Nicht zuletzt wohl auch wegen meines Artikels “Lokale Online-Marktplätze” erhielt ich die freundliche Einladung zu einem Impulsvortrag. Die Reise führte mich nach Zittau in der Lausitz. Eine Erlebnisfahrt der besonderen Art für einen Berichterstatter zum Thema Handel und Technik.

Die Route führte von Hamburg zunächst nach Berlin. Ach ja, danke liebe DB dafür, dass auf der Strecke inzwischen gern ausgemusterte Wagen des gescheiterten Metropolitan-Experiments eingesetzt werden, deren Polster ebenso durchgesessen wie ihre technischen Merkmale nicht mehr zeitgemäß sind. Du fährst mit der Bahn, wenn du plötzlich viel Zeit zum Nachdenken hast, weil das WLAN nicht geht.

Von der Hauptstadt geht es durch das Brandenburgische, um dann den Spreewald zu durchqueren. Gemächlich bewegen sich an den Fenstern die Silhouetten von Bahnhöfen vorbei, die viel bessere Zeiten gesehen haben. Verfallene Gebäude neben der Strecke legen ein letztes Zeugnis von der planwirtschaftlichen Geschäftigkeit während DDR-Zeiten ab.

Eine gebeutelte Region am Rande Republik

Spätestens wenn Vodafone den Reisenden per SMS freundlich in Polen willkommen heißt, ist klar, dass es sich hier um einen entlegenen Zipfel unserer Republik handelt. Strukturkrise und wirtschaftlicher Wandel nach der Wende beuteln die Region noch immer. Seit den 90er Jahren haben mehr als 10.000 Menschen den Ort verlassen. Bereits die ersten Meter direkt vom Bahnhof in Richtung der durchaus pittoresken Innenstadt sprechen eine deutliche Sprache. Ein kurz vor dem Ab- oder Zusammenbruch stehendes Gebäude hier, die Agentur einer Versicherung, die gerade eben für immer geschlossen wurde, dort.

Innenstadt-Sterben as usual?

Bereits am Eingang des Bahnhofs hatte ein großes Schild die Reisenden dazu aufgefordert, doch bitte die Fahrkarten genau hier zu kaufen, damit dieser Verkaufspunkt erhalten werden könne. Offenbar kämpft auch Zittau gegen die Auswirkungen der Digitalisierung. Und an der Rezeption des Hotels spielt das Radio. Der Sender “Radio Lausitz” bewirbt seine Initiative “Ich kaufe hier”. Mit den üblichen Argumenten. Vielleicht ein neuer lokaler Marktplatz? Der vom LTE seines Wohnorts verwöhnte Reisende ruft die sich quälend langsam vor ihm aufbauende Seite auf. Von Marktplatz keine Spur. Die Händler werden als Unterstützer der Aktion kurz vorgestellt. Ein Foto, Adresse und Öffnungszeiten. Das ist schon mehr als manch anderer Ort bietet, aber ein Marktplatz ist das eben auch nicht.

Sie haben Ihr Ziel erreicht … willkommen in der digitalen Diaspora

Wir berichten bei Etailment regelmäßig von tollen technischen Neuerungen und begleiten die Digitalisierung des Handels, oft genug auch kritisch. Grundlage all dessen, ob virtuelle Ankleiden, smarte Apps oder bequeme Services bildet das Internet. Die Anbindung an das weltweit geknüpfte Netz, das für meine Kids inzwischen so selbstverständlich ist, wie Wasser und Strom aus der Leitung. Und genau das…gibt es in Zittau und Umgebung nicht.

Mobiles schnelles Internet per LTE? Leider Fehlanzeige. Für die großen Mobilprovider lohnen sich stärkere Investitionen in diesem Raum wohl nicht. Das sieht bei den kabelgebundenen Anschlüssen vermeintlich schon besser aus. Hier investiert die Telekom in den Aufbau eines Glasfasernetzes. Dann wird es in einigen Ortsteilen Zittaus die privilegierten Nutzer geben und die, die den klassischen DSL-Anschluss gebucht haben, an dessen Ende dann aber nur 2 Mbit und weniger ankommen.

Anschluss gesucht!

Das Publikum des Vortragsabends war bewusst vom Veranstalter ausgewählt worden. Unternehmer, die ihr Geschäft noch nicht all zu lange betreiben. Und die zum Thema Digitalisierung, Handel und Marktplätze affin sein sollten. Ich habe im Laufe des Abends eine ganze Reihe sympathischer Unternehmer und Gründer kennengelernt.

Den Entwickler einer App, die regionale Angebote bündeln will oder die Inhaber eines Schuhlädchens, die sich auf spezielle Marken und Modelle spezialisierten. Nicht zuletzt aber auch, weil sie den “Kampf um die jungen Leute verloren geben”.

Showrooming? Click & Collect? Modellberatung per Internet?

Das sind alles Konzepte, die den Unternehmern, mit denen ich sprach, ein gequältes Lächeln auf die Lippen bringen. Sie würden alle gern das Internet viel stärker für ihr Geschäft nutzen, gerade weil sie sich mit viel unternehmerischer Kraft und Ideen gegen die strukturellen Probleme ihrer Region stemmen.

In den regelmäßigen Ankündigungen einiger Bundespolitiker, dass jetzt massiv in die Netze investiert werden müsse, sehen sie das, was sie wohl auch sind. Lippenbekenntnisse. Denn auch in der Lausitz weiß man, was der massive Ausbau von Breitbandanschlüssen kosten wird und fragt sich, woher denn dieses Geld kommen soll. Und so sehen sich die Unternehmer von Kommunen und Politik allein gelassen.

Optimistisch, dass sich mittelfristig die Versorgung mit schnellem Internet verbessern wird, sind die Unternehmer in Zittau nicht.

Oder wie es ein Teilnehmer unter Anspielung auf frühere Zeiten formulierte. “Das war zu DDR-Zeiten hier das Tal der Ahnungslosen. So viel geändert hat sich im Vergleich nicht. Jetzt ist es eben nicht West-Fernsehen, das wir nicht kriegen, nu isses Internet.”