Was das wieder kostet? Same Day Delivery mag ein gutes Stück Kundenservice sein. Doch der hat seinen Preis. Für den Kunden und für den Anbieter. Ob sich das jemals rechnet? Unklar. Aber möglicherweise sinken die Kosten langfristig.

Zum Beispiel dann, wenn es dem Paketdienstleister DHL gelingt, seine Expresszustellung zu perfektionieren. Die Deutsche Post-Tochter testet seit Mai 2012 die Same Day Delivery in Köln. Bislang beschränken sich die Planungen auf den Online-Handel mit Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs. Die Lieferung erfolgt in zwei frei wählbaren Zeitfenstern am Abend: 18 bis 20 Uhr und 20 bis 22 Uhr. Entweder am selben oder einem der Folgetage. „Mit diesem Pilotprojekt wollen wir Erfahrungen im Bereich der Convenience-Logistik anhand eines konkreten Produktspektrums testen“, heißt es in der Bonner Konzernzentrale.

Um die taggleiche Lieferung flächendeckend anbieten zu können, müssten aber Lager- und Transportkapazitäten „sehr genau aufeinander abgestimmt“ sein. Begründung: „Zusätzliche Abholungen und Lieferungen am Nachmittag oder Abend bedeuten auch zusätzliche Kapazitäten und damit Zusatzkosten. Kosten, die letztlich der Kunde zu tragen hat“, sagt ein DHL-Sprecherin.

Logistikprozesse müssen funktionieren

Das heißt: Wer die Same Day Delivery anbietet, muss auch gewährleisten, dass die vorgelagerten Logistikprozesse einwandfrei funktionieren. „Eine wesentliche Komponente für die schnelle Lieferung an den Modekunden ist ein optimaler Auftragsdurchlauf im Distributionszentrum. Automatisierte Lager- und Kommissioniersysteme unterstützen diese Prozesse und führen gleichzeitig zu einer Qualitäts- und Leistungssteigerung in der Kommissionierung“, sagt Patricio Miranda von der TGW Logistics Group, die in Großbritannien eine Same Day Delivery für den Luxusmode-Händler Net-a-Porter umgesetzt hat.

Für den Logistikdienstleister Group 7 beginnt die Tempo-Optimierung noch viel früher: „Unsere Mitarbeiter prüfen die Waren gleich beim Importeur. Dadurch sparen wir in der Lieferkette Zeit und können früher Alarm schlagen, wenn die Qualität nicht stimmt“, sagt Vorstand Günther Jocher.

Den großen Warenhaus- und Modefilialisten bietet die zeitnahe Lieferung die Möglichkeit, ihren Multichannel-Ansatz konsequent umzusetzen. Wer innovative Services wie Click&Collect (online recherchieren und im Store abholen) anbietet, sollte auch Same Day Delivery im Portfolio haben. Zumal die Kosten fast komplett an den Kunden weitergegeben werden können.

Ab 9,90 Euro geht es los

Diese reichen bei Tiramizoos Modekunden von 9,90 Euro bis rund 15 Euro. Das ist natürlich happig, wenn man bedenkt, dass immer mehr Online-Shops – zumindest aktionsweise – für den Standardversand gar keine Versandkosten mehr verlangen. Andererseits fallen Zuschläge nicht weiter ins Gewicht, wenn man bei den SDD-Anbietern Luxodo, Lodenfrey und MyTheresa einkauft. Wer sich ein Seidenkleid für fast 5000 Euro bei MyTheresa leisten kann, der stolpert nicht über die Expressgebühr.

Somit fällt das erste Fazit bei Luxodo, Lodenfrey und MyTheresa durchweg positiv aus. „Die Same Day Delivery hat sich bewährt. Unsere Kunden wissen diesen Service mittlerweile sehr zu schätzen“, sagt MyTheresa-Geschäftsführer Thomas Müller. Monatlich nähmen mehr als 100 Kundinnen den 15 Euro teuren Service in Anspruch. Tendenz „stark steigend“. In der Folge soll das Einsatzgebiet in diesem Jahr auf weitere Münchner Vororte ausgedehnt werden.

Derzeit bietet der Multichannel-Händler den Service im gesamten Münchner Stadtgebiet und einigen Vororten an. Wer seine Bestellung bis 16.30 Uhr aufgibt, erhält sein Paket innerhalb von drei Stunden. Außerdem denkt Müller darüber nach, die Lieferzeiten zu flexibilisieren. Die Kunden sollen wählen können, ob sie ihre Bestellung innerhalb von zwei, zwei bis vier oder vier bis sechs Stunden erhalten wollen. Das neue Logistikzentrum, das im dritten Quartal dieses Jahres seinen Betrieb aufnimmt, werde seine Technik dementsprechend ausrichten.

Versankostenbefreiung um verkaufsschwache Tage zu stützen

Das Münchner Modehaus Lodenfrey, das den Service in der Vorweihnachtszeit des vergangenen Jahres gestartet hat, zeigt sich ebenfalls zufrieden: „Vor allem kleine Mitnahmeartikel als Geschenke haben gut funktioniert, zum Beispiel Schals, Mützen und Pullis“, sagt E-Commerce-Chef Ralf Mager. Pro Tag seien bis zu 20 Express-Bestellungen eingegangen, für die Lodenfrey einen Aufschlag von 9,90 Euro verlangt. Im Rahmen von Sonderaktionen eilen die Blitzkuriere an ausgewählten Tagen auch gebührenfrei zu den Kunden. Luxodo nutzt die Gratis-Angebote, um die Umsätze an verkaufsschwachen Tagen stabil zu halten, zum Beispiel vor Feiertagen.

Insgesamt geht Geschäftsführer Mathias von Bredow aber vorsichtig mit der Versandkostenbefreiung um: „Wenn man Free Shipping dauerhaft anbietet, ist die Gefahr groß, dass Leute angezogen werden, die von vornherein planen, die Ware wieder zurückzusenden.“ Insofern tauge die kostenlose Lieferung nicht dazu, das Wachstum des Unternehmens anzutreiben. In der Regel nimmt Luxodo für den Schnell-Service 14,90 Euro, ebenso für die Zustellung zum Wunschtermin an einem der Folgetage. Die Zeitfenster von derzeit drei Stunden sollen künftig enger gefasst werden. Zusätzlich soll den Ladenkunden künftig angeboten werden, die Ware per Express nach Hause gebracht zu bekommen.

Deutsche Kunden sind geduldig

Die breite Masse, die großteils sehr preisbewusst im Netz bestellt, wird sich vermutlich nicht so schnell für Same Day Delivery begeistern können. Nach Einschätzung von Frank Wollboldt, Geschäftsführer Operations des Textillogistik-Dienstleisters Motex, ist der deutsche Kunde generell noch nicht bereit für das Thema. „Die deutschen Kunden sind viel geduldiger als die amerikanischen.“ In der Folge fragten deutsche Händler derartige Services nur wenig nach. Und eine Änderung sei nicht in Sicht. „Das Thema wird nicht die Bedeutung erhalten, die man vielleicht auf den ersten Blick sieht.“

Lesen Sie im dritten und finalen Teil: Warum Same Day Delivery nicht der Weisheit letzter Schluss ist und warum Zeitfensterzustellung und zusätzliche Zustellpunkte womöglich die bessere Alternative sind.

Teil 1: Wenn der Paketbote früher klingelt

Den gesamten Beitrag können Sie auch in der Printausgabe der TextilWirtschaft nachlesen.