Die große Bücher-Flatrate ist da: Amazon bietet Kindle Unlimited jetzt auch in Deutschland an. Ab sofort können Nutzer in mehr als 650.000 Büchern lesen, davon 40.000 in deutscher Sprache. Dafür zahlen sie monatlich 9,99 Euro. Ein Test über 30 Tage ist kostenlos. Damit orientiert sich Amazon am Preis des US-Angebots (9,99 Dollar), das im Juli gestartet ist. Im Amazon-Katalog findet man die entsprechenden Bücher über das Kindle-Unlimited-Logo, man kann aber auch direkt in der Unlimited-Kategorie suchen. Die Titel sind über die kostenlosen Lese-Apps für iOS und Android und natürlich plattformübergreifend auf allen Kindle-Geräten abrufbar. Bekannte Top-Titel sind nicht stark vertreten, weil die meisten Verlage nicht mit Amazon kooperieren. Ausnahmen sind Bücher wie die „Harry Potter“-Bände, „Das Weibernest“ von Hera Lind, „Unter Haien“ von Nele Neuhaus oder Gesundheitsratgeber "Fit ohne Geräte". Laut Amazon sind immerhin mehr als die Hälfte der Top 100 Kindle-Bestseller dabei.

„Mit Kindle Unlimited können Kunden sowohl bekannte Autoren als auch Newcomer kennenlernen“, wirbt Jorrit Van der Meulen, Vice President für Kindle Europa. Die tummeln sich vor allem unter den rund 30.000 Kindle-exklusiven, deutschsprachigen E-Books. Auch kann gezielt nach den sogenannten „Kindle Singles“ gesucht werden, Bücher mit 100 Seiten oder weniger für das schnelle Lesevergnügen.

Mit Amazon betritt ein mächtiger Player den bislang noch sehr überschaubaren Flatrate-Markt in Deutschland. Damit könnte das, was im Musik- (Spotify) und Filmmarkt (Netflix) bereits etabliert ist, auch in der Buchbranche Schule machen: Nutzen statt kaufen, und das zu einem günstigen Preis. Einmal mehr ist die angestammte Industrie besorgt: Wie stark wird das traditionelle Geschäft kannibalisiert? (Wie lange) können wir es uns leisten, da nicht mitzumachen?

Amazon-kritische Autoren haben die Aktion "Fairer Buchmarkt" ins Leben gerufen, mit der sie gegen die Flatrate protestieren. „Eine niedrige Pauschalgebühr für E-Books scheint auf den ersten Blick verführerisch, doch in der Konsequenz ist es der Ausverkauf der Literatur“, zitiert Buchreport die Mit-Initiatorin der Initiative, die Bestsellerautorin Nina George. Die Buchpreisbindung werde damit unterlaufen und die Autoren würden „beleidigend niedrig“ honoriert. Buchreport betont, in diesem Punkt anderslautende Informationen zu haben: "Verlage erhalten für einen bei Kindle Unlimited vermieteten Titel in der Regel den gleichen Betrag wie für einen verkauften, auch wenn einige Verlage individuelle Konditionen ausgehandelt haben. Also bekommen auch die Autoren die gleichen Anteile. Voraussetzung: Der Kunde muss mindestens 10 Prozent des Titels gelesen haben."

Rund 40.000 deutschsprachige Titel sind zum Start verfügbar
Rund 40.000 deutschsprachige Titel sind zum Start verfügbar

Bislang wird der "All you can read"-Markt von kleinen Unternehmen beackert: In den USA hat das Portal Scribd bereits im vergangenen Jahr ein Angebot für 8,99 Dollar im Monat gestartet und Harper Collins, eins der fünf großen Verlagshäuser der USA, als Partner gewonnen. Im Angebot sind derzeit über 500.000 Titel von über 900 Verlagen. Ein ähnlich großes Angebot macht das New Yorker Startup Oyster ("the leading streaming service for music") für 9,99 Dollar monatlich. 

Und wie sieht es in Deutschland aus? Die Verlagsriesen Bertelsmann/Random House und Holtzbrinck haben die Plattform Skoobe angeschoben wurde. Das Münchner Unternehmen bietet für 9,99 Euro im Monat (Basic-Tarif) Zugriff auf rund 70.000 Titel, bis zu drei sind gleichzeitig nutzbar. Das ist deutlich weniger als Amazons Kindle Unlimited, allerdings wirkt sich die Verlags-Connection hier sehr positiv aus: "Während das Sortiment von Skoobe (...) von namhaften Titeln gespickt ist, muss man diese bei Amazon noch mit der Lupe suchen", konstatiert das Fachportal Lesen.net. Einschränkung bei Skoobe: Das Angebot läuft nur auf Smartphones und Tablets, E-Book-Reader wie Kindle oder Tolino werden nicht unterstützt. 

Ziemlich bekannt ist mittlerweile auch das im Frühjahr gelaunchte Startup Readfy. Unter anderem finanziert vom Düsseldorfer Inkubator 1stMover und Gerrit Schumann, dem ehemaligen CEO des Musik-Streamingportals Simfy, hat Readfy etwa 25.000 Titel von rund 350 Verlagen im Angebot. Das Geschäftsmodell erinnert an Spotify: Das Portal ist für die Leser kostenlos und finanziert sich über Werbung. Im nächsten Jahr soll alternativ ein kostenpflichtiges Abo-Modell ohne Werbung folgen. Readfy wurde ebenfalls für Smartphone und Tablet konzipiert.  

Neben diesen Angeboten gibt es natürlich auch noch die "Onleihe" von großen Stadtbibliotheken, die ebenfalls ein umfangreiches - und in der Buchbranche umstrittenes - virtuelles Angebot an Büchern und Zeitschriften haben. Allerdings gilt hier wie bei den phyischen Büchern das Prinzip des "einen Nutzers": Ist der virtuelle Titel bereits "ausgeliehen", kann er lediglich vorgemerkt werden. Ein Titel wird nicht vielen Nutzern gleichzeitig zur Verfügung gestellt.

Die Flatrate-Angebote dürften davon profitieren, dass der E-Book-Markt noch nicht gesättigt ist, sondern noch starkes Wachstum aufweist. Fast jeder vierte (24 Prozent) Bundesbürger liest elektronische E-Books, wie eine aktuelle Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom ergibt. Im Vorjahr lag der Anteil noch bei 21 Prozent. Und da nur drei Viertel aller Deutschen überhaupt Bücher lesen, liegt der Anteil der E-Book-Nutzer an der Bücher lesenden Bevölkerung sogar bei 33 Prozent (Vorjahr: 29 Prozent). Der Verkauf von E-Readern dürfte in diesem Jahr laut Bitkom voraussichtlich um 12 Prozent auf 1,2 Millionen Stück steigen.