Die Wirtschaftsinstitute überbieten sich in pessimistischen Prognosen, Kanzlerin Merkel warnt vor einem schwierigen Jahr 2009 - aber die Bürger kaufen, kaufen, kaufen. Wie passt das zusammen?

Von einer "gesunden Trotzreaktion" spricht der Vorstandschef der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), Klaus Wübbenhorst: "Die Bürger wollen sich Weihnachten nicht verderben lassen."

Hohe Anschaffungsneigung

Erstaunlicherweise haben Finanzkrise und Rezession der Verbraucherstimmung in Deutschland bislang kaum etwas anhaben können. Der Konsumklima-Indikator, den die GfK monatlich ermittelt, zeigt sich mit Werten zwischen 1,6 und 2,1 Punkten schon im fünften Monat hintereinander stabil - wenn auch auf niedrigem Niveau. Von Oktober bis Dezember hat er dreimal hintereinander sogar leicht zugelegt. Auch für Januar erwartet die GfK nicht, dass die Verbraucherstimmung einbricht.
 
Verantwortlich dafür ist vor allem die sogenannte Anschaffungsneigung. Um sie zu messen, fragt die GfK monatlich rund 2.000 Verbraucher: "Glauben Sie, dass es zurzeit ratsam ist, größere Anschaffungen zu tätigen?" Viele Befragte halten - Krise hin oder her - den Zeitpunkt offensichtlich für günstig, um sich beispielsweise einen neuen Flachbildfernseher, ein neues Laptop oder ein energiesparendes Haushaltsgerät zuzulegen.

"Dieses Geld wird wirklich ausgegeben"

Denn der Indikator "Anschaffungsneigung" ist im Dezember auf den zweitbesten Wert des gesamten Jahres 2008 geklettert; nach einem Tiefpunkt im August mit minus 27,9 Punkten liegt er nun bei minus 6,3 Punkten und nicht mehr so weit entfernt vom langjährigen Durchschnittswert null.

Darin zeigt sich nach Ansicht des GfK- Experten Rolf Bürkl die gestiegene Kaufkraft: Die guten Tarifabschlüsse in etlichen Branchen, verbunden mit sinkenden Preisen für Benzin und Heizöl, spülen wieder mehr Bares in die Geldbeutel der Verbraucher. Und dieses Geld "wird wirklich ausgegeben", bekräftigt GfK-Chef Wübbenhorst. Dafür spreche auch die sinkende Sparquote.   

Schlechte Konjunkturerwartung

Auf den zweiten Blick wird allerdings deutlich: Die pessimistischen Konjunkturprognosen - die bisher düsterste kam am Montag vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), das ein Schrumpfen der Wirtschaft um 2,7 Prozent erwartet - gehen an den Bürgern nicht spurlos vorbei.

Dies zeigt sich im Indikator "Konjunkturerwartung", der seit Monaten auf Talfahrt ist und mit minus 32,4 Punkten im Dezember den vorläufigen Tiefpunkt erreicht hat - der niedrigste Wert seit Beginn der gesamtdeutschen Erhebungen 1991. Zum Vergleich: Im Januar lag dieser Indikator noch mit knapp 29 Punkten im Plus, zur Jahresmitte 2007 sogar mit rund 69 Punkten.

Im Moment noch nicht betroffen

Aber warum können solche Vorhersagen die Konsumstimmung nicht trüben? "Die meisten Menschen sind im Moment noch nicht direkt von der Krise betroffen", sagte Konjunktur-Experte Marcus Kappler vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. "Noch macht sich die schlechte Konjunkturentwicklung nicht im Portemonnaie bemerkbar", sagte Kappler in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Darum sei das laufende Weihnachtsgeschäft noch nicht betroffen - zumal sich gefallene Benzin- und Verbraucherpreise deutlich bemerkbar machten. "Die Wirkung der Rezession auf die Inflationsrate ist unmittelbar im Geldbeutel spürbar", sagte Kappler. "Das Geld, das an der Zapfsäule gespart wird, hat man sofort zur Verfügung." Das habe offensichtlich positive Auswirkungen.

Angst vor 2009

Die düsteren Prognosen dagegen richteten sich mehr auf die nahe Zukunft. "Die Nachrichten, die uns jetzt schocken, sind Dinge, die für 2009 gelten", erklärte der Forscher aus der Abteilung Wachstums- und Konjunkturanalyse. "Wir dürfen nicht vergessen: Wir stecken zwar in der Rezession - die eigentliche Krise wird aber noch kommen."

Kappler geht davon aus, dass sich die Stimmung der Verbraucher im Frühjahr/Sommer verschlechtert, weil die Menschen dann die unmittelbaren Folgen zu spüren bekommen. "Bislang geht es noch nicht so sehr um das Thema Arbeitslosigkeit." Dies werde auch am Beispiel der Branchen deutlich, die bereits Opfer der Finanzkrise seien und erste Auswirkungen deutlich zu spüren bekämen. "Bislang setzt beispielsweise die Automobilbranche auf Kurzarbeit - Arbeitsplätze werden noch nicht abgebaut."