Dieter Overath kämpft für mehr faire Produkte im Handel. Dabei setzt er auf Lifestyle-Bohnen statt auf Sozialromantik.

Romantiker werden erschrecken, denn das Bekenntnis von Robin Goudsblom war frei von Heuchelei. „Wir haben Fairtradeprodukte nicht aus sozialer Verantwortung eingelistet, sondern wegen der Kundennachfrage." Mit dieser Aussage hat sich Goudsblom aus der Geschäftsleitung Einkauf International von Lidl einen Aufrichtigkeits-Preis verdient, weil er zugibt, dass das Geschäft über allem steht. Auch über dem sozialen Gewissen.

Seit drei Jahren führt Lidl Fairtrade-Produkte mit dem Eigenmarken-Namen Fairglobe, in den Läden werden die Artikel auffällig in Szene gesetzt. „Mehr können wir nicht tun", sagt Goudsblom. Aber dieses Engagement hat schon gereicht, um der Konkurrenz „die Luft zur Profilierung zu nehmen", wie es Professor Thomas Roeb formuliert, Handelsexperte an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg.

In der richtigen Zeit angekommen

Unternehmens-Profilierung durch Fairtrade? Es könnte gut sein, dass dieser Trend den Bio-Hype bald ablösen wird. Der Begriff der Stunde auch im Einzelhandel ist „Nachhaltigkeit". Damit erreicht man immer mehr Verbraucher. Vor allem die, die der neuen Modegruppe der „Lohas” (Lifestyle of Health and Sustainability) zugerechnet werden.

So gesehen ist die Misson von Dieter Overath in der richtigen Zeit angekommen. Dem Geschäftsführer des Vereins Transfair war leichte Genugtuung anzumerken, als er auf einer Podiumsdiskussion beim 1. Kongress „Fairtrade im Handel" am Montag in Berlin Duschan Gert von der EDEKA Südwest vorhalten durfte, „dass sie uns 2001 nicht in ihren Läden haben wollten". 1992 hat Overath Transfair gegründet. Der Anfang war sozialromantisch, fand in Dritte-Welt-Läden mit Kaffee aus Nicaragua statt und wurde getragen von viel Idealismus - und zwangsläufig wenig Gewinn.

Gewaltiger Umsatzsprung

Aber am Montag, im Haus der Konrad-Adenauer-Stiftung sagt Overath seinen neuen Lieblingssatz: „Wir sind auf dem Weg von der Mitleidsbohne zur Lifestylebohne." Seine Botschaft: Fairtrade wird Mainstream. 2006 wurde damit in Deutschland ein Umsatz von 110 Millionen Euro erzielt. Im ersten Halbjahr 2008 waren es laut Karin Kortmann, Staatssekretärin im Bundesministerium Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, 193 Millionen Euro.

Sogar Arthur Darboven hat festgestellt, „dass wir die Mitleidsbohne längst verlassen haben". Der Erbe der 142 Jahre alten deutschen Kaffeeröster-Dynastie Darboven steht hinter dem Fairtrade-Gedanken. Weil er in El Salvador aufgewachsen ist (sein zweiter Vorname Ernesto erinnert daran), verspürt er ein Mitgefühl mit den Nöten Latein- und Südamerikas. 12,5 Prozent des Darboven-Kaffees ist fair gehandelt, in fünf Jahren könnte dieser Anteil auf 25 Prozent steigen, sagt Arthur Darboven. Ihm scheint der Fairtrade-Gedanke ernst zu sein, zumindest betont er, „dass sich Transfair-Kaffee nicht für Aktionen eignet". Sprich Sonderangebote. Soziales Denken muss man sich eben etwas kosten lassen - gut einen Euro mehr müssen seine Kunden für fairen Kaffee zahlen.

Im Prinzip ja

An diese Gedanken müssen sich Duschan Gert oder Achim Lohrie (Abteilung Unternehmensverantwortung bei Tchibo) noch vollends gewöhnen. Aber gerade Tchibo hatte 2005 eine unangenehme Zeit zu überstehen, als die „Kampagne für saubere Kleidung" dem Unternehmen vorwarf, Kleider zu verkaufen aus einer Fabrik in Bangladesch, in der es massive Arbeitsrechtsverletzungen gegeben haben soll. Die deutschen Verbraucher hatten protestiert, Tchibo warb Lohrie bei Otto ab und begann sich mit fairem Handel zu beschäftigen.

Trotzdem sind Lohries und Gerts Bekenntnisse zu Fairtrade noch verzagt. Im Prinzip würden beide gerne wollen, wenn die Konkurrenz das auch will, und der Preis für die Ware stimmt - und der Kunde nicht verunsichert wird. So vorsichtig klingen die Statements, grob zusammengefasst. Und deswegen setzt Overath die Händler unter Druck: „Man kann nicht Kaffee für 7,99 Euro verramschen", wettert er, weil er weiß, dass bei so einem Preis ein kleiner Bauer in einem Dritte-Welt-Land niemals etwas verdienen wird.

Leckerer Kaffee, keine Weltverbesserung

Dieter Overath hat eine neue Strategie entwickelt, um Fairtrade voranzubringen. Er weiß, dass er längst nicht mehr ausschließlich die Betroffenheitswelle reiten kann, damit seine Produkte in die Läden kommen. Sein Credo: Soziales Gewissen plus Geschäftssinn plus Genuss. „Wir wollen beim Einkauf nicht die Welt verändern - sondern leckeren Kaffee."

Overath verkauft Fairtrade heute den Unternehmen als Möglichkeit, gutes Geld zu verdienen, in dem sie ihr eigenes soziales Gewissen, aber auch das ihrer Kunden befriedigen. „Wir sind keine Schubidu-Welt", sagt er. Als Transfair-Chef will er kein naiver Spendensammler, sondern Geschäftspartner sein. Seinen Hinweis, dass der globalisierte Kapitalismus gewisse Korrekturen braucht zu Gunsten von Millionen armer Menschen, erlaubt sich Overath dennoch - aber vorsichtig genug, damit Unternehmensvertreter nicht verstört werden.

Wenn Overath sprachlos wird

Achim Lohrie bekennt sich dann aber doch noch zum Fairtrade-Gedanken und sagt, dass er „diesen Weg gerne breiter sehen würde". Er wünscht sich ein größeres Sortiment, auch was den Textilbereich betrifft. Und auf die Frage, was er glauben würde, wie groß der Anteil von Fairtrade-Produkten bei Tchibo in fünf Jahren sei, spricht er gar von 30 Prozent. Da war dann selbst Dieter Overath für einen Moment sprachlos.