Die Banken werben mit so günstigen Darlehenskonditionen wie nie, die Werbung verspricht billiges Geld für Investitionen. Dabei umgarnen sie insbesondere den Mittelstand. Doch die Realität im Handel sieht zuweilen anders aus.

Er war bei der Volksbank, der Sparkasse, der Commerzbank, der Deutschen Bank. Aber erst der persönliche Kontakt eines Bekannten zu einem Bank-Vorstand hat Markus Müller (Name von der Redaktion geändert) den Kredit beschafft, den er wollte. Zu einem Zinssatz von 7,8 Prozent, hinterlegt mit dreifachen Sicherheiten, inklusive Teilübertragung der Grundschuld und Bürgschaft seiner Frau.

Das war 2011, damals übernahm er im Großraum Stuttgart ein Bettenfachgeschäft und musste den Kaufpreis und Umbauten finanzieren; 85.000 Euro wollte Müller dafür aufnehmen, nicht gerade ein extrem hoher Betrag. Damals, kurz nach der Finanzkrise, wurden die höheren Eigenkapital-Anforderungen an die Banken diskutiert, die Finanzierungsbedingungen waren andere als heute.

Heute werben die Banken mit günstigen Konditionen. Und obwohl Müller laut eigener Aussage bereits 50.000 Euro seines Kredits getilgt hat, bekommt er nun kein neues Darlehen zugesagt. Zuletzt hatte er für die Erneuerung der Innenausstattung bei den Genossenschaftsbanken und Sparkassen angefragt. 20.000 Euro wollte er finanzieren. Laufzeit: drei Jahre. "Wir wollten in Richtung Kojen gehen, mehr Einkaufserlebnis schaffen", erzählt der 61-Jährige.

Horrende Kreditzinsen für den Bettenfachmann

Wieder sei er gegen eine Wand gelaufen, sagt er. Nur die Volksbank nennt überhaupt Konditionen, zu denen sie bereit wäre, ihm Geld zu leihen: Ein weiterer Teil der Grundschuld auf die Geschäftsimmobilie, zu einem Zinssatz von 14 bis 16 Prozent.

"Das ist ja Wucher", ist die spontane Reaktion mehrerer Bankenexperten und Branchenkenner. Die KfW Bankengruppe beispielsweise verlangt im Rahmen des für Investitionen im laufenden Betrieb gedachten KfW-Unternehmerkredits je nach Risikobehaftung zwischen 1,1 bis 7,5 Prozent bei einer Laufzeit von fünf Jahren.

"Alteingesessene Fachhändler und ihre Zahlen sind den Banken vor Ort bekannt, bei guter Bonität sollte er einen Kredit bekommen", sagt ein Bankmanager, der viel mit Händlern zu tun hat. "Alles andere lässt aufhorchen." Müller schildert seine Erfahrung mit den lokalen Finanzinstituten: "Wir machen all das, was die Banken verlangen: Wir geben jedes Jahr einen Bericht ab, wir gehen aktiv ins Jahresgespräch."

Er kennt auch sein Rating - nicht von seiner Hausbank, diese gebe ihm da keine genaue Auskunft. Aber das von Creditreform, weil er jedes Jahr den Fragebogen ausfüllt und auswerten lässt. Laut Müller liegt sein Bonitätsindex bei 189 – das entspricht einer guten bis sehr guten Bonität. Sein Geschäft ist in der Umgebung bekannt, dort leben viele gutsituierte Menschen. Sein Jahresumsatz beläuft sich laut dem Einzelhändler auf deutlich über eine halbe Million Euro, seine Zahlungsmoral sei gut.

Woran liegt es also, dass Müller so schwer an einen Kredit kommt? Klaffen Realität des Handels und Anspruch der Banken wirklich so weit auseinander? Oder liegt es doch an dem Bettenfachhändler?

Verschiedene Zinssätze: Liegt eine Verwechslung vor?

Die zuständige Volksbank reagiert auf unsere Anfrage mit einer ausführlichen Stellungnahme. "Primär ist Rating und Risiko entscheidend für die Kreditgewährung beziehungsweise den Preis des Kredits", schreibt Matthias Layher, Pressesprecher der Volksbank Stuttgart. Ihm liegen die Eckpunkte des Falls anonymisiert vor, ebenso wie der örtlichen Sparkasse, die sich aber zu Einzelfällen nicht äußern möchte und auf Allgemeinplätze zur Kreditvergabe beruft.

