Es sagt sich so leicht: Die kleinen, lokalen Händler müssen die Zeichen der Zeit erkennen und endlich den E-Commerce für sich erschließen. Müssen Multichannel-, ach was: Omnichannel-Strategien entwickeln, wenn sie nicht an die Wand gedrückt werden wollen. Aber wie geht das am besten? Eine Antwort können die verschiedenen Formen von Marktplätzen sein. Gerade weil das Potenzial von kleinen und mittleren Unternehmen noch nicht erschlossen ist, ist das Interesse von Gründern und Investoren hier hoch. So haben in dieser Woche vier Zeitungsverlage beschlossen, sich am Online-Marktplatz Simply Local zu beteiligen: die Weser-Kurier-Mediengruppe, Aschendorff Medien, die Nordwest-Zeitung Verlagsgesellschaft und Rhein Main Digital. Das Ziel der Plattform ist, den stationären Handel zu unterstützen und einen Einkauf beim Händler vor Ort wieder attraktiver zu machen.

Das Prinzip von Simply Local: Interessierte Kunden sollen sich im Marktplatz quasi virtuell in ihrer eigenen Stadt bewegen. Sie schauen sich Produkte, Preise und Dienstleistungen der angeschlossenen Händler an und erfahren, ob und wo sie diese noch am selben Tag stationär kaufen können oder ob eine Online-Reservierung oder -Bestellung möglich ist. Händler, die ihre Produkte einstellen, können auf sämtliche E-Commerce-Services von Simply Local zurückgreifen. Der Kauf vor Ort soll jedoch im Vordergrund stehen: "Ist das gewünschte Produkt nicht in der Nähe verfügbar, liefert Simply Local Informationen, welcher Online-Shop das Produkt im Sortiment hat", heißt es auf der Website. Hinter Simply Local steht Xplace, ein Anbieter von interaktiver Kundeninformation, Kiosk-Technologie und Digital Signage am PoS.

Starten soll Simply Local im Juli. Zum Launch rechnet Michael Volland, Geschäftsführer von Xplace, mit 3500 bis 4000 angeschlossenen Geschäften. Die meisten gehören zu großen Handelsketten, für die Xplace auch bislang schon als Dienstleister tätig ist. Es sollen aber auch zunehmend einzelne kleine Händler einbezogen. "Hier werden wir vom Vertriebsnetz der Zeitungen profitieren können", so Volland gegenüber Etailment. Neben bestehenden Kooperationspartnern sei Simply Local mit weiteren in Verhandlung. 

Zum Start werden Kunden Artikel reservieren und vor Ort beim Händler abholen können. "Same-Day-Delivery werden wir dann ab Herbst anbieten", so Volland. Dazu sei man mit den Kurierdiensten Tiramizoo und My Lorry in Verhandlungen. Händler zahlen eine Monatspauschale von 39 Euro und für Transaktionen zwischen 3 und 9 Prozent an Simply Local. Für Werbung werden die Zeitungsverlage sorgen, aber auch weitere lokale Maßnahmen. So soll an den Schaufenstern der angeschlossenen Läden jeweils ein Aufkleber mit Simply-Local-Logo und einem QR-Code angebracht werden, über den man online zum Geschäft gelangt. "So ermöglichen wir Interessenten vor Ort auch außerhalb der Öffnungszeiten den Zugang zum Händler", erklärt Volland.  

Amazon und Co: Anonym und preisaggressiv

Simply Local ist nur eine Möglichkeit von vielen. Die Zahl der Online-Marktplätze wächst, und wer als lokaler Händler mitmischen, sich aber nicht verzetteln will, muss eine zusammenhängende Strategie entwickeln. Der einfachste Weg ins Netz sind die Marktplätze der großen Anbieter wie Amazon, Ebay, Rakuten, Meinpaket (DHL), Hitmeister oder Yatego (hier eine detaillierte Beschreibung dieser Marktplätze). Der Vorteil liegt bei dieser Lösung auf der Hand: Hohe Reichweiten durch die Bekanntheit der Marken. Nachteilig ist dagegen das große Angebot: Als Anbieter eines Produkts konkurriert man mit zahllosen anderen, Differenzierung ist fast nur über den Preis möglich. Eine Verknüpfung der Online-Präsenzen mit dem stationären Geschäft schafft man nicht. Es bietet sich auch nicht an, Kunden im stationären Geschäft auf das Amazon- oder Ebay-Angebot und damit gleichzeitig auf das dortige, preisaggressive Wettbewerbsumfeld aufmerksam zu machen.

Verkaufen über Verbünde: Höhe Reichweite und individueller Auftritt

Ein geeigneter Marktplatz kann schnell gefunden sein, wenn man einer Verbundgruppe oder einer ähnlichen Organisation angeschlossen ist. Diese stehen stehen vor einem gewissen Dilemma: Auf der einen Seite sehen sie sich von ihren Mitgliedsunternehmen gefordert, attraktive Lösungen für den Aufbruch ins Online-Zeitalter zu entwickeln. Auf der anderen Seite scheuen sie sich, diese allzu offensiv voranzutreiben, weil es im Verbund immer auch Mitglieder gibt, die Online-Konkurrenz fürchten. Das Spektrum der Angebotsformen reicht von zentralen Shops für alle angeschlossenen Mitglieder bis hin zu dezentralen Marktplätzen, die über eine gemeinsame Plattform den Kontakt zu den einzelnen Händlern herstellen. 

