Jürgen Karpinksi ist neuer Präsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe. Mit derhandel.de spricht er über Investitionen, Insolvenzen, Internet und die "Treuepflicht" der Hersteller.

Foto: ZDK
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Herr Karpinski, in drei Wochen beginnt in Hannover die IAA Nutzfahrzeuge. Welche Erwartungen knüpfen Sie an die Messe?

Für unsere Nutzfahrzeugbetriebe geht es in erster Linie darum, die neuen, leistungsfähigen und dazu umweltfreundlichen Zugmaschinen, leichten Nutzfahrzeuge und Busse kennenzulernen. Handel und Handwerk sind an zukunftsfähigen, sparsamen Transportern interessiert, die mit grüner Plakette in die Umweltzonen der Städte einfahren können. So mancher Fuhrpark von Handwerks- und Logistikbetrieben bedarf dringend der Erneuerung.

Welche Rolle spielen in den einzelnen Markenverbänden innerhalb des ZDK die Nutzfahrzeuge?
Wir haben im ZDK die Fachgruppe Nutzfahrzeuge, die sich intensiv und regelmäßig mit den besonderen Themen und Herausforderungen dieses extrem wichtigen Geschäftszweigs befasst, etwa mit der EU-Verordnung Euro VI. Neben der Festschreibung neuer Emissionsgrenzwerte ist dort der uneingeschränkte und standardisierte Zugang zu Reparatur- und Wartungsinformationen verankert.

Wie beurteilen sie die Lage im Automobilhandel?
Aktuell zufriedenstellend, obwohl sich die Entwicklung bis Ende Juli uneinheitlich darstellt, mit Zuwächsen bei den Neuzulassungen und einem eher verhaltenen Gebrauchtwagengeschäft. Diese Tendenz entspricht aber nach wie vor unserer Prognose, dass wir in diesem Jahr etwas mehr als drei Millionen Neuzulassungen erwarten können. Im Gebrauchtwagengeschäft und im Servicebereich sollten am Ende in etwa die Quoten von 2013 erreicht werden.

Welche Perspektiven sehen Sie für den Automobilhandel, insbesondere für die Betriebe im Bereich der leichten Nutzfahrzeuge?
Im ersten Halbjahr hat sich die Zahl der Neuzulassungen im Bereich Nutzfahrzeuge in Deutschland um 8,3 Prozent und in der EU um 9,3 Prozent gesteigert, bei den Transportern bis 3,5 Tonnen um 7,3 Prozent in Deutschland und 10,9 Prozent in der EU. Die gute gesamtwirtschaftliche Entwicklung hierzulande trägt dazu bei, dass sowohl Logistik- und Transportunternehmen als auch Handel und Handwerk ihre Fuhrparks erneuern und stellenweise sogar erweitern. Insofern sind die Perspektiven auch für die zweite Jahreshälfte vielversprechend. Im Pkw-Handel ist die Stimmung verhalten optimistisch. Auf Basis der Daten des aktuellen ZDK-Geschäftsklimaindexes gehen 71,4 Prozent der befragten Betriebe für das laufende Quartal von einem befriedigenden Auftragseingang bei Neuwagen aus.

Worauf sollten sich die Unternehmen einstellen, um zukunftsfest zu sein?
Wie keine andere Entwicklung zuvor verändert das Internet den Vertrieb auch im Kfz-Gewerbe. Über Smartphones und Tablets kann der Kunde nahezu alles, was und wann er will, erfahren und erledigen. Immer mehr Funktionen und Dienstleistungen der klassischen Autohäuser werden im Internet virtuell nachgebaut. Schon heute hat jeder Hersteller seinen eigenen Auftritt im Internet. Auch jeder Fabrikatshändler verfügt über eine Website. Darüber hinaus gibt es verschiedenste Ideen von Herstellern zu Online-Vermarktungsaktivitäten. Hersteller und Händler müssen gemeinsam einen ganzheitlichen Ansatz realisieren, der beiden Vorteile bringt und dabei die Kundenbedürfnisse ins Zentrum der Überlegungen stellt.

