Warum Waren nicht einfach im Parkhaus zwischenlagern? Diese Frage hat sich das Fraunhofer IAO gestellt – und mit zwei Partnern in Stuttgart den Versuch gestartet.

Die Idee klingt schräg, macht aber Sinn. Parkhäuser gibt es in jeder größeren Stadt. Sie liegen zentral, sind gut zugänglich und nicht immer voll ausgelastet. Schon gar nicht am frühen Morgen. Also zu der Zeit, die für Handelsunternehmen besonders interessant ist. Denn diese werden ja meist vormittags beliefert. Auf der anderen Seite wird es immer schwieriger, Geschäfte in der Innenstadt mit schweren LKW anzusteuern.

In dem Projekt Park-up soll eine App entwickelt werden, mit der Logistiker flexibel Parkhausflächen anmieten können. Gleichzeitig soll die Anwendung Mikrologistiker informieren, welche die Waren entgegennehmen, und auf Lastenrädern in der Stuttgarter City verteilen. „Es ist auf jeden Fall viel günstiger, die Waren im Parkhaus umzuschlagen, als dauerhaft 50 Quadratmeter Lagerraum in der Stuttgarter Innenstadt zu mieten“, kommentiert Bernd Bienzeisler, Leiter Urban Delivery Systems beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO. Der Wirtschaftswissenschaftler und seine Kollegen befassen sich schon länger mit den Themen Parkraumbewirtschaftung und Handelslogistik. Sie initiierten das Forschungsprojekt, das beide Bereiche nun zusammenbringt.

Der Chip ersetzt das Kleingeld

Im Parkhaus selbst müssen die Umschlagprozesse möglichst rasch über die Bühne gehen. „Der Logistiker muss schnell hinein- und wieder herausfahren können. Da kann er nicht erst anfangen, eine Karte zu ziehen, und Geld in einen Automaten zu werfen“, so Bienzeisler. Hier kommt der Projektpartner Evopark ins Spiel. Das Unternehmen hat ein intelligentes System mit einer transponderbestückten Parkkarte entwickelt.
© Der Handel
Eine Antenne an der Schranke erkennt den Nutzer und öffnet diese dann automatisch. Am Ende des Monats zieht das Unternehmen die angefallenen Gebühren automatisch vom Konto ab.

Damit der Logistiker nicht erst umständlich einen Parkplatz suchen muss, wird er definierte Flächen per App im Vorfeld reservieren können. LED-Digitaldisplays sollen die Flächen entsprechend markieren. Evopark-Mitgründer und Geschäftsführer Sven Lackinger befürchtet jedoch, dass sich einige Autofahrer nicht an das digitale Besetzt-Zeichen halten werden.

Denn schließlich werden auch Behindertenparkplätze allzu oft von Menschen ohne Handicap frequentiert. „Für den Fall, dass die Displays ihre Wirkung verfehlen, prüfen wir auch die Möglichkeit von mechanischen Sperren“, so der Betriebswirt. Konkret soll dabei ein mechanischer Bügel hochfahren sobald die Fläche reserviert wurde. Lackinger und seine Kollegen sind bereits mit einem Unternehmen im Gespräch, das eine entsprechende Lösung anbietet. Darüber hinaus sind keine weiteren Umbaumaßnahmen vorgesehen. Das könne man auch keinem Parkhausbetreiber zumuten.

Direkt vom Van aufs Lastenrad

Im zweiten Quartal 2018 soll es dann im Stuttgarter Gerber-Parkhaus losgehen. Die Räumlichkeiten verfügen über eine Tiefgarageneinfahrt für LKW, um das zum Komplex gehörende Einkaufszentrum zu beliefern. In vielen Fällen ist eine solche LKW-Einfahrt jedoch nicht vorhanden. Aus diesem Grund möchten die Projektpartner auch die Anlieferung über andere Fahrzeugarten wie Van oder Kastenwagen testen.
Das Logistikgeschäft ist Aufgabe des Projektpartners VeloCarrier.

