Analog-Käse und Mogel-Schinken stehen in der Diskussion. Jürgen Abraham, Verbandschef der Ernährungsindustrie, äußert sich dazu im Interview - und bittet die Händler um Aufklärung.

Jürgen Abraham ist Chef des gleichnamigen Schinkenherstellers und Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE).

Herr Abraham, handelt es sich bei Analog-Käse und Formschinken um ein Sommerloch-Thema?

Zunächst einmal, es geht nicht um Formschinken, der ein hochwertiges, in den Leitsätzen des Deutschen Lebensmittelbuches definiertes Produkt ist, sondern um Schinkenersatz, der mit Schinken auch gar nichts zu tun hat.

Es gab Ausnahmefälle, vorwiegend in der Billig-Gastronomie, in denen Schinken-Ersatz und Käse-Ersatz gefunden wurden, ohne dass sie deutlich kenntlich gemacht waren. Eine unkorrekte Kennzeichnung darf nicht sein. Bei den anderen Beispielen, die von der Verbraucherzentrale Hamburg angeprangert wurden, verhält es sich anders: In den meisten Fällen liegt keine Irreführung vor.

Wieso kam diese Debatte ausgerechnet jetzt hoch?

Wenn man sich vor Augen führt, dass die Ernährungswirtschaft etwa 170.000 qualitativ hochwertige, sichere und schmackhafte Lebensmittel am Markt anbietet und nun anhand weniger Beispiele eine ganze Branche verunglimpft wird, kann man nur vermuten, dass es sich um eine bewusste Angstmache und Verunsicherung der Verbraucher handelt.

Das Sommerloch kommt hinzu, der Wahlkampf ebenfalls. Die Medien brauchen Inhalte und leider scheint die Devise zu gelten, je spektakulärer und negativer die Meldung, desto höher die Abdruckquote. Keine Frage: Wenn Käse- oder Schinken-Ersatz verwendet und nicht gekennzeichnet würde, handelt es sich um Verstöße, die geahndet und abgestellt werden müssen.

Sind Sie dafür, dass Unternehmen, die falsche Angaben auf Lebensmittel-Packungen machen, veröffentlicht und sanktioniert werden sollen?

Der Pranger ist eine gesellschaftliche und für betroffene Unternehmen eine wirtschaftliche Katastrophe, dem gehört vehement entgegen getreten. Es kann hierbei nicht nur um die Lebensmittelwirtschaft gehen. Wo kämen wir hin, wenn alle Verstöße zukünftig auf Listen veröffentlicht werden?

Wir haben gesetzliche Regelungen, die sachgerechter Weise strenge Anforderungen an  die Veröffentlichung von Unternehmen und Produkten stellen, diese erlauben eben nicht ein An den Pranger stellen nach dem Gutdünken von Behörden oder NGO's. Wenn Unternehmen falsche Angaben machen, ist das ein Verstoß gegen das Lebensmittelrecht und muss verfolgt und bestraft werden.

Die Lebensmittelkontrollbehörde kümmert sich um die Kontrolle der ordnungsgemäßen Einhaltung der Vorschriften; ihr steht ein ausreichender Sanktionskatalog zur Verfügung.

Sind Zusatzstoffe in Nahrungsmitteln unlauter oder ungesund?

Nein - im Gegenteil. Zusatzstoffe sind heute unentbehrlich in der Produktion von Lebensmitteln, um eine gleich bleibende Qualität und Sicherheit des reichhaltigen und hochwertigen Angebots zu gewährleisten. Ein Gesundheitsrisiko durch den Verzehr von Lebensmitteln mit Zusatzstoffen ist ausgeschlossen.

Technologische Notwendigkeit und vor allem gesundheitliche Unbedenklichkeit sind entscheidende Zulassungskriterien. Für jeden einzelnen Stoff wird auf Basis wissenschaftlicher Studien eine genau definierte Höchstmenge festgesetzt und ein Sicherheitsfaktor einkalkuliert, so dass auch bei einer lebenslangen täglichen Aufnahme keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen auftreten können.

Warum benutzt die Lebensmittelindustrie Zusatzstoffe - sind natürliche Zutaten nicht ausreichend?

In dem großen und vielfältigen Angebot, das die Lebensmittelwirtschaft bietet, sind sowohl Lebensmittel mit als auch ohne Zusatzstoffe enthalten. Bei manchen Lebensmitteln sind sie verzichtbar, bei anderen nicht. Wenn Lebensmittel bereits verarbeitet angeboten werden, ist es verständlich, dass zum Beispiel die Haltbarkeit, die Konsistenz oder die Farbe gewährleistet bleiben müssen.

Besonders essenziell sind Zusatzstoffe für die Konservierung. Ein Schinken ohne Nitritpökelsalz mit dem Zusatzstoff Natriumnitrit könnte bei Verderb lebensbedrohlich sein. In der Zeit vor den Zusatzstoffen sind Menschen am Botulismus gestorben.

Wie soll sich der Händler gegenüber kritischen Verbraucherfragen verhalten?

 
Aufklärung ist alles: Es gilt, den Sachverhalt zu erklären und auf die Kennzeichnung aufmerksam zu machen. Es scheint, dass insbesondere der Blick auf die Zutatenliste stärker vermittelt werden muss. Der Kunde wird immer die Wahl haben zwischen Produkten mit zum Beispiel Filet oder mit Formfleisch. Beide sind grundsätzlich qualitativ einwandfrei und sicher - das eine ist besonders gut, das andere gut; sie unterscheiden sich im Geschmack und in der Kennzeichnung. Darauf muss man achten.

Der Händler vor Ort hat die große Chance, im direkten Gespräch mit den Kunden zu vermitteln, dass es keinen Grund gibt, der verarbeitenden Ernährungswirtschaft und dem Handel zu misstrauen und genügend Gründe, ihr zu vertrauen.

Ist die Diskussion über Lebensmittel-Plagiate eher ein Fluch oder eine Chance für die Branche?

So unsachlich, wie die Diskussion geführt wird, ist sie sicherlich kein Segen, denn sie führt zu ungerechtfertigtem Vertrauensverlust. Sie ist eine Verunglimpfung für jeden, der sich tagtäglich für die Herstellung und die Vermarktung der Lebensmittel einsetzt und mit seiner Arbeitskraft das große Angebot an den Verbraucher sicherstellt.

Sehen Sie trotzdem Chancen?

Eine Chance sehe ich darin, dass wir erneut die Diskussion über das Preisniveau bei Lebensmitteln  und den Anspruch der Verbraucher daran führen müssen. Lebensmittel haben ihren Wert! Wenn immer nur nach dem Motto "billig" eingekauft wird, ist es verständlich, dass hochwertige Zutaten durch preiswertere ersetzt werden.

Wie soll sonst ein so günstiges Angebot erreicht werden? Die Zutaten eines Lebensmittels machen den Preis aus. Der Kunde entscheidet mit seinem Geschmack und seinem Anspruch.

Interview: Pierre Pfeiffer