Die Abgeltungsteuer zwingt Anleger, ihre Strategien zu überprüfen. Für panische Umschichtungen im Depot besteht aber kein Anlass.

Die tiefe, feste Stimme von Christian Machts hat etwas Beruhigendes: "Wir haben es mit massiven Übertreibungen zu tun", kommentiert der Finanzexperte den Jahrhundert-Börsencrash im Gespräch mit Der Handel. "Es wird wieder Ruhe einkehren."

Doch trotz Rettungspaket der Bundesregierung machen sich viele Anleger nach wie vor Gedanken über die beste Strategie in der Finanzkrise. Und die Zeitungen titeln nach wie vor bang: "Ist Ihr Geld auf der Bank noch sicher?"

Kein Grund zur Panik

Christian Machts, Leiter der Produktentwicklung Wertpapier bei der Commerzbank AG, hält solche Schlagzeilen für "wenig sachgerecht". "Das deutsche Bank- und Finanzsystem ist stabil und kein Anleger muss um seine Einlagen fürchten", betont der Banker nüchtern. Eigentlich war ein Interview zum Thema "Geldanlage und Abgeltungsteuer" verabredet, doch um die Erdbeben in der Finanzwelt kommt in diesen Tagen kein Gespräch in Frankfurt herum.

Ruhiges Blut und Besonnenheit empfiehlt Machts auch beim Thema Steuern: "Anleger sollten die Einführung der Abgeltungsteuer im kommenden Jahr zum Anlass nehmen, ihre Vermögensstrategie grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen."
 
Während bislang eine Neigung zu Investments auf Zeiträume von ein bis zwei Jahren vorherrschte, seien nun Anlagehorizonte von mindestens fünf bis zehn Jahren gefragt. "Trendthemen treten künftig in den Hintergrund, die Portfolios müssen breiter aufgestellt sein", erläutert Machts.

Selbst ist der Anleger

Wer noch bis zum 31. Dezember 2008 vor dem Start der Abgeltungsteuer einen größeren Betrag für einen Zeitraum von fünf Jahren anlegen möchte, dem rät der Commerzbanker zu sogenannten vermögensverwaltenden Produkten - aktiv gemanagten Dachfonds, die innerhalb ihres Fondsmantels auch nach dem 1. Januar 2009 noch Umschichtungen vornehmen können, ohne damit eine Steuerpflicht auszulösen.

Die Commerzbank bietet unter dem Namen "Allstars" vier solche Fondskonstruktionen mit jeweils unterschiedlichen Risiko- und Renditeprofilen an.

Viele Banken haben derzeit vergleichbare Dachfonds im Angebot, um der Abgeltungsteuer Paroli zu bieten. Wer noch in diesem Jahr investiert, so die Botschaft, sichert sich die Steuerfreiheit auf künftige Kursgewinne und verfügt gleichzeitig über eine Anlage, die jederzeit auf das Marktgeschehen reagieren kann.

Risiko abwägen

Tom Friess sieht diese "Strategieprodukte" mit einiger Skepsis: "Was auf der Aktienseite an Steuern einspart wird, geht durch die zusätzlichen Gebühren meist wieder verloren", warnt der Deutschland-Geschäftsführer der unabhängigen Finanzberatung VZ VermögensZentrum.

"Von den Tausenden Dachfonds, die derzeit wie Pilze aus dem Boden schießen, werden etliche in den nächsten Jahren mangels Masse nicht überleben", ist Friess überzeugt. Trotz Abgeltungsteuer sollten Anleger ihre Flexibilität nicht aufgeben.

Je nach Risikoneigung und Renditeerwartung könne sich der informierte Privatmann eigenständig eine Reihe von exzellenten Aktien- und Rentenfonds zusammenstellen. "Nicht nur auf ein Pferd setzen" - die Devise gilt laut Friess auch in Zeiten der Abgeltungsteuer.

Strategie genau prüfen

Wichtiger als die Auswahl der einzelnen Titel sei ohnehin die zugrunde liegende Anlagestrategie. Für ein Honorar von 150 Euro pro Stunde erarbeiten die Experten des VZ VermögensZentrum langfristige, individuelle Konzepte - unabhängig von Banken und Investmentgesellschaft. Angesichts der aktuellen Verwerfungen auf den Finanzmärkten rät Friess allerdings zur Vorsicht: "Im Moment halten wir uns mit Neuinvestments ganz zurück."

Ein Einstieg in Aktien ist auch nach Ansicht von Dr. Ulrich Stephan momentan  nur für Anleger mit "erheblichem Risikoappetit" empfehlenswert. "Wer heute für einen kurzen Zeitraum von etwa zwölf Monaten anlegen und dabei ruhig schlafen will, der ist mit Festgeld, Geldmarkt- oder Tagesgeldkonten gut beraten", sagt der Leiter Private Banking der Deutschen Bank AG im Gespräch mit Der Handel.

Für langfristigere Anlagen müsse in einem individuellen Beratungsgespräch geklärt werden, wo der Kunde mit seinem Vermögen aktuell stehe und wohin er wolle. "Die kommende Abgeltungsteuer ist dabei ein wichtiges Thema, aber nur eine von vielen Fragestellungen", bekräftigt Stephan.

Freilich hält auch die Deutsche Bank über ihre Investmentgesellschaft DWS zahlreiche "vermögensverwaltende Produkte" im Angebot, wie den Mitte September aufgelegten Fonds DWS PrivatMandat Comfort Garant mit Kapitalgarantie oder den DWS StepInvest Top Dividende.

Steuern sparen möglich

Auch der Finanzexperte Stephan würde jedoch nie alles auf eine Karte setzen: "Ich rate immer dazu, mehrere Steine umzudrehen und beispielsweise nicht immer nur an Aktien oder Anleihen zu denken, sondern auch Immobilienfonds oder alternative Investments ins Blickfeld zu nehmen."

Das Schreckgespenst Abgeltungsteuer kann im Übrigen auch ein Segen sein: Anleger, die ihren Sparerfreibetrag von 801 Euro (1.602 Euro für Ehepaare) in diesem Jahr bereits ausgeschöpft haben und einem Steuersatz von mehr als 25 Prozent unterliegen, retten Zinserträge - zum Beispiel mit Hilfe von Festgeld - besser in das kommende Jahr hinüber, um Steuern zu sparen.

Hanno Bender
erschienen in Der Handel 10/08