Der Stellenabbau bei Karstadt kommt für Belegschaft und Gewerkschaft überraschend - und offenbart die Probleme des Unternehmens. Unter den Mitarbeitern geht wieder die Angst um.

Kantine statt Chefzimmer: Anfang Mai wurden zwei Der Handel-Redakteure zum Gespräch mit Karstadt-Chef Andrew Jennings eingeladen. In der Hauptverwaltung in Essen hieß es dann, Jennings sei plötzlich erkrankt. Das sei schade, denn er hätte einiges zeigen wollen, meinte der Pressesprecher. Was er uns mitteilen wollte, haben wir nie genau erfahren: Er hat sich nie wieder gemeldet.

Jennings dürfte seitdem die Lust am Plaudern mit der Presse vergangen sein. Nicht nur Der Handel fragt sich seit geraumer Zeit, wie Karstadt die jährlichen Mehrkosten von 50 Millionen Euro nach dem Ablauf des Sanierungstarifvertrags schultern will. Das hätten wir auch seinerzeit gerne Jennings gefragt.

Jetzt wird deutlich: Die Tarifnormalität hat seinen Preis. Etwa jeder zwölfte Arbeitsplatz soll bei Karstadt wegfallen. Die Rückkehr zum Flächentarifvertrag bleibt für viele Karstadt-Mitarbeiter also eher ein Trostpflaster.

Die Gewerkschaft ist entsetzt

Von den 25.000 Arbeitsplätzen werden 2.000 bis 2015 gestrichen, und zwar in drei Wellen. Betroffen sind vor allem Jobs auf der Fläche. Drei Jahre nach der Karstadt-Pleite geht in den Filialen wieder die Angst um den Arbeitsplatz um.

Eine entsprechende Rede von Jennings über den Stellenabbau im Eingangsbereich der Zentrale verfolgten Hunderte Mitarbeiter auf Treppen und Emporen. Betroffenheit herrscht auch in den Filialen.

Der Stellenabbau kam für Mitarbeiter und auch für die Gewerkschaft überraschend. Selbst die Verdi-Vertreter im Karstadt-Aufsichtsrat haben ihn wohl nicht kommen sehen.

Nun toben die Gewerkschafts-Funktionäre. "Es geht nicht, dass die Beschäftigten erneut für Fehler der Vergangenheit herangezogen werden", sagt Stefanie Nutzenberger, Verdi-Bundesvorstandsmitglied für den Handel. "Es ist eine verquere Logik, wenn Karstadt mehr Wachstum mit weniger Personal und damit weniger Service für Kunden erreichen will."

Das Auslaufen des Sanierungstarifvertrages müsse ein Anlass sein, die Unternehmensplanung zu überprüfen, gibt dagegen Michael Gerling, Geschäftsführer des Handelsinstitutes EHI, zu bedenken. "Wenn es gut läuft, kann man die Mitarbeiter halten. Wenn die Konjunktur sich dreht, müssen Maßnahmen ergriffen werden", sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Konzernchef Andrew Jennings versucht zu beruhigen und verspricht in seinem Lieblings-Presseorgan, der Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass es "keine Schließungswelle" drohe. Wie die bestehenden Filialen mit weniger Mitarbeiter erfolgreicher am Markt agieren sollen, bleibt aber sein Geheimnis.

Fehlendes Profil

Nach der Rettung des traditionsreichen Warenhausunternehmens 2010 durch den amerikanischen Investor Nicolas Berggruen kehrte Karstadt zum Alltagsgeschäft zurück. Sein Vertrauter, der Warenhausexperte Jennings, hat viele Ideen. Das Konzept des Briten sieht vor, das Sortiment mit neuen Marken aufzuwerten.

Die Modeabteilungen werden verstärkt und die Unterhaltungselektronik verkleinert. Für die Modernisierung der Häuser sind bis 2015 rund 400 Millionen Euro vorgesehen, davon wurden bisher rund 160 Millionen investiert.

Ob das genügt, ist freilich offen. Nicht nur Johann Rösch, Gewerkschaftssekretär bei Verdi und Aufsichtsratsmitglied bei Karstadt, fordert höhere Investitionen. Kritiker halten dem Karstadt-Chef zudem vor, es gebe nach wie vor keine Nobelmarken, kein besonderes Shoppingerlebnis und auch keine klare Positionierung.

Wenn Eigentümer Nicolas Berggruen tatsächlich damit liebäugeln sollte, jetzt schon einen Teil der liquiden Mittel abzuziehen, wie die Lebensmittel Zeitung berichtet, dann hätte Jennings noch weniger Spielraum, um seine Hausaufgaben zu erledigen.

Marcelo Crescenti mit Material von dpa