Fünf Jahre nach der Liberalisierung ist die Diskussion um den ­Ladenschluss neu entfacht – mit zum Teil bizarren Auswüchsen für Handelsbetriebe.

Dortmunder freuen sich immer, wenn Bochumer Eigentore schießen – das ist im Fußball so, aber auch im Einzelhandel. Ende Januar hat der Stadtrat in Bochum kurzerhand alle verkaufsoffenen Sonntage für 2012 gestrichen – 2011 gab es immerhin 14 solcher Sonderverkaufstage. "Herzlich willkommen, liebe Bochumer!", ließ sich ein Centermanager aus der Nachbarstadt Dortmund prompt in der Lokalpresse zitieren. Am Ende einigten sich Handelsverband und Stadträte in der Ruhrstadt doch noch auf elf Sonntage, an denen eingekauft werden darf.

Schon diese lokale Episode zeigt: Der Ladenschluss erregt mal wieder die Gemüter. Fünf Jahre nach der Liberalisierung beschäftigen sich die Länder wieder mit dem Thema – und finden überraschend Handlungsbedarf. So geschehen in Nordrhein-Westfalen, wo die rot-grüne Landesregierung eine Gesetzesinitiative gestartet hat, mit der die 2006 erfolgte Liberalisierung des Ladenschlusses zurückgedreht werden soll. Statt bis 24 Uhr könnten die Läden werktags schon um 22 Uhr oder früher schließen müssen. Einzelne Politiker fordern bereits einen Ladenschluss am Samstag um 20 Uhr. Das könnte "Signalwirkung für ganz Deutschland haben", argwöhnt Alain Caparros, Chef des Lebensmittelhändlers Rewe.

Supermärkte und Drogerien auf der Verliererseite

Vor allem Supermärkte und Drogerien würden auf der Verliererseite stehen, wenn der Ladenschluss wieder eingeengt wird, betont Boris Hedde, Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IFH) in Köln. "Stationäre Händler müssen zudem eine Abwanderung der Kunden ins Internet befürchten", so der Forscher. Laut einer aktuellen IFH-Umfrage unter rund 1.000 Verbrauchern in Nordrhein-Westfalen sind die allermeisten Kunden (71 Prozent) mit der längeren Öffnung zufrieden. 40 Prozent der Befragten stimmen zumindest zum Teil der Aussage zu, sie würden mehr im Internet bestellen, wenn die Läden früher schließen würden. Ein weiteres Ergebnis: Vor allem die junge Zielgruppe nutzt die späten Öffnungszeiten besonders häufig.

Immerhin haben Händler in Nordrhein-Westfalen "nur" mit einer Diskussion um die Ladenöffnungszeiten zu tun. In Thüringen hat sich die Landesregierung anlässlich der Evaluierung der Ladenschlussliberalisierung etwas Besonderes ausgedacht: In einer Hauruck-Aktion Ende 2011 änderte die schwarz-rote Koalition in Erfurt das entsprechende Gesetz und fügte einen Passus hinzu, wonach Arbeitnehmer im Handel an mindestens zwei Samstagen im Monat freihaben müssen.

Kaum durchsetzbar in der Praxis

In der Praxis ist die neue Regelung kaum durchsetzbar. "Wie soll ich das schaffen?", fragt sich nicht nur Jürgen Metlitzky, Geschäftsführer bei Möbel Rieger. Das Unternehmen ist der Kooperation Einrichtungspartnerring VME angeschlossen und hat zwei Möbelhäuser in Thüringen mit jeweils 30.000 Quadratmetern Fläche und rund 250 Mitarbeitern.

"Wenn wir das Gesetz konsequent umsetzen wollen, müssten wir viele Stellen auf Teilzeit reduzieren und dann bis zu ein Drittel mehr Fachpersonal einstellen, das ohnehin schwierig zu bekommen ist", betont Metlitzky. Zudem komme die Regelung bei den Mitarbeitern selbst gar nicht gut an: "An Samstagen erwirtschaften wir 35 bis 40 Prozent des Wochenumsatzes – es ist also der Tag, an dem Verkäufer einen Großteil ihrer Provision einstreichen." Der Händler fühlt sich von der Landesregierung überrumpelt: "Wir wurden sehr kurzfristig über die Gesetzesänderung informiert und hatten praktisch gar keine Zeit, um da­rauf zu reagieren."

Für den Fachhandel ­unzumutbar

"Es ist fraglich, ob das Land Thüringen überhaupt ermächtigt war, eine solche Regelung in das Ladenschlussgesetz aufzunehmen – denn Arbeitszeit ist Bundessache", betont Judith Röder, zuständig für Arbeit, Soziales und Tarifpolitik beim Mittelstandsverbund – ZGV. Der Verband fordert in einem Brief das Sozialministerium auf, endlich eine versprochene Verordnung mit Ausnahmeregelungen für die Betriebe auf den Weg zu bringen.

So könnten die Händler individuelle Verträge mit den Mitarbeitern abschließen, die den Einsatz an mehreren Samstagen in Folge zulassen würden. "Die Regelung ist insbesondere für den beratungsintensiven Fachhandel nicht zumutbar", sagt Röder.
Wie flexibel gerade die Möbelbranche mittlerweile ist, zeigt etwa ein neues Angebot des norddeutschen Filialisten Dodenhof: Der Händler bietet Einrichtungsberatung rund um die Uhr – und zwar direkt beim Kunden und "unabhängig von Ladenöffnungs­zeiten".

Marcelo Crescenti

Dieser Artikel erschien in der März-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel. Ein kostenfreies Probeexemplar erhalten Sie hier