Schnelligkeit geht. Lohnender und auch deutlich gewünschter vom Kunden ist aus Sicht vieler Logistik-Experten die Zeitfensterzustellung. Die bietet auch ein weitaus besseres Serviceversprechen.

„Zeitfenster sind wichtiger als Schnelligkeit“, sagt Frank Wollboldt, Geschäftsführer Operations des Textillogistik-Dienstleisters Motex. Der Versandhandelsverband bvh kann das nur bestätigen: „Die Zeitfensterzustellung vereinfacht die Warenlieferung für den Konsumenten ungemein und kann damit einen besonderen Anreiz für zusätzliche Bestellungen liefern“, sagt E-Commerce-Referent Ingmar Böckmann.

Neuer Service-Level

Hintergrund ist der hohe Anteil an Single-Haushalten in Deutschland. Diese sind für Paketdienste für gewöhnlich ein Graus, weil die meisten Zustellversuche scheitern. Das gilt besonders für berufstätige Kunden. Eine termingenaue Zustellung sorgt dafür, dass der Kunde nicht lange seinem Paket hinterherrennen muss, etwa zum Paket-Shop oder der nächsten Post-Filiale. In Großbritannien bietet der Paketdienstleister DPD diesen Service bereits an. „Besonders die Ansage eines einstündigen Zustellfensters wurde von den Empfängern als Übergang zu einem ganz neuen Service-Level wahrgenommen“, berichtet DPD-Chef Arnold Schroven.

Alternative Zustellpunkte

In Deutschland setzt der Paketdienstleister in erster Linie auf alternative Zustellpunkte. Bereits bei der Bestellung kann der Kunde angeben, wo die Ware abgegeben werden soll. Zum Beispiel am Arbeitsplatz, bei der Oma oder einem der vielen DPD-Paket-Shops in Deutschland, deren Zahl sich bis 2014 auf 8000 verdoppeln soll. Einen Tag vor der Zustellung erfährt der Besteller per SMS oder E-Mail, in welchem Zeitfenster das Paket ankommt. Anschließend hat er die Möglichkeit, den Termin noch einmal zu verschieben.

Starke Wachstumsraten verzeichnet DPD bei der Umleitung von Paketen an Paket-Shops. Jeder dritte Empfänger (35%) lässt sich sein Paket in einem nahegelegenen Paket-Shop seiner Wahl hinterlegen. „Somit wird der Kunde zum Regisseur seines Pakets“, sagt Unternehmenschef Schroeven. Ziel sei es, bis 2015 mindestens 90% aller Pakete an private Empfänger bereits beim ersten Versuch zuzustellen.

Auf das Thema Flexibilität setzt auch der deutsche Marktführer DHL. Die Tochter der Deutschen Post bietet ihren Kunden auf der Website Paket.de eine Vielzahl an Zustelloptionen an, darunter Lieferung an eine Packstation oder Postfiliale eigener Wahl sowie die Zustellung nach Hause am selbst gewählten Tag. Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit, die Bestellung für 9,90 Euro am Vormittag des Folgetages per Express zu erhalten. Mehr als 3,5 Millionen Deutschen haben sich bereits auf Paket.de registriert.

Die Boten des Mitbewerbers GLS stellen das Paket auch an Orten ab, an denen keine persönliche Präsenz nötig ist, zum Beispiel in der Garage oder auf der Terrasse. Dazu müssen die Kunden eine sogenannte Abstellgenehmigung erteilen. Zudem können die Besteller ihr Paket direkt im GLS-Depot abholen und damit die Lieferzeit verkürzen. Am beliebtesten ist Unternehmensangaben zufolge die Abstellgenehmigung. Fast die Hälfte der Empfänger, die die Wahloptionen nutzen, machen an dieser Stelle ihr Kreuz. Es folgen die Zustellung an eine andere Adresse und die Lieferung an einen GLS-Paket-Shop.

Beim Logistikdienstleister Hermes, der sowohl für die Versender der Otto Group (u.a. Otto.de, Baur, Schwab, Heine und MyToys.de) als auch für Online-Pure-Player wie Amazon, Ebay und Zalando arbeitet, ist die sogenannte Next Day Delivery das Maß aller Dinge. Hinter dem Begriff verbirgt sich die Zustellung innerhalb von 24 Stunden. „Diese Option ist deutlich günstiger und dabei für die meisten Kunden genauso interessant wie Same Day Delivery“, erklärt Frank Iden, CEO der Hermes Logistik Gruppe Deutschland.

