Jeden Tag ein neuer Trend - so stellt sich der Einzelhandel dar. Der Handel hat in den Ländern gefragt, wie die Lage wirklich ist.

Kaum eine andere Branche in Deutschland vermittelt derzeit ein derart uneinheitliches Bild wie der Einzelhandel. Unternehmen wie H&M oder Rewe strotzen vor Optimismus und Expansionswillen, verbunden mit atemberaubenden Aussichten für Tausende neuer Jobs. Und der Handelsverband HDE verblüfft mit einer Statistik, wonach seit Liberalisierung des Ladenschlussgesetzes in Deutschland 60.000 neue Jobs im Einzelhandel entstanden worden seien.

Aber es gibt auch Pessimisten, wie den Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub, der ankündigt, dass dieses Weihnachtsgeschäft das schwächste seit Jahren sein werde. Auch die Bilanz bei Metro ist nicht gut. Die Cash & Carry-Märkte schreiben schlechte Zahlen, und Käufer für die angeschlagenen Kaufhof-Warenhäuser ist nicht in Sicht. Frohe Weihnachten?

Der Handel hat in verschiedenen Landesverbänden gefragt, wie Stimmung und Lage sind, und ob man das vom HDE verkündete Jobwunder glaubt.

Bernd Ohlmann, Geschäftsführer des Bayerischen Einzelhandelsverbandes:
Die Finanzmarktkrise hat für Bayern keine Auswirkungen. Allenfalls im positiven Sinne, weil sich manche sagen: Bevor das Geld nichts mehr wert ist, kaufe ich noch etwas Luxus ein. Bei uns ist die Lage stabil - aber auf niedrigem Niveau. Wir hoffen, auf ein gutes Weihnachtsgeschäft und damit einen versöhnlichen Jahresabschluss. Ein schwarze Null ist unser Ziel in Bayern für dieses Jahr. Wir waren schon immer etwas besser als der Bund, das liegt an der höheren Kaufkraft bei uns. Zum Thema neue Jobs nach neuen Ladenöffnungszeiten: In Bayern haben wir ja noch die alten Schlusszeiten, also bis 20 Uhr. Aber eine Liberalisierung bringt weder mehr Umsatz, noch mehr Beschäftigung.

Waltraud Loose, Geschäftsführerin des Einzelhandelsverbandes Nordrhein-Westfalen:
Ich beziehe mich auf die Zahlen des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik. Und die haben für die Monate Januar bis August 2008 eine nominale Umsatzsteigerung von 1,2 Prozent verzeichnet. Preisbereinigt bedeutet das aber ein Minus von 1,6 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Trotzdem hoffen wir auf ein gutes Weihnachtsgeschäft. Die Parameter sind nicht schlecht. Wenn es richtig knackig kalt wird, hoffen wir, dass die Verbraucher Textilien kaufen. Wir denken, dass wir auch davon profitieren, dass die Leute noch Geld zu Hause haben. Denn es gibt ja nicht nur Menschen, die den Verlockungen der Börsen erlegen sind, und nun unter fallenden Aktienkursen leiden.

Allerdings wird das Weihnachtsgeschäft die Jahres-Bilanz des Einzelhandels in Nordrhein-Westfalen nicht vergolden können. Der Einzelhandel ist eine der Branchen, die nie aus dem Konjunkturtief herausgekommen sind. Denn wir haben mit dem Export nichts zu tun - und der Binnenmarkt hat ja den Aufschwung nicht gespürt. Daher können wir angesichts der Finanzkrise auch nicht sagen, dass wir tief stürzen - wir sind doch schon am Boden.

Ob es wirklich ein Jobwunder durch die Liberalisierung des Ladenschlussgesetzes gegeben hat? Hier vertraue ich einmal HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth, er wird diese Zahlen auch belegen können. Ich hoffe aber, dass diese neuen Jobs auch langfristig Bestand haben.

Horst Lenk, Präsident des Einzelhandelsverbandes Baden-Württemberg und Inhaber eines Modehauses in Pforzheim:
In den ersten acht Monaten dieses Jahres hat der Einzelhandel bei uns ein kleines Plus von 0,8 Prozent eingefahren. Zwar setzen die Geschäfte große Hoffnungen auf das bald beginnende Weihnachtsgeschäft. Angesichts der aktuellen Finanzmarktkrise und anstehender neuer Belastungen für Verbraucher und Wirtschaft durch Gesundheitsfonds und nach wie vor hoher Energiepreise besteht aber die Gefahr, dass die Konsumstimmung im Land weiter sinkt.

Die Händler im Land haben in den vergangenen Jahren enorme Anstrengungen unternommen, um durch betriebliche Einsparungen die fehlenden Umsätze auszugleichen. Allein im Energiesektor hatten die Händler im Jahr 2008 laut einer Verbandsumfrage Mehrkosten von 15 Prozent zu stemmen. Eine Reform der Einkommensbesteuerung könnte allein 2008 die Kaufkraft in Deutschland um sieben Milliarden Euro steigern.

Frank Albrecht, Präsident des Hessischen Einzelhandelsverbandes und Parfümerie-Händler in Frankfurt :
Wir haben am Frankfurter Börsenplatz gemerkt, dass sich Menschen wegen der Finanzkrise Sorgen machen. Aber der überwiegende Teil der Bevölkerung ist von dieser Krise nicht betroffen. Solange wir einen relativ niedrigen Stand an Arbeitslosen haben, solange die Leute Geld verdienen, auch wenn es netto nicht so viel ist, wie es sein sollte - solange gibt es keinen Grund, nervös zu werden. Vor allem, weil auch die sogenannte Sparquote nicht so hoch ist, wie stets angenommen. Derzeit wird von 11 Prozent gesprochen, das wäre etwas höher als im vorigen Jahr. Doch im ersten Quartal dieses Jahres lag die Sparquote noch bei 14,9 Prozent - und das zeugte von  Zukunftsängsten der Menschen.

Die Leute sind freilich verunsichert und trauen den Banken nicht mehr. Aber das hat mit dem Konsum nichts zu tun. Denn merkwürdigerweise hat der wirtschaftliche Aufschwung der zurückliegenden zwölf Monate den Einzelhandel nicht erreicht. Warum soll ihn dann der Abschwung erreichen? Die Menschen konsumieren auf niedrigem Niveau - aber konstant.

Ich glaube, dass das Weihnachtsgeschäft gut verlaufen wird. Die Leute werden sich sagen, dass das Geld im Einzelhandel immer noch besser aufgehoben ist, als auf der Bank.

Die HDE-Zahlen zu den angeblich neuen Jobs durch den veränderten Ladenschluss bezweifle ich. Denn diese Werte stehen diametral zu den Veröffentlichungen der Statistischen Landesämter, die leichte Umsatzrückgänge und Stellenabbau belegen. Man kann sich die Lage nicht schönreden. Das neue Ladenschlussgesetz hat keine neuen Arbeitsplätze geschaffen. Wer das behauptet, verbreitet Zweckoptimismus.

Aufgezeichnet von Steffen Gerth