Unternehmen mit einem Vorschlagswesen profitieren davon mehrfach: Sie sparen sich ­teure externe Berater und ermuntern das Personal zu mehr Kreativität - auch im Einzelhandel.

Selbst ein Rückspiegel kann eine Innovation sein. Zumindest wenn ein Mitarbeiter auf die Idee kommt, aus Sicherheitsgründen alle Gabelstapler des Unternehmens damit auszurüsten.

Beim Einkaufsbüro Deutscher Eisenhändler (E/D/E) in Wuppertal wurde dieser Vorschlag in der Lagerabteilung direkt umgesetzt - dank "idea!", dem firmeneigenen Ideenmanagement.

In sechs Jahren sind bei der Verbundgruppe bereits mehr als 80 Vorschläge realisiert worden: vom Telefonverzeichnis mit intelligenter Suchfunktion bis zur Nutzung der Klimaabluft zur Kühlung der Konferenzräume. Ein Ende des Einfallsreichtums der Belegschaft ist nicht in Sicht.

Nie aus der Mode

So wie E/D/E setzen zahlreiche Unternehmen auf betriebliche Verbesserungsvorschläge. "Ideenmanagement ist ein Klassiker, der nie aus der Mode kommt", sagt Martin Kaschny, Professor für Entrepreneurship und Mittelstandsmanagement an der Fachhochschule Koblenz. "Mit ihm schafft man es, auch mit einfachsten Mitteln immer wieder neue Vorschläge und Innovationen zu gewinnen."

Das System ist einfach: Mitarbeiter unterbreiten Verbesserungsvorschläge, die Fachabteilungen prüfen, es folgt ein "Ja" oder ein "Nein". Für jede realisierte Idee erhält der Mitarbeiter eine Prämie. Optimiert werden kann bei Handelsunternehmen praktisch alles: Warenwirtschaft und Werbung, Kassensysteme und Kundenkredite, Etikettierungen und Energieverbrauch.

Im Geschäftsalltag verankern

Allerdings ist eines dabei zu beachten: "Die Suche nach Ideen sollte nicht lange aufgeschoben werden", warnt der Koblenzer Professor. Er rät, Ideenmanagement als dauernde Aufgabe im Geschäftsablauf zu verankern, zum Beispiel als einen regelmäßig wiederkehrenden Punkt in der Abteilungsbesprechung.

Große Geldsummen als Prämien braucht es als Anreiz nicht. "Lob vor der gesamten Belegschaft ist oft schon Belohnung genug", sagt Kaschny. Anerkennung lässt sich ganz leicht schenken, etwa mit einer Essenseinladung beim Chef zu Hause. Kein Wunder also, dass das Instrument auch im Handel verbreitet ist: von Metro bis Tchibo, von Obi bis Otto, vom Waren- bis zum Autohaus.

Der Gewinn für die jeweilige Firma ist gewaltig, wie eine Umfrage des Deutschen Instituts für Betriebswirtschaft unter 246 Unternehmen mit Ideenmanagement zeigt. Im Jahr 2009 kamen bei den Firmen pro 100 Beschäftigte 60Verbesserungsvorschläge auf den Tisch.

Der errechnete Nutzen im Gesamtjahr lag im Schnitt bei 6,3 Millionen Euro pro Betrieb. Auch wenn man die ausgeschütteten Durchschnittsprämien von knapp 530.000 Euro pro Unternehmen abzieht, bleibt ein sattes Plus im Millionenbereich.

Bürokratie vermeiden

Grund genug, auch im eigenen Haus über eine Einführung nachzudenken. Die Standardausrede "Wir sind für so etwas zu klein" greift diesmal nicht - im Gegenteil. "Konzerne müssen aufpassen, dass das Ideenmanagement nicht bürokratisch in eine Extraabteilung ausgelagert wird und sich die anderen Mitarbeiter nicht mehr zuständig fühlen", erklärt Kaschny. Kleine Betriebe dagegen hätten den Vorteil, den Chef als obersten Ideenmanager einsetzen zu können.

Karl-Heinz Fellenzer hat es genauso gemacht. Der Inhaber zweier Edeka-Märkte im Westerwald gab seinen Mitarbeitern bereits vor zwölf Jahren die Chance, Neuerungen einzubringen.

Als sein Metzgermeister damals die Idee hatte, fertig gekochtes Mittagessen anzubieten, haben ihn viele ausgelacht. Mittagessen im ländlichen Raum, wo doch die Hausfrau selber kocht? Fellenzer glaubte an den Vorschlag und setzte ihn um. Heute steht samstags schon mal eine 15 Meter lange Schlange vor der Fleisch­theke - es kommen Kunden mit Schüsselchen, um sich das Essen abfüllen zu lassen.

Eigenverantwortung lässt Ideen sprudeln

Eine andere Mitarbeiteridee, trotz widriger Architektur im Außenbereich Blumen zu verkaufen, brachte allein im ersten Quartal einen Zusatzumsatz von 25.000 Euro.

"Wenn die Mitarbeiter einen großen Spielraum an Eigenverantwortung haben, sprudeln die Ideen automatisch", sagt Fellenzer. Einen externen Berater könne man sich damit sparen. "Das Geld, das man für ihn ausgeben würde, ist viel besser als Prämien für die Mitarbeiter angelegt", betont der Unternehmer.

Die Otto Gruppe geht noch einen Schritt weiter. Ihre Ideenplattform Myidea im Intranet verzichtet gänzlich auf Prämien. "Man produziert nicht mehr Ideen, indem man den Mitarbeitern eine Karotte in Form finanzieller Verlockungen vor die Nase hält", glaubt Jürgen Bock, Ideenmanager und Leiter Unter­nehmens- und Kulturentwicklung beim Hamburger Versandhändler.

Teil der Unternehmenskultur

Myidea ist eher eine intellektuelle Form des Ideenmanagements. Nicht die Kosteneinsparungen stehen im Vordergrund, sondern das kulturelle Ereignis im Unternehmen, bei dem alle mitmachen können. Transparent, interaktiv und effizient - so soll die Plattform sein.

Nicht nur die Fachabteilung, sondern auch die Kollegen aus dem ganzen Unternehmen diskutieren und bewerten die eingestellten Vorschläge. "Über die Community erleben sie eine neue Wertschätzung", so Bock.

Ein neues Denken fordert auch Karl-Heinz Fellenzer, um Ideenmanagement erfolgreich zu gestalten. "Als Chef muss man damit klarkommen, seine eigenen Anweisungen in Frage stellen zu lassen", betont der Edeka-Mann Fellenzer. Anstatt fertige Lösungen anzubieten, gehe es darum, auch andere Meinungen gelten zu lassen. "Wer das wagt, wird mit vielen kreativen Ideen belohnt", sagt der Westerwälder Händler.

Judith-Maria Gillies

Dieser Artikel ist in der Mai-Ausgabe von Der Handel erschienen. Hier geht es zur Probeheft-Bestellung.