Der Mikrologistiker nimmt in der Tiefgarage die Waren in Empfang, und verteilt sie über Lastenräder an die Endkunden. Das Tübinger Start-up verfügt bereits in verschiedenen Städten über City-Hubs, wo externe Unternehmen ihre Sendungen für das entsprechende Gebiet anliefern. „Wir bündeln die Sendungen und übernehmen die Zustellung auf der letzten Meile“, erklärt Geschäftsführer Raimund Rassillier. Auf der ersten Meile sammelt der City-Logistiker Sendungen ein, wie zum Beispiel Retouren, und liefert sie im City-Hub ab, wo die externen Unternehmen sie dann wieder entgegennehmen.

Darüber hinaus übernimmt das Unternehmen für den lokalen Handel die Zustellung von Sendungen am selben Tag (Same-Day-Delivery). „Einige Kunden bieten den Service immer kostenlos mit an, andere ab einem bestimmten Umsatz. Dies ist auch branchenabhängig“ kommentiert der gelernte Speditionskaufmann. So würden Weinhändler den Service meist kostenlos mit anbieten. Die Lastenräder selbst könnten Waren mit einem Gewicht von bis zu 250 Kilogramm transportieren. Wie Rassillier weiter ausführt, arbeitet das Unternehmen derzeit mit einem Lastenradhersteller an einem neuen Modell, das noch mehr Gewicht laden kann, über eine größere Ladefläche verfügt und das auf Wunsch auch eine Kühlung bereithalten soll. „Die Ladefläche wird uns dann erlauben, neben Europaletten auch Lebensmittel-Rollwagen von bis zu 1,60 Meter Höhe zu transportieren“. Daneben verfügt das Unternehmen über zweirädrige Lastenräder mit kleinerem Ladevolumen. Sie kommen bei Expressfahrten zum Einsatz.

Gewicht schützt vor Langfingern

Zurück zum Projekt Park-up. Die Warencontainer dürften auch für Langfinger eine lohnende Beute sein. Ganz besonders, wenn sie unbewacht im Parkhaus stehen. Wie will man sie schützen? „Parkhäuser sind videoüberwacht. Dazu kommt, dass die Container sehr schwer und diebstahlgesichert sind“, sagt dazu Bernd Bienzeisler. Die Projektpartner denken aber auch über eine Lösung nach, die es ihnen erlaubt, den Container zu tracken.

Es gibt noch einige offene Fragestellungen, die im Laufe des Projekts untersucht werden sollen. So möchten die Projektpartner unter anderem erforschen, wie die anderen Autofahrer auf die Absperrung reagieren, an welchen Stellen die Container den Verkehrsfluss nicht stören, und wie ein Wechselbrückensystem aussehen könnte, das sich für Tiefgaragen eignet.
Daneben werden in dem Projekt Verkehrs- und Wetterdaten gesammelt und ausgewertet. Denn schließlich heißt es nicht umsonst in seinem kompletten Wortlaut „Urbane Mobilitäts- und Logistikdienste durch flexibles und datenbasiertes Parkraummanagement – Park-up“.

Unterstützung aus dem Verkehrsministerium

Das vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur geförderte Projekt hat nämlich noch eine weitere Komponente. „Am Ende geht es auch darum, ein Echtzeit-Preissystem für Parkhäuser auf Basis dieser Daten zu entwickeln“, erläutert Bienzeisler. „Das heißt, dass die Preise je nach Verkehrsaufkommen und Parkhaus-Auslastung entsprechend angepasst werden sollen. Dazu werden wir verschiedene Modelle erstellen“. Lackinger von Evopark ergänzt: „Es soll auch untersucht werden, ob es eine Korrelation zwischen Witterung und Parkhausnutzung gibt.
Am Ende werden wir dann zum Beispiel sehen, ob die Parkhäuser bei schlechtem Wetter voller sind. Oder leerer, weil es die Menschen dann seltener in die Innenstadt zieht.“ Das Projekt läuft noch bis Dezember 2019. Dann wird es erste Ergebnisse geben.

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