Die Zahl der Händler-Insolvenzen nahm zuletzt ab. Worauf führen Sie dies zurück?
Die gute gesamtwirtschaftliche Lage, dazu die aktuell zufriedenstellende Entwicklung im Kfz-Gewerbe sorgen für ein stabiles Geschäft. Darüber hinaus haben die meisten Betriebe ihre Hausaufgaben gemacht und ihre Prozesse, Strukturen und Abläufe optimiert. Das mag aktuell zu dieser Entwicklung beitragen.



Ist der Konzentrationsprozess im Automobilhandel langsam abgeschlossen?
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Davon ist nicht auszugehen. In den letzten sieben Jahren hat sich die Zahl der Unternehmen um mehr als 3.000 reduziert. Die Zahl der Betriebsstätten geht hingegen deutlich geringer zurück. Es steigt also die Anzahl der Betriebe je Unternehmen. Es ist davon auszugehen, dass sich dieser Prozess weiter fortsetzen wird.

Die Elektromobilität erfordert Investitionen. Was raten Sie den Betrieben?
Dem Trend kann sich der Handel nicht verschließen. Die Investitionen halten sich aber in Grenzen, da ja die Anzahl der E-Modelle noch überschaubar ist und in der Werkstatt keine exorbitanten Neuinvestitionen notwendig sind. Insgesamt ist unsere Branche sowohl im Verkauf als auch im Service auf den ja sehr moderat wachsenden Markt gut vorbereitet. Als Anreiz zur weiteren Verbreitung von E-Fahrzeugen sollte nach unserer Überzeugung die Möglichkeit der Sonderabschreibung bei gewerblich genutzten Fahrzeugen in Höhe von 50 Prozent der Anschaffungskosten im ersten Jahr der Nutzung geschaffen werden.

Gefährdet der Direktverkauf von Neuwagen im Internet das Geschäftsmodell des stationären Handels? Worauf müssen sich Händler einstellen?
Wenn Hersteller und Handel hier an einem Strang ziehen und das Internet als Teil einer gemeinsamen Strategie betrachten, ist die Gefahr gering. Problematisch für den Autohandel ist allerdings, dass Dritte Internetplattformen betreiben, über die Neuwagen von zunächst anonym bleibenden Händlern zumeist zu Dumpingpreisen angeboten werden. Bei diesen Plattformen steht eindeutig die Rabatthöhe und nicht die Händlerleistung im Vordergrund. Betrogen werden diejenigen Händler, bei denen sich die Plattform-Kunden vorher beraten lassen und Probefahrten absolvieren.

Eigenzulassungen und hohe Nachlässe gelten als "süßes Gift". Wie schätzen Sie die Lage der Branche ein?
Händler- und Herstellerzulassungen wirken sich nachteilig auf das Neuwagengeschäft aus. Im ersten Halbjahr 2014 lag die Quote bei 29 Prozent aller neu zugelassenen Pkw. Als junge Gebrauchte machen sie den Neuwagen Konkurrenz. Das geht auf Kosten der Rendite. Immer mehr ehemalige Neuwagenkäufer entscheiden sich bei der Anschaffung für einen Gebrauchten. Laut DAT-Report 2014 waren dies im vergangenen Jahr 1,2 Millionen Kunden und damit fast 21 Prozent mehr als im Jahr 2012.