Schuhe.de verbindet Offline und Online
Schuhe.de verbindet Offline und Online
Beispiel: Die Handelskooperation ANWR hat für ihre 4200 angeschlossenen Schuhgeschäfte im Frühjahr 2013 die Online-Plattform Schuhe.de eröffnet. Sie bietet eine zentrale Suche nach bestimmten Schuhen, zeigt den Interessenten stationäre Händler in der Nähe, die das Produkt führen, und leiten Online-Kaufwillige an die Shops der angeschlossenen Händler weiter. Auf diese Weise können die Händler einen weiten Käuferkreis erreichen, gleichzeitig aber individuell auftreten und neben dem Onlinegeschäft auch auf die stationären Läden aufmerksam machen. Der Vorteil von Schuhe.de: Auch wer keinen eigenen Webshop betreiben will, kann sich hier mit seinem Laden über die Produktsuche präsentieren. Strategisches Ziel von Schuhe.de ist der gleichberechtigte Auftritt von Offline und Online.

Virtueller Stadtbummel

Wer keinem Verbund angehört, hat für seine Marktplatzstrategie zwei grundsätzliche Optionen: Entweder er definiert sich in erster Linie über sein lokales Umfeld und macht keine Anstrengungen, darüber hinaus Interessenten anzusprechen. Oder er schließt sich einem branchenspezifischen, überregionalen Marktplatz an. Im ersten Fall bieten sich spezielle lokale Marktplätze an. Ein Beispiel ist Schanzenport.de. Hier haben sich seit Ende 2011 insgesamt 44 Händler und sonstige Anbieter aus dem Gebiet rund um das Hamburger Schanzenviertel zusammengetan. Das Spektrum reicht von der Modeboutique über Fotografen und Designer bis hin zum Biomarkt und Plattenladen. Ein eigener Onlineshop ist dabei kein Muss.

Nachteil einer solchen Lösung: Häufig sind den Bewohnern bestimmter Viertel oder auch kleiner Städte die dortigen Läden ohnehin bekannt - neues Potenzial wird nicht erschlossen. Die Kosten sind allerdings auch gering, da kein gemeinsames Bestell-, Auslieferungs- oder Abrechnungssystem besteht.

Kleidoo lädt zum Bummeln ein
Kleidoo lädt zum Bummeln ein
Mehr Neukundenpotenzial bieten branchenspezifische Marktplätze. Im Modebereich sind dies Anbieter wie Kleidoo ("mein Stadtbummel online!") eine Option. Kleidoo liefert für die Händler die Abwicklung des Bezahlprozesses und besorgt die fotografische Aufbereitung der Produkte. Versand und Retouren sind Sache der Händler. 

Branchenspezifischen Marktplätzen sind selbstverständlich keine Grenzen gesetzt. Die internationale Modeplattform Farfetch.com, von London aus gesteuert, vereint rund 300 Designer-Boutiquen aus 25 Ländern, darunter rund 20 aus Deutschland. Wer bei Farfetch.com dabei sein will, muss einfach nur seine Homepage mit der Plattform verlinken. Farfetch.com bietet einen Rundum-Service von der Logistik bis zum Bezahlsystem. Die Partner-Stores machen im Durchschnitt 30 Prozent ihres Umsatzes online über Farfetch.com, und 70 Prozent stationär. Eine spezifisch deutsche Seite ist für 2015 geplant. 

Bei Cap d'Oro kooperieren Hersteller und Fachhandel
Bei Cap d'Oro kooperieren Hersteller und Fachhandel
Bestellung beim Händler, Lieferung vom Fachhandel

Ein anderes Marktplatz-System will der Dienstleister Gaxsys entwickeln. Er ermöglicht es Markenartiklern, Waren über das Netz zu verkaufen, die Auslieferung und Retourenabwicklung aber Fachhandelspartner vor Ort zu überlassen. Gaxsys demonstriert das Prinzip mit Cap d'Oro, einem Marktplatz für Schmuck und Uhren. Auf diese Weise wird sehr einfach eine kostengünstige und umweltfreundliche Same-Day-Delivery möglich. Der stationäre Handel wird einbezogen, und er kann auch insofern profitieren, als der Besteller die georderte Ware natürlich auch im Laden vor Ort abholen kann und sich vielleicht auch für weitere Artikel interessiert. "Cap d'Oro verbindet die Vorteile des Fachhandels und die Annehmlichkeiten des Internet-Versands", heißt es auf der Website.

Das Charmante an vielen Marktplatz-Modellen: Sie verbinden die E-Commerce- und die stationäre, statt sie gegeneinader auszuspielen. Die Plattformen dienen sowohl als Link zum Onlineshop des Händlers als auch als Werbemedium für das stationäre Geschäft. Wer diese Komponenten geschickt orchestrieren kann, muss sich angesichts des E-Commerce-Booms als lokaler Händler keine Sorgen machen.