigkeit bei der Sortimentierung bekommen.

Doch freilich gibt es auch einige ungelöste Fälle. In Mainz, beispielsweise, wird weiter über den Karstadt-Umbau gestritten. Die Projektentwickler ECE und Multi Development buhlen dort seit Monaten um den Zuschlag für die Immobilie. Mit der Erneuerung des alten Karstadt-Hauses dürfte ein Mainz ein regelrechte Umwälzung des Einzelhandels der Stadt einhergehen.

"Es gibt jede Menge Kaufhäuser, die nach Mainz wollen", sagte der Immobilienhändler Frank Küppers dieser Tage in der in Mainz erscheinenden "Allgemeine Zeitung". Küppers berichtet, dass er manche Läden der Innenstadt viermal vermieten könne, so begehrt seien diese. Mittlerweile ist hier der Quadratmeterpreis auf rund 120 Euro gestiegen - ein Spitzenwert.

Ganz offenbar wird hier auf eine goldene Zukunft gesetzt, falls der neue Mainzer Karstadt inklusive einer neuen Flaniermeile entsteht. Innenstadt und Karstadt - das ist immer noch eng miteinander verknüpft im deutschen Einzelhandel.

Auch im Stadtteil Harburg, der weiß Gott nicht zu den Perlen von Hamburg gehört. Die Filiale des Warenhauses dort beschrieb das "Hamburger Abendblatt" einmal so: "Nicht schön, aber wichtig".