Mit dem Centerprojekt "Höfe am Brühl" wird das Puzzle aus Höfen und Passagen in der Leipziger ­Innenstadt wieder vervollständigt. Noch im Januar soll der Bau beginnen.

Die Blechbüchse bleibt. Die silberne Aluminiumfassade aus den 60er-Jahren ist ein Wahrzeichen von Leipzig - wenn auch ein umstrittenes. Seit 1908 steht hier am Brühl Nr. 1 ein Kaufhaus. Aufgrund der charakteristischen Verkleidung, mit der das kriegsbeschädigte Jugendstil-Gebäude 1968 ummantelt wurde, tauften es die Leipziger "Blechbüchse".

In diesen Wochen wird das leerstehende Warenhaus abgerissen, um dem Einkaufszentrum "Höfe am Brühl" Platz zu machen. Die denkmalgeschützte Außenhaut wird freilich erhalten und später auch den neuen Konsumtempel zieren, der bis zum Spätherbst 2011 an dieser historischen Handelsstätte entstehen soll. Der Leipziger Brühl, das nördliche Einfallstor zur Innenstadt, war Jahrhunderte lang in ganz Europa für den Pelzhandel bekannt.

Innenstadt holt sich den Handel zurück

Die markante Fassade zu erhalten war nur eine von vielen Auflagen, die der Projektentwickler mfi AG für das Vorhaben am Brühl schlucken musste. "Der städtebauliche Vertrag zur Baugenehmigung umfasst 13 Aktenordner", schmunzelt Martin zur Nedden, Baubürgermeister der Stadt Leipzig. Die Sachsenmetropole ist stolz auf das Wiedererstarken ihrer City und zeigt sich entsprechend selbstbewusst.
 
Nach der Wiedervereinigung litt die Innenstadt unter den Centern, die auf der Grünen Wiese im Umland wie Pilze aus dem Boden schossen, während zahlreiche Restitutionsstreitigkeiten die Entwicklung in der Stadt lähmten. Der Saalepark beispielsweise, das heutige ECE-Center Nova Eventis, öffnete bereits 1991 vor den Toren der Stadt mit 76.000 Quadratmetern Verkaufsfläche und 7.000 kostenlosen Parkplätzen. Es war die letzte Baugenehmigung der DDR.

Doch Stück für Stück holte sich die Innenstadt in den vergangenen Jahren den Handel und damit das Leben zurück in den Ring, der den rund 600 mal 800 Meter großen historischen Stadtkern mit seinen berühmten Höfen und Passagen umschließt. "1993 hatten wir nur 0,3 Quadratmeter Verkaufsfläche pro Einwohner in der Innenstadt, heute sind es wieder 1,6 Quadratmeter pro Einwohner", beschreibt Oberbürgermeister Burkhard Jung die Renaissance der City.

Spannender Wandel

Wer Leipzig längere Zeit nicht besucht hat erkennt die Stadt nicht wieder: "Karstadt, Kaufhof, Petershof und das Messehaus am Markt - zahlreiche Restaurierungen und Neuansiedlungen haben dafür gesorgt, dass sich zwischen Grimmaischer Straße und Petersstraße wieder eine gesunde 1a-Lage entwickelt hat", sagt Dr. Eberhard Stegner von der GfK GeoMarketing. „Durch die ,Höfe am Brühl‘ könnte nun wieder ein attraktiver Rundlauf in der Innenstadt entstehen."

Rund 200 Millionen Euro investieren Eurohypo und mfi in das Projekt am Brühl. Rund 130 Läden werden auf drei Ebenen und 27.500 Quadratmetern Verkaufsfläche Platz finden. 20 Prozent der Gesamtfläche muss für Wohnraum zur Verfügung stehen - auch das eine Auflage der Stadt. "Wir wollen die Mischung aus Wohnen, Handel, Gastronomie und Kultur, die den Flair von Leipzig ausmacht, im Center aufgreifen", sagt Matthias ­Böning, Vorstandsvorsitzender der mfi AG. Passagen und Höfe sollen auch den Zuschnitt des Centers prägen.

Vorstandschef Matthias Böning (l.) und Leipzigs OB Burkhard Jung (Foto: Hanno Bender)
Vorstandschef Matthias Böning (l.) und Leipzigs OB Burkhard Jung (Foto: Hanno Bender)
Fünf Themenkonzepte sind als Antwort auf die "zunehmende Individualisierung der Kunden" geplant, erläutert der mfi-Chef: Den "Best Agern", jungen Familien und der "Net Gen", der Generation, die sich per Facebook zum Shopping verabredet, sind jeweils eigene Bereiche gewidmet. Raumgestaltung und Rahmenprogramm sollen den Erwartungen dieser Zielgruppen entgegenkommen. Darüber hinaus wird es einen Lifestyle- und Fashionbereich für Modeanbieter und einen Foodcourt für Frischware und Feinkost geben. Ein SB-Verbrauchermarkt und ein dm-Drogeriemarkt im Untergeschoss decken den Nahversorgungsbedarf.

Wachsende Bevölkerungszahlen

Angesichts der prosperierenden Entwicklung des innerstädtischen Handels in den vergangenen Jahren fragen Skeptiker, ob es noch Bedarf für neue Flächen gibt. Zwar ist Leipzig eine der wenigen Städte in Deutschland, die auf wachsende Bevölkerungszahlen verweisen kann, doch die Kaufkraft der Bewohner liegt rund 10 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt.

Markus Tronjansky zögerte dennoch keinen Moment und unterzeichnete einen der ersten Mietverträge. "Für uns ist es der vierte Standort in der Leipziger Innenstadt", sagt der Expansionsleiter von dm-Drogeriemarkt. "Ich bin zwar Badener, aber ich habe schnell gelernt: Die Blechbüchse ist in Leipzig unverzichtbar."

Hanno Bender
Dieser Artikel erschien in der Januar-Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Der Handel.