Der Privatkundenmarkt nimmt stetig ab, die gewerblichen Zulassungen steigen. Sind die Handelsbetriebe ausreichend auf die anspruchsvolleren Geschäftskunden vorbereitet?
Es gibt zahlreiche Betriebe, die sich im regionalen Umfeld auch sehr erfolgreich um ihre Geschäftskunden kümmern. Doch den größten Teil dieses Kuchens verleiben sich die Hersteller direkt ein. Das geht in der Regel über hohe Nachlässe. Da stellt sich mir die Frage: Hat der Hersteller ge-genüber seiner Handelsorganisation nicht eine besondere Treuepflicht? Vor allem deshalb, weil der Vertragshandel in Sonntagsreden als unverzichtbares Element im Vertriebsprozess gelobt wird. Die Realität sieht jedoch meistens anders aus.

Maut und Mindestlohn stehen in der politischen Diskussion. Wir lautet die Position des ZDK?
Den Mindestlohn sehen wir als Sackgasse für mögliche Auszubildende. Durch die niedrige Altersgrenze von 18 Jahren für Mindestlohnempfänger könnten potenzielle Auszubildende auf die Idee kommen, nach dem Schulabschluss statt einer Ausbildung lieber gleich den Weg auf den Arbeitsmarkt zu suchen. In der jetzigen Form behindert die Mindestlohnregelung das Bemühen um qualifizierten Nachwuchs in massiver Weise. Daher fordern wir, die Altersgrenze auf mindestens 21 Jahre heraufzusetzen.

Und die Maut?
Die Maut-Pläne des Bundesverkehrsministeriums betrachten wir nach wie vor mit Skepsis, weil nicht klar ist, ob sie der europarechtlichen Prüfung durch die EU-Kommission Stand halten. Eine sich ohne Kompensationsmaßnahmen zwangsläufig ergebende weitere Verteuerung der individuellen Mobilität in Deutschland lehnen wir strikt ab. Priorität haben muss unserer Meinung nach eine stärker zweckgerichtete Verwendung der vorhandenen mobilitätsbedingten Steuereinnahmen zugunsten des Straßenverkehrs.

Welche Schwerpunkte wollen Sie darüber hinaus in Ihrer Amtszeit setzen?
Es gibt zahlreiche Themen, um die wir uns zu kümmern haben, darunter ganz oben der Internethandel und hier speziell der Umgang mit den Internetbörsen und Werkstattportalen. Hinzu kommen Ausbildung, Service, Elektromobilität, Licht-Test, Oldtimer, der Themenkomplex technische Information sowie ein neuer Anlauf bei der Energieverbrauchskennzeichnungsverordnung. In der Verbandsarbeit muss aktuell der Automobilhandel gestärkt werden, weil er an der Schnittstelle zwischen Produzent und Konsument eine in beide Richtungen vermittelnde und agierende Aufgabe und sehr hohe Investitionen zu leisten hat.

Sie gelten als Verfechter von Nachwuchsförderung und Ausbildung. Mit welchen Maßnahmen können Händler dem drohenden Mangel an qualifiziertem Personal entgegenwirken?
Die Nachwuchssicherung ist eines der wichtigsten Themen der nächsten Jahre. Allein schon durch die demographische Entwicklung werden sich Industrie, Handel und Handwerk die jungen Menschen gegenseitig abjagen. Wir bieten eine hervorragende Ausbildung an, müssen als Kfz-Betrieb allerdings auch immer wieder zeigen, was an unserem Beruf interessant ist und wie man in ihm Karriere machen kann. Wir müssen aber nicht nur die Schülerinnen und Schüler, sondern auch Eltern und Lehrer ansprechen. Dazu bietet die Gemeinschaftsinitiative "AutoBerufe - Mach Deinen Weg", die wir gemeinsam mit den Autoherstellern und Importeuren betreiben, hervorragendes Material. Es muss dann aber auch zielgerichtet eingesetzt werden.

Interview: Bernd Nusser

Einen ausführlichen Vorbericht zur Internationalen Automobilausstellung (IAA) Nutzfahrzeuge, die vom 25. September bis 2. Oktober in Hannover stattfindet, lesen Sie in der aktuellen Septemberausgabe von Der Handel. Zum kostenfreien Probeexemplar geht es hier.