Argument Umweltschutz

Überhaupt hat der Logistik-Manager wenig für die taggleiche Lieferung übrig. „Das Angebot muss mit Blick auf die Verkehrsdichte, den Umweltschutz und den Leistungsdruck auf die Zusteller diskutiert werden“, sagt der Hermes-Manager. Der Umweltschutz dürfte konzernintern wohl das wichtigste Argument sein. Schließlich setzt sich die Hermes-Mutter Otto Group schon seit den 80er Jahren aktiv für das Thema Nachhaltigkeit ein. Auch wenn sich einige Touren mit dem Fahrrad erledigen lassen. Der breiten Öffentlichkeit dürfte es schwer zu vermitteln sein, dass die Sofortzustellung eines Oberhemds im Sinne der Umwelt ist.

Otto sieht Shutl unter Venture-Capital-Aspekt

Die Otto Group ist zwar über ihre Wagniskapitalgesellschaft eVentures am SDD-Anbieter Shutl.com beteiligt. E-Commerce-Vorstand Hillebrand betonte aber im Gespräch mit der TextilWirtschaft, dass das Engagement bei Shutl.com „ganz unter dem Venture-Capital-Aspekt“ stehe. Vorrangiges Ziel sei es, die Beteiligung früher oder später mit Gewinn zu verkaufen. Ein Transfer des Geschäftsmodells in die Otto Group sei eher unwahrscheinlich. „Hermes ist bereits sehr gut aufgestellt, unter anderem wegen seiner Tausenden Paket-Shops“, sagt Hillebrand. Es sei aber denkbar, den Dienst ergänzend in Spitzenzeiten zu nutzen.

Ganz konkret plant Hermes die Einführung der Zeitfensterzustellung. „Die Lieferung über Nacht wird aber weiterhin die wichtigste Form der Auslieferung sein“, schiebt der Hermes-Manager schnell nach. Vorausgesetzt der „Nachtsprung“ erfolgt präzise. „Die erfolgreiche Zustellung bleibt das wichtigste Kriterium.“ Fürwahr: Was nützt der schnellste Express-Transport von Kiel nach München, wenn der Bote den Empfänger erst beim dritten Versuch antrifft?

Absage von Zalando

Der Online-Shop Zalando, mit einem Jahresumsatz von zuletzt 1,3 Mrd. Euro einer der größten Widersacher der Otto Group im Modeversandhandel, hat der zeitnahen Zustellung bereist eine klare Absage erteilt: „Wir machen klassische Versandlogistik. Same Day spielt keine Rolle und Express gibt es auch nicht“, sagt ein Sprecher. Dem Berliner Senkrechtstarter Zalando wird in der Branche noch am ehesten zugetraut, das Thema Same Day Delivery zu pushen. Zum einen wegen seiner offenbar unerschöpflichen Investorengelder, die für de Aufbau eines entsprechenden Lagernetzwerks nötig wären. Zum anderen, weil die Hauptstädter in den vergangenen Jahren unter Beweis gestellt haben, dass sie einen Plan – allen Widerständen zum Trotz – konsequent durchziehen können. Darüber hinaus hat das Bespiel USA gezeigt, dass Same Day Delivery erst dann an Relevanz gewinnt, wenn sich mehrere große Player des Themas annehmen, u.a. Amazon, Ebay und Walmart.

Doch auch, wenn sich die meisten europäischen E-Commerce-Konzerne noch gegen die taggleiche Lieferung sträuben: In den Köpfen der Menschen ist das Thema offenbar schon angekommen. So sehr, dass zahlreiche Medien und Verbraucher auf den Aprilscherz der französischen Post hereinfielen. La Poste Group hatte in ihrem Blog angekündigt, Drohnen für die Zeitungsauslieferung einzusetzen. „Vor dem Hintergrund der bestehenden Same Day Delivery-Modelle war dieses Szenario relativ realistisch“, gesteht der populäre IT-Blog BasicThinking.de ein.

Lesen Sie morgen: Ralf Mager, Leiter Online Marketing bei Lodenfrey, berichtet im Interview mit etailment von den Erfahrungen mit Same Day Delivery.

Teil 1: Wenn der Paketbote früher klingelt

Teil 2: Same Day Delivery für spitze Rechner

All bisherigen drei Teile können Sie auch in der Printausgabe der TextilWirtschaft nachlesen.