Schöne neue Handelswelt. Online-Shopping ist schnell, spontan, impulsiv, mobil und ab demnächst auch noch erlebnisorientiert- und optimiert: klicken, sich begeistern, kaufen, annehmen, auspacken, sich freuen, wiederbestellen. Soweit die Theorie. Wenn da in der Praxis bloß nicht die "letzte Meile" wäre. Warum das letzte Wegstück bis zur Haustür des Endkunden die Achillesferse im Online-Handel ist und wie man sich als Kunde davor "schützen" kann.

Allen Werbebotschaften zum Trotz: In der Praxis, also einem in der Regel weniger "erlebnisoptimierten" Alltag, sieht es doch oftmals so aus: Man ist als Online-Käufer eher selten vormittags zu Hause anzutreffen und muss -nach gescheiterten Zustellversuchen der Paketdienstleister- dann letztlich doch wieder nach Feierabend noch extra Umwege und zusätzliche zeitliche Restriktionen in Kauf nehmen, nur um seine Einkäufe abzuholen. Einen Parkplatz suchen, in einer Schlange warten, seinen Ausweis vorzeigen, Pakete schleppen. 

Da geht die Vorfreude auf die neu erworbene Ware schnell verloren.

Verärgerte KEP-Dienstleister: "Verwöhnte" Kunden und Retailer als Preisdrücker

Ein Ärgernis für Kunden, aber vor allem für die Transportdienstleister und deren Fuhrunternehmer selbst: Jeder gescheiterte Zustellversuch ist ein ein Kostenfaktor. In mehrfacher Hinsicht. Ein Renditekiller, denn Verlader aus dem E-Commerce wie Amazon, Zalando und Co zahlen den Transportdienstleistern lediglich eine relativ geringe Pauschale pro Sendungseinheit. Da soll es gefälligst Masse richten. Gleichzeitig fordern die Versender bei ihren Kunden dabei aber deutlich höhere Versandkostenpauschalen ein und verbuchen die jeweiligen Differenzen als zusätzlichen Umsatz.

Prognose der Entwicklung der KEP-Sendungsvolumina bis 2017 

Das funktioniert auch prima, da sich die Händler ja bei den Versandkosten einfach an den Transportgebühren im Privatkunden-Segment orientieren müssen, so dass diese Pauschalen den Verbrauchern auf jeden Fall noch angemessen erscheinen: Wer privat selbst 6,90 Euro für einen Paketversand bezahlen muss, akzeptiert es auch, wenn ihm sein Lieblingsversender einen vergleichbaren Betrag in Rechnung stellt, selbst wenn dieser für den Versand deutlich weniger bezahlt. Soweit so bekannt.

Der Ärger seitens der Transportdienstleister ist also wenig verwunderlich: Nicht nur "verwöhnte" Empfänger bereiten Sorge, sondern auch die Retailer selbst, die einerseits die Preise drücken, die Endkunden hingegen bei den Versandkosten "schröpfen" und über die Differenzen auch noch einen nicht unerheblichen Teil ihrer Umsätze einfahren. Zu Lasten der Margen Transportdienstleister und damit irgendwann letztlich auch zu Lasten der Endkunden.

Klingt echt gemein. Wer nun aber glaubt, dass DHL, GLS, DPD und Co nun ihrerseits aus diesem System ausbrechen könnten und in entsprechenden Verhandlungen mit den großen Retailern einfach nur mit der Faust auf den Tisch hauen müssten, um wenigstens den Kostentreiber "gescheiterte Zustellversuche" zukünftig mit einpreisen zu können, der irrt. Die Machtverhältnisse sind hier klar verteilt. Die in allen Amazon-Märkten gültige Direktive, in den jeweiligen Ländern so schnell wie möglich verschiedene Dienstleister gleichzeitig einzusetzen, um nicht von einem einzelnen abhängig zu sein, zeigt, wie der Hase in diesem Geschäft läuft.

Was also tun? GLS-CEO Rico Back prescht erneut voran und versucht sich dieses Mal in Erwartungsreduktion. Was im "verwöhnten Deutschland" schon fast der Utopie von einer Umerziehung der Kunden gleichkommt: Onlinebesteller sollen sich Pakete selbst abholen! 

Was nun für die "Verwöhnten" vielleicht lediglich nach einem ärgerlichen Ausruf klingt, steht in der KEP-Branche schon lange auf der Agenda. Nur hat es sich bis dato noch niemand getraut, damit derart konkret an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Idee, aus verwöhnten Empfängern nun plötzlich genügsame und zufriedene Selbstabholer zu machen, wird jedoch mittelfristig kaum umzusetzen sein. Ergo: Irgendwann wird es doch teurer.

Wie man als Online-Kunde trotzdem bequem an seine Pakte kommt: Besser Trinkgeld geben als Paket-Maut zahlen

Ein bessere Idee fällt mir nicht ein, aber es wirkt: Passen Sie ihre Kurierfahrer einmal bei Gelegenheit ab, vereinbaren Sie ein Trinkgeld (2 Euro für ein Standardpaket erscheinen mir angemessen) und fragen Sie sie, ob sie nicht in Zukunft einfach generell später bei Ihnen vorbeikommen können. Fast alle KEP-Dienste operieren nach dem gleichen Muster: Im Nachtsprung werden die großen Wegstrecken zurückgelegt, morgens werden die Sendungen in regionalen Zentren sortiert und auf einzelne Tourenfahrzeuge verteilt, vormittags wird zugestellt und nachmittags und abends werden mit den dann leeren Fahrzeugen noch die Abholaufträge erledigt.

Das heißt: "Ihr" Tourenfahrzeug ist am späten Nachmittag/Abend oftmals eh noch einmal in ihrer Gegend unterwegs und die Wahrscheinlichkeit, dass sie vorab direkt mit "ihrem" Fahrer - bei Aussicht auf ein regelmäßiges Trinkgeld- auch mal "individuell passende" Zustellzeiten vereinbart bekommen, ist nicht gerade klein. Sollten sich GLS und DPD mit ihren Plänen zu einer Paket-Maut durchsetzen können, dann wird Online-Shopping für Verbraucher zukünftig eh teurer werden. Dann kann man doch besser seinem Kurierfahrer direkt einen zusätzlichen Obolus in die Hand drücken.

Grafik: Statista