Zum Beispiel Blumen. Die liefert Fleurop mit einem Zuschlag auch sonntags. Doch sonst? Sicher, vor Weihnachten gab es die Päckchen von DHL auch am Sonntag. Eine Ausnahme und sonst ein ziemlich kostenträchtiger Sonderservice. Dabei wäre aus Sicht der Verbraucher die Sonntagslieferung so bequem. Schließlich ist sonntags eher jemand daheim als unter der Woche. In Großbritannien nimmt Amazon jetzt Anlauf für die Sonntagszustellung. Ein Modell zum Nachahmen?

Ich sah es an einem Sonntag
wohl vor der Türe steh'n:
Das tausendschöne Päckchen,
das tausendschöne Paketelein.


Fast so klingt ein altes Volkslied von Johann Ludwig Uhland, das die Sehnsucht nach seinem Liebelein besingt. Doch der Deutschen Sehnsucht nach einfacher Zustellung am Sonntag, sie bleibt noch ungestillt.

Anders in den USA. Da legte Amazon Ende des Jahres in New York und Los Angeles mit der Zustellung am Sonntag los und will in diesem Jahr auch Großstädte wie Dallas, Houston, New Orleans, Phoenix andocken. Gepampert werden auf diese Weise Prime-Kunden, denen die Pakete mit dem US Postal Service zugestellt werden.

USA - Land der unbegrenzten Möglichkeiten und schier unbegrenzter Geldmittel, denkt da der Skeptiker und muss überrascht zu den Briten schauen. In London hat Amazon das Sonntagspäcken im Dezember getestet und will den Service jetzt in sieben Metropol-Regionen anbieten. Birmingham, Milton Keynes, Oxford, Nottingham, Manchester und Leeds nennt der Telegraph. Auch hier gilt das Angebot nur für Prime-Mitglieder.

Amazon setzt also einmal mehr um jeden Preis auf die Flexibiltät im Fulfillment und die Bindung seiner Hardcore-Kunden, die weitaus mehr Geld bei Amazon ausgeben, als andere Kundengruppen. Ob Amazon auch hierzulande damit startet?

Zumindest vorläufig ist das fraglich:

1. Amazon müsste einen entsprechenden Partner finden und vermutlich einen, der bereit ist, den Aufwand linke-Tasche-rechte-Tasche zu bilanzieren.  
2. Amazon Prime ist mit 29 Euro hierzulande deutlich knapper kalkuliert als in UK  (49 Pfund) und USA (79 Dollar). Ob Amazon den Service da ohne weitere Gebühren wie in USA und UK bieten könnte, wage ich zu bezweifeln.
3. Der Sonntag ist politisch vermint. Ein Vorstoss könnte dazu führen, dass Amazon auch noch von der Kanzel herab zum Beelzebub erklärt wird.

Trotzdem würde ich mit einem Versuchsballon rechnen. Allein schon um das Interesse der Kunden abzuklopfen und die gesellschaftliche Akzeptanz zu testen. Zudem wäre es einmal mehr ein schöner PR-Effekt, mit dem man sich als kundenorientiertes Unternehmen darstellen kann.

Ob der Kunde will? Eine völlig unrepräsentative Umfrage im Bekanntenbereich ergab ein heterogenes Meinungsbild, das von "Schwachsinn. Braucht kein Mensch" bis "Super, endlich keine nervige Rennerei zur Post" reichte.

Vor allem aber: Die Kosten der Sonntagszustellung verdammen quasi jeden Onlinehändler, der kein Vollsortiment anbietet und/oder entsprechende tägliche Bestellmengen erreicht, mit denen er von Bündelungseffekten profitieren kann, zum Zuschauen. Leisten können sich das also bestenfalls Amazon und einige der Top-Onlinehändler und einige Handelsketten.

Alle anderen Wettbewerber müssen sich dagegen überlegen, wie sie mit anderen flexiblen Lösungen im Fulfillment ein derartiges Angebot kontern können. Am besten schon, bevor der Postmann sonntags klingelt.



Auch der selbstständige Handel mit einem Hang zur Selbstausbeutung, der könnte sich die Sonntagslieferung zu eigen machen und so seine Kunden halten. Manch ein Dorfladen bietet sogar längst Sonntagslieferung und bekommt dafür weniger Schlagzeilen als Amazon. Dafür aber vielleicht zufriedene Kunden. Und um die allein geht es auch Amazon.