Wiesbaden und Wuppertal - zwei Städte, die nicht gerade für ihre innovativen Start-up-Szenen bekannt sind, machen mit Online-Projekten von sich reden, bei denen es darum geht, den lokalen Einzelhandel zu retten. Beide bieten bemerkenswerte regionale Alternativen zu den Internet-Giganten Amazon, Zalando & Co, findet Gastautorin Bärbel Unckrich. Bei näherem Hinsehen gibt es zwischen der Online City-Wuppertal.de und dem Kiezkaufhaus allerdings einige konzeptionelle Unterschiede. Und dabei punktet das Kiezkaufhaus nicht nur mit Frische.


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Wuppertal war mit der Online City zuerst im Netz. Seit 2014 bietet die Plattform Online City-Wuppertal.de die Verknüpfung von stationärem Handel und Online-Shopping. Die Kunden können bequem vom Sofa oder dem Schreibtisch aus bei ihrem Lieblingsladen bestellen und erhalten die Ware noch am gleichen Tag, sofern sie bis zu einem bestimmten Zeitpunkt bestellt haben. Der Einkauf wird per Fahrrad- oder PKW-Kurier geliefert, die Abwicklung erfolgt über das Local-Shopping-Portal Atalanda. Wer als Händler dabei sein will, muss sich selbst darum kümmern, seine Produkte mit Bildern und Beschreibungen hochzuladen. 

Lebensmittel für den täglichen Bedarf findet man bei der Online City Wuppertal allerdings kaum. Der Fokus liegt auf Produkten aus Bereichen wie Fashion und Accessoires, Feinkost, Unterhaltung und Kultur. Diese werden, ähnlich wie bei bekannten Online-Plattformen, in einem vorgegebenen Raster präsentiert. Hier unterscheidet sich das Wiesbadener Kiezkaufhaus deutlich von bislang bekannten Angeboten.

Das von der Digitalagentur Scholz & Volkmer (S&V) angestoßene Projekt Kiezkaufhaus ist seit Frühjahr 2015 online.

Das Kiezkaufhaus in Wiesbaden ist noch in der Testphase
Das Kiezkaufhaus in Wiesbaden ist noch in der Testphase


Beim Blick auf die Website wird schnell klar, dass Agenturgründer Michael Volkmer und sein Team, seitdem einen anderen Weg einschlagen als ihre Wettbewerber. Die Unterschiede beginnen bereits mit dem Online-Einkaufserlebnis. Beim Kiezkaufhaus wird das Warenangebot mithilfe von Fotos aus den jeweiligen Läden präsentiert. Dadurch entsteht der Eindruck, dass man sich direkt vor dem Regal im stationären Einzelhandel befindet. Beispiel: Der Hofladen. Wer dieses Geschäft online auswählt, sieht verschiedene Reiter: Obst und Gemüse, Brot, Wurst et cetera. Unter jedem Reiter wird ein Teil der im Geschäft angebotenen Waren ansprechend inszeniert. Was auf dem Bild nicht zu sehen ist, kann trotzdem bestellt werden. Unter dem Menüpunkt „Weitere Produkte" kann der User, ähnlich wie beim Verfassen eines analogen Einkaufszettels, eintragen, was er zusätzlich haben will. Bei Rückfragen ruft der Händler einfach an.

Läden haben kein eigenes Warenwirtschaftssystem

Die meisten der teilnehmenden Lebensmittel- und Fachgeschäfte aus den Bereichen Food und Non-Food haben kein eigenes Warenwirtschaftssystem und bieten dennoch ihr gesamtes Sortiment über die Plattform an. Die Kiezkaufhaus-Betreiber gehen davon aus, dass die Kunden die lokalen Läden in ihrer Umgebung persönlich kennen und wissen, was sie dort erhalten und was nicht.

Wozu braucht es dann die Online-Plattform?

Die Macher argumentieren, dass im Berufsalltag häufig die Zeit fehlt, um während der Ladenöffnungszeiten bei den kleineren Geschäften in der Innenstadt vorbeizufahren. Wer bei Kiezkaufhaus.de bis 14 Uhr online bestellt, erhält seinen Einkauf noch am gleichen Tag - „schneller schafft das auch Amazon nicht", sagt Nanna Beyer, die Projektverantwortliche aus dem Shared-Value-Team von S&V. 

Fast wie bei Tante Emma: Frische im Fokus im Kiezkaufhaus
Fast wie bei Tante Emma: Frische im Fokus im Kiezkaufhaus


Gebracht werden die Produkte mit Elektro-Lastenfahrrädern. PKWs kommen nicht zum Einsatz. Das ist ein ganz wichtiges Anliegen der Initiatoren. „Wenn man in Wiesbaden ein Buch bei Amazon bestellt, kann es sein, dass dieses aus Lagerhallen in Polen kommt, obwohl der Verlag unter Umständen in Frankfurt sitzt“, sagt Volkmer. „Jeden Tag fahren deshalb Unmengen an Lieferwagen über Deutschlands Straßen. Allein 800000 Pakete werden täglich retourniert - das entspricht einem Ausstoß von 400 Tonnen CO2.“ Das ADC-Mitglied sieht das Kiezkaufhaus deshalb nicht nur als Initiative für den lokalen Einzelhandel, sondern auch als wichtigen Beitrag zum Thema nachhaltige Städtegestaltung.

Scholz & Volkmer erstellt die Profile für die teilnehmenden Händler und finanziert das Shooting der angebotenen Produkte. Dafür erhält die von S&V gegründete Kiezkaufhaus GbR einen Anteil des über die Plattform generierten Umsatzes. Wer nichts verkauft, muss auch nichts zahlen. Am Wochenende wird nicht geliefert - aus gutem Grund: „Wir gehen davon aus, dass man Samstags gerne auch mal selbst in die Stadt geht und bummelt. Wir wollen den Läden mit dem Kiezkaufhaus keine Kunden wegnehmen, sondern die Möglichkeit geben, vor allem unter der Woche mehr Geschäft zu bekommen", erklärt Volkmer.

Die idealistische Idee eines funktionierenden Kollektivs

Seine Agentur will aber nicht daran verdienen, sondern unterstützend im Hintergrund mitwirken. S&V verfolgt eher die idealistische Idee eines funktionierenden Kollektivs. „Natürlich hoffen wir, dass das Kiezkaufhaus Vorbildcharakter für andere Städte haben wird. Aber wir wollen verhindern, dass Investoren-Interessen den eigentlichen lokalen und gesellschaftlichen Zielen im Weg stehen", sagt