Layher sagt: "Darlehenszinsen von 14 bis 16 Prozent kann ich nicht nachvollziehen, die finden sich so in keinem unserer Preistableaus". Da er den konkreten Fall auf Wunsch von Müller nicht kennt, kann er nur mutmaßen: Möglicherweise habe der Kunde die auf dem Grundschuldbrief eingetragenen Grundschuldzinsen mit Darlehenszinsen verwechselt, die Grundschuldzinsen fielen in der Regel in zweistelliger Höhe aus. Diese bezögen sich aber ausschließlich auf die Geltendmachung von Ansprüchen im Versteigerungsfall. Müller sagt, der Unterschied zwischen Darlehens- und Grundschuldzinsen sei ihm wohlbekannt.

Eine weitere Möglichkeit laut Volksbank-Sprecher Layher: Der Händler habe die Investition über den Kontokorrent finanzieren wollen. "Um in diese Zinshöhe zu gelangen, müsste das Überziehungslimit dauerhaft überschritten sein," so Layher. Händler Müller sagt, er überziehe nicht. Und er wollte auch nicht über den Kontokorrent finanzieren. Sein Kontokorrent liege bei 10 Prozent.

Das sei im derzeitigen Zinsumfeld ein ziemlich hoher Dispozins, meint ein Bankenexperte. Müller stimmt ihm zu: "Der war noch höher, dieses Jahr ist man mir entgegengekommen." In der Werbung klinge das anders, "aber dies ist die Realität." Auch anderen Kollegen ergehe es so.

Bettenbranche: Risikokandidat oder Superrendite

Wer tiefer bohrt, stößt auf weitere Widersprüche. Bei der Beurteilung des Branchenrisikos etwa: Der Verband der Bettenfachgeschäfte (VDB) befragt jährlich Branchenmitglieder nach der Geschäftslage.

Seit diesem Jahr fällt die Frage nach der Finanzierungssituation weg. "Probleme bei der Kapitalbeschaffung waren schon früher kein wirkliches Thema", erklärt VDB-Geschäftsführer Axel Augustin die Streichung. "Gerade der Bettenfachhandel hat gute Jahre hinter sich, die haben oft bessere Renditen als der Bekleidungshandel." Das könne eine Bank herausfinden, indem sie beim Bundesverband des Deutschen Textileinzelhandels Publikationen mit entsprechenden Kennziffern erwerben würde. Vielleicht würden hier Discount und Fachhandel über einen Kamm geschert.

Müller selbst sagt, im Betteneinzelhandel laufe es derzeit eher verhalten, sein Geschäft stehe im Vergleich zu anderen noch gut da. Ein Bankmanager, der viel mit Händlern zu tun hat, urteilt: "Die Bettenbranche hat per se keinen guten Ruf." Er rät Fachhändlern, sich von den branchenüblichen Discountern zu differenzieren; nicht nur in der Gestaltung der Ausstellungsfläche, auch mit schriftlichen Nachweisen für die Banken, beispielsweise durch eine Zertifizierung von der eigenen Verbundgruppe.

Händler Müller hat genug von den Banken

Tatsächlich ist Müller Mitglied im Einkaufsverbund Möbel-Zentral-Einkauf (MZE), der rund 700 Händler vertritt. Wer als Händler bei örtlichen Banken nicht weiterkommt, kann bei seiner Verbundgruppe nach Finanzierungsmöglichkeiten fragen. Der MZE beispielsweise arbeitet mit der Commerzfinanz zusammen, einer gemeinsamen Tochter von BNP Paribas und Commerzbank.

Eine Mitarbeiterin der MZE bestätigt: Wenn die Kreditanfrage über den Verbund stattfindet, gilt das quasi wie eine zusätzliche Sicherheit für die Partnerbank. "Aber auch hier gelten die normalen Bonitätskriterien." Beim MZE hat Müller noch nicht nachgefragt, sagt die Mitarbeiterin.

Markus Müller erwidert, er habe gesehen, dass die MZE mit der Commerzfinanz zusammenarbeite. Und bei der Commerzbank sei er bereits gewesen. "Es ist bei allen Banken dasselbe." Er hat genug von den in seinen Augen leeren Versprechungen. Er will nicht noch mehr Anteile am Grundbuch abtreten.

"Lieber spare ich ein Jahr, und finanziere die Sanierung Schritt für Schritt aus dem Eigenkapital, statt den großen Wurf zu machen." Wer laut eigener Auskunft seit fünf Jahren alle Investitionen aus dem Eigenkapital finanziert, dem kann es so schlecht nicht gehen. Oder? Warum die Verweigerung der Banken?

