Der mittelständische Modehändler Wöhrl investiert in Bildung. Die hauseigene Akademie soll den Geist befreien - und erstklassige Mitarbeiter ausbilden.

Ein paar Schritte über das Flüsschen Pegnitz, dann wird der Blick frei für ein Idyll. Eingerahmt von einem Park, am Ufer eines kleinen Weihers, liegt das Schloss Reichenschwand. Alles ist still, grün - und Sigmund Freundorfer sagt, "dass dieser schöne Ort den Geist befreien soll". Seit November 2008 ist er Leiter der Wöhrl-Akademie, einer innerbetrieblichen Aus- und Weiterbildungseinrichtung, die der Nürnberger Modehändler bereits 1994 ins Leben gerufen hat.

Das Schloss- und Tagungshotel Reichenschwand, 27 Kilometer vom Sitz der Wöhrl-Zentrale Nürnberg entfernt, ist ein angenehmer Ort zum Lernen. "Es soll ein Privileg sein, hier lernen zu dürfen", betont Freundorfer. Er spricht von Wertschätzung für die Mitarbeiter, von der alten Wöhrl-Tradition, dass gut ausgebildetes Personal das Wichtigste im Unternehmen ist. Ganz, wie es der Firmengründer Rudolph Wöhrl immer verlangt hatte.

Wer aus den insgesamt 40 Wöhrl-Filialen in Deutschland zur Weiterbildung nach Reichenschwand eingeladen wird, zählt zu den Talenten, die das Unternehmen fördern will. Aber nicht in strammen Programmen "wie Verkaufstrainings à la Media Markt", versichert Freundorfer.

Loben lernen und motivieren

Kristina Altergott ist so ein Talent. Vor einigen Monaten hat die gebürtige Kasachin eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in der Dresdner Wöhrl-Filiale abgeschlossen. Nach einer Empfehlung ihres Geschäftsstellenleiters ist die junge Frau mittlerweile Teilnehmerin eines Trainee-Programms des Unternehmens und arbeitet in einem Esprit-Partnership-Store in Nürnberg.

Dort leitet sie die Abteilung Young Fashion und hat bereits nach kurzer Zeit gemerkt, dass ihr das Ausbildungsprogramm weiterhilft. Ihre Arbeitsorganisation funktioniere besser. "Und ich habe gelernt, Mitarbeiter gezielt zu loben, um sie zu motivieren." Auch besitze sie nun die Fähigkeit, Privates im Berufsalltag völlig auszublenden.

Begabte Mitarbeiter im Visier

Die Wöhrl-Akademie richtet sich praktisch an jeden begabten Mitarbeiter - vom Azubi bis zur Führungskraft. Die Seminare (meist an den Wochentagen, gelegentlich auch an Wochenenden) behandeln Themen wie Betriebswirtschaft, Marketing, Warenwirtschaftssysteme, aber auch Stilkunde, Benehmen und Verkaufstechniken. Die Referenten sind sowohl Wöhrl-Mitarbeiter als auch externe Fachleute.

Das 18-monatige Management- und Entwicklungsprogramm mit zwei Tagen Schulung pro Monat soll Mitarbeiter auf die Positionen Geschäftsstellenleiter oder dessen Stellvertreter vorbereiten. Oberstes Ausbildungsziel aller Seminare ist, "dass man einen unserer Mitarbeiter sofort erkennt", sagt Freundorfer. Auch er steht regelmäßig vor Seminarrunden und lehrt sein Lieblingsthema: Führung. "Das wird von den Mitarbeitern am meisten gewünscht", hat er festgestellt.

Feedback ist Pflicht

Zur Struktur der Wöhrl-Akademie zählt auch ein verbindliches Feedback aller Teilnehmer, "aber erst zehn Tage nach einem Seminar", betont Freundorfer. Die weitergebildeten Mitarbeiter sollen ihr neues Wissen erst im Praxisalltag anwenden - und dann eine Wertung abgeben.

Für das Wöhrl-Personal ist die Teilnahme an einem Seminar und damit ein Aufenthalt im Schloss Reichenschwand kostenlos. Manche Nachwuchskraft bekommt gar noch die Ausbildung zum Handelsfachwirt bezahlt. Wer dieses Privileg genießen darf, entscheiden zuerst die jeweiligen Geschäftsstellenleiter. Die besten der rund 200 Wöhrl-Azubis kommen schon ab dem zweiten Lehrjahr in den Genuss der Fortbildungen in Reichenschwand. "Wir wollen aus den jungen Leuten exzellente Verkäufer machen", sagt Freundorfer.

Dialekt ja, Piercings nein

Als der erfahrene Münchner Handelsprofi im Jahr 2008 die Leitung der Akademie übernahm, begann er damit, das Programm neu zu ordnen und zu verbessern. Dazu zählt zum Beispiel neuerdings, dass Mitarbeiter in Rhetorik-Seminaren lernen, den Charme ihres fränkischen oder sächsischen Dialekts zu bewahren - aber so zu sprechen, dass sie auch von Norddeutschen verstanden werden.

Selbst auf die kleinen Dinge achtet Freundorfer: Nasen- oder Lippen-Piercings bei Verkaufsmitarbeiterinnen will er im Berufsalltag nicht sehen. Und bauchfreie T-Shirts werden nur in sehenswerten Ausnahmefällen geduldet.

Wenn Kristina Altergott in anderen Geschäften einkaufen geht, dann merkt sie beim Verkaufspersonal die Unterschiede zu Wöhrl-Leuten. Sie spricht von schlechter Organisation - und vom unangenehmen Gefühl, das sie beschleicht, wenn sich Mitarbeiter im Geschäft laut über Privates unterhalten.

Steffen Gerth

Dieser Artikel ist in der Ausgabe 06/2009 von Der Handel erschienen.