Die Versandhandelslogistik tritt in eine neue Phase ein. Im Kampf um Marktanteile drücken die Anbieter immer mehr aufs Tempo. Die Lieferung am Folgetag ist längst kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Same Day Delivery und Zeitfensterzustellung lauten die neuen Zauberworte. Die Modelle sind sowohl für stationäre Händler als auch für Multichannel-Filialisten und Online Pure-Player interessant. etailment widmet sich in mehreren Teilen dem Phänomen.

Wer kennt nicht diese missliche Situation? Ausgerechnet vor dem wichtigsten Geschäftstermin des Monats hat man wider besseren Wissens Spaghetti Bolognese zu Mittag gegessen. Mit den üblichen Folgen. Anschließende Kollegensprüche wie „Du siehst aus wie ein Schwein! Und gekleckert hast Du auch noch!“ sind dabei noch das geringste Problem. Für Kopfzerbrechen sorgt vielmehr die Frage: „Wo bekomme ich bis heute Abend ein sauberes Hemd her?“

Der Spitzenwert liegt bei 15 Minuten

Die Antwort lautet Same Day Delivery (SDD) – Lieferung noch am selben Tag. Meist innerhalb von nur drei Stunden nach Bestellung. Der Spitzenwert liegt bei 15 Minuten. Rekordhalter ist das britische Start-up Shutl.com, das den Express-Service salonfähig gemacht hat und derzeit eine Expansion in die USA plant.

Dahinter steckt eine ausgefeilte Technik, die ähnlich funktioniert wie die Taxivermittlung myTaxi: Sie ermittelt via GPS-Ortung, welcher Kurierdienst die Ware am schnellsten vom Händler zum Kunden bringen kann. Wenige Sekunden später erhält der ausgewählte Bote eine Nachricht über eine Smartphone-App. Sie teilt ihm mit, wo er das Paket abholen und abgeben soll. Der große Vorteil: Jeder Auftrag wird einzeln bezahlt.

Nutzungszahlen sind zwar noch bescheiden

Das deutsche Pendant zu Shutl heißt Tiramizoo. Das Münchner Start-up, hinter dem finanzkräftige Investoren wie Daimler, der Hightech-Gründerfonds und Bayern Kapital stehen, bietet seinen Sofort-Service in zwölf deutschen Ballungsgebieten an. Anwender aus dem Modebereich sind die auf hochwertige Artikel spezialisierten Händler Lodenfrey, Luxodo und MyTheresa. Die Nutzungszahlen sind zwar noch bescheiden. Aber angesichts der geringen Investitionskosten überwiegt klar der Nutzen. Vorneweg die Verbesserung der Kundenbindung und der Akquise. „Wir sehen den Service als Möglichkeit, die Bestandskunden der Händler zu aktivieren“, sagt Luxodo-Geschäftsführer Mathias von Bredow. Dazu komme die Chance, die Vorteile des Händlernetzwerkes der Luxusmode-Plattform zu kommunizieren. „Wir zeigen so, dass die Händler nah am Kunden dran sind.“

Besonders groß ist die Sogwirkung des Dienstes, wenn man ihn aktionsweise kostenfrei anbietet. Die Aussicht, das begehrte Kleid schon nach ein bis drei Stunden in den Händen halten zu können, löst so manche Kaufhemmung. Der Ebay-Studie „Zukunft des Handels“ zufolge würden 60 % der Verbraucher mehr online und mobil bestellen, wenn die Ware noch am selben Tag geliefert würde.

Nach Einschätzung des E-Commerce-Forschers Prof. Gerrit Heinemann können Online Pure-Player damit das Manko ausbügeln, keine eigenen Läden zu besitzen. „Damit entfällt das Hauptargument für den Einkauf im stationären Handel: die sofortige Verfügbarkeit der Ware.“

Ökologischer als der Einkauf im Store

Also das, was den stationären Handel gegenüber der Online-Konkurrenz hauptsächlich auszeichnet. Neben der Möglichkeit, das Produkt sofort auszuprobieren. In einigen Fällen erhält der Kunde das gewünschte Produkt via Same Day Delivery sogar schneller als im Laden. Schließlich muss er diesen erst noch aufsuchen. Damit ist die zeitnahe Belieferung unter Umständen auch ökologischer als der Einkauf im Store. „Ein Same Day Delivery an zehn Kunden ist immer noch besser, als wenn zehn Kunden mit ihrem Auto in die Stadt fahren“, sagt Rainer Hillebrand, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Otto Group.

Fahrradkuriere in Ballungsgebieten

Bei Tiramizoo ist der Öko-Effekt noch größer, da das 2010 gegründete Unternehmen nach eigenen Angaben großteils Fahrradkuriere einsetzt. Das ist natürlich nur in Ballungsgebieten möglich. Zumal sich der Service für alle Beteiligten nur dann rechnet, wenn Kunde und Händler nah beieinander liegen und das Kuriernetz möglichst groß ist. Daher gibt es derartige Services bislang hauptsächlich in Metropolen wie London (Shutl.com), San Francisco und New York (Ebay) sowie Berlin, München, Hamburg und dem Ruhrgebiet (Tiramizoo).

Für Modehändler, die in diesen Metropolen ansässig sind, ist die schnelle Lieferung eine wirksame Waffe im Kampf gegen scheinbar übermächtige Online-Pure Player wie Zalando. Schließlich sind diese häufig logistisch gar nicht in der Lage, die Ware innerhalb weniger Stunden zum Kunden zu bringen.

Express-Aufschlag

Der Grund: Sie verfügen über keine Stores, die die Ware orts- und zeitnah bereitstellen könnten. Stattdessen befinden sich die Produkte für gewöhnlich fernab der Großstädte in einem Logistikzentrum auf der Grünen Wiese. Und nicht jedes Verteilzentrum hat jeden Artikel vorrätig. Amazon investiert deshalb in den USA kräftig in den Ausbau seines Logistiknetzwerkes. In Deutschland arbeitet der E-Commerce-Konzern mit mehreren Paketdienstleistern zusammen, darunter DHL, Hermes und UPS, nutzt dabei aber keine Buchungstechnik wie Tiramizoo und Shutl. Amazon-Kunden, die bis 11 Uhr ihre Bestellung aufgeben, bekommen die Waren am selben Tag zwischen 18 und 21 Uhr geliefert. Also nicht ganz so schnell wie bei Shutl.com und Tiramizoo. Amazons Express-Aufschlag beträgt 13 Euro. Wer den kostenpflichtigen Service Amazon Prime (29 Euro im Jahr) abonniert hat, zahlt nur 5 Euro. Experten vermuten, dass der Dienst mehr Marketingmaßnahme als profitables Geschäftsmodell ist.

Kosten und Logistik sind die großen Herausforderungen bei Same-Day-Delivery. Darum geht es im zweiten Teil.

Den gesamten Beitrag können Sie auch in der Printausgabe der TextilWirtschaft nachlesen.