Was will Benko? Was bekommt er von Berggruen? Was passiert mit den Beschäftigten? Zur Zukunft von Karstadt gibt es derzeit viele Fragen, aber keiner der Hauptakteure mag sie beantworten.

Es sind schwere Zeiten für die rund 17.000 Beschäftigten der angeschlagenen Warenhauskette Karstadt. In der kommenden Woche will der Aufsichtsrat des Unternehmens über einen neuen Sanierungsplan beraten, der nach den Worten der Konzernführung "keine Tabus" mehr kennen soll.

Vier Jahre nach dem Einstieg des Investors Nicolas Berggruen wird der Verlust von vielen Arbeitsplätzen befürchtet. Gleichzeitig überschlagen sich Spekulationen über einen unmittelbar bevorstehenden Eigentümerwechsel bei der Handelskette - und sorgen für zusätzliche Verunsicherung.

Der österreichische Immobilienunternehmer René Benko könnte Medienberichten zufolge schon in Kürze die Karstadt-Warenhaus GmbH übernehmen.
Derzeit bestehen noch 83 Warenhäuser. Von "berechtigten Sorgen um die Profitabilität" für ein Viertel dieser Häuser hatte kürzlich Karstadt-Aufsichtsratschef Stephan Fanderl gesprochen.

Berggruen habe ihn zur Hilfe gerufen, zitierte das österreichische Wirtschaftsmagazin "Format" Immobilien-Investor Benko. Eine endgültige Entscheidung sei aber noch nicht gefallen.

Niemand sagt etwas. Auch Karstadt schweigt

Auf Nachfrage erhält man aus den Beteiligtenkreisen allerdings widersprüchliche Informationen. Auf der einen Seite heißt es, die Verträge seien praktisch ausverhandelt. Die andere Seite lässt verlauten, es gebe "keine Fortschritte" zu berichten. Derzeit werde überhaupt nicht miteinander geredet. Zitieren lassen mag sich niemand. Offiziell heißt es nur: Kein Kommentar. Auch Karstadt schweigt.

Die Vermutung liegt nahe, dass auf beiden Seiten taktische Erwägungen die Informationspolitik bestimmen. "Ich könnte mir vorstellen, dass Berggruen versucht, durch gezielte Indiskretionen über die Verhandlungen Druck auf Benko auszuüben, um endlich Karstadt loszuwerden", sagt etwa der Handelsexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Mitgift von Berggruen

"Die Gretchenfrage ist, ob Berggruen bereit ist, dem Unternehmen eine ausreichende Mitgift mitzugeben, die das Geschäft für Benko attraktiv macht", urteilt Handelsexperte Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein. "Das wird der Knackpunkt sein", sagt er und fügt dann noch hinzu: "Ich glaube, daran wird es scheitern." Heinemann schätzt den bei Karstadt in den vergangenen Jahren aufgelaufenen Investitionsstau auf "bestimmt 1,5 Milliarden Euro".

Tatsächlich stellt sich die Frage, warum Benko angesichts der anhaltend roten Zahlen überhaupt eine Übernahme der kompletten Warenhauskette wagen sollte. Allerdings gehört seiner Signa-Gruppe die Mehrheit an den Karstadt-Sporthäusern und den Premium-Häusern. Außerdem besitzt er bereits zahlreiche Karstadt-Immobilien. "Benko muss abwägen, ob es für ihn sinnvoll ist, das Risiko einzugehen, bei Karstadt einzusteigen, um seine bisherigen Investitionen zu schützen", meint deshalb Roeb.

Vielleicht geht es ja auch ohne Karstadt weiter

Dabei sind sich beide Branchenkenner einig, dass ein Einstieg von Benko für Karstadt gravierende Änderungen mit sich bringen würde. "Benko geht es um die Immobilien. Er ist bestimmt nicht daran interessiert, langfristig ein Warenhaus zu betreiben", meint Heinemann.

Roeb ist überzeugt, Benko habe kein Problem Geld in die Hand zu nehmen, um seine Ideen zu verwirklichen. "Das muss aber nicht unbedingt die Weiterexistenz von Karstadt als klassisches Warenhaus, wie wir es kennen, bedeuten. Am Ende wäre vielleicht das Karstadt-Schild weg, aber Einkaufsstätten und Arbeitsplätze wären noch da", sagt er.

Die 17.000 Karstadt-Beschäftigten können bei dem Poker um ihre Zukunft zurzeit nur zusehen. "Wir sitzen ja nicht mit am Verhandlungstisch. Wir warten ab, in welche Richtung sich das entwickelt", sagt der Karstadt-Betriebsratsvorsitzende Hellmut Patzelt. Unabhängig vom Namen des Eigentümers halte die Belegschaft aber an ihrer Forderung nach Standort- und Arbeitsplatzgarantien für alle Beschäftigen fest.

Erich Reimann, dpa