Vielleicht liegt es am sogenannten Klumpenrisiko, das Banken selbst als möglichen Grund für eine Kreditabsage angeben (siehe Der Handel 2/2016). Die Finanzinstitute dürfen nur bis zu einem bestimmten Prozentsatz in einer Branche engagiert sein. Wer mit seiner Anfrage zu spät kommt, bekommt trotz guter Bonität kein Darlehen mehr, weil die Bank bereits zu viele Händlerkredite in ihrem Buch hat.

Vielleicht liegt es auch an der Höhe des Kredits, mutmaßt ein Bankenexperte. Kleinkredite bis 50000 Euro rechneten sich für die Banken nicht mehr, da die bankinternen Kosten der Kreditprüfung aufgrund strengerer Regulierungsvorgaben zu hoch seien. Um einen solchen Kosteneffekt zu vermeiden, biete die Volksbank abwicklungsvereinfachte Kleindarlehen oder Blankoanteile an, hält Sprecher Layher dagegen. Damit sei nicht immer eine Einzelfallprüfung notwendig.

Volksbank: "Von Kreditrestriktionen sind wir weit entfernt"

"Grundsätzlich verdient eine Bank absolut an einer höheren Kreditsumme in der Regel mehr als an einer kleineren", sagt er. Das liege daran, dass der Zins aus einer höheren Summe berechnet werde. "Bei einem Bankdarlehen fließen auch Faktoren wie die Risikobewertung, die Eigenkapitalunterlegung sowie Laufzeit und Sicherheitenbewertung und -abtretung ein." Deshalb könne nicht pauschal gesagt werden, dass Kleindarlehen teurer als Großdarlehen sind, "je nach Margensituation kann ein Großdarlehen sehr wenig Ertrag bringen".

Die Volksbank Stuttgart habe in der Kreditvergabe noch nie so günstige Bedingungen wie jetzt gehabt, sagt Layher, "von Kreditrestriktionen sind wir weit entfernt." Markus Müller erlebt das anders: "Die Kreditvergabe stockt, man kann sich nicht erklären, warum." Er wünscht sich Offenheit von den Banken.

Müller sei kein Einzelfall, sagt Carl-Dietrich Sander, Leiter der Fachgruppe Finanzierung und Rating der KMU-Berater – Bundesverband freier Berater. "Bei einer Ablehnung bekommen fast 95 Prozent der Unternehmer den Grund der Absage nicht gespiegelt, das ist eine Katastrophe." So könne der Händler nichts ändern, um künftig mehr Chancen zu haben.

Alternative zum Kredit: Leasing

Wer wie Markus Müller keine guten Erfahrungen mit den Banken hat, dem bleiben dennoch Möglichkeiten: "Eine Alternative zum Kredit ist das Leasing", rät Joachim Stoll, Inhaber des Lederwarengeschäfts koffer24 in Frankfurt und Vorsitzender des IHK-Einzelhandelsausschusses der Stadt. "Wir finanzieren immer wieder Modernisierungsinvestitionen wie Ladenbau, EDV oder Beleuchtung über Leasing".

Zum Beispiel bei der Beleuchtung: Ein guter Planer rechne Ersparnis und die Amortisation der neuen Lampen aus. "Wer mit dieser Berechnung zu einer Leasingbank geht, kann mit dem Ersparten Teile des Leasings zurückzahlen – wenn die Bonität stimmt." Auch VDB-Geschäftsführer Augustin rät: "Alles, was mit Ressourcen zu tun hat, würde ich leasen". Händler Stoll gibt einen wichtigen Hinweis: "Die Leasing kann ruhig unabhängig von der Hausbank sein, es läuft sonst alles über denselben Sachbearbeiter." Neue Vergleichsdatenbanken im Netz wie Compeon helfen bei der Auswahl.

"Eine interessante Idee", sagt Müller. Bisher hat er nur seinen Lieferwagen geleast, bei der Leaseplan Deutschland. Die Zusage habe er sofort bekommen.

Warum der Bettenfachhändler bei allen Banken auf Schwierigkeiten stößt, bleibt ohne Einsicht in die Bücher offen. Aussage steht gegen Aussage. Klar wird jedoch: Es mangelt an der Kommunikation, es fehlt eine gemeinsamen Sprache. Das ist auch die frustrierte Bilanz von Markus Müller: "Da stoßen zwei Welten aufeinander." Händler und Bankberater: Beide Seiten haben noch einiges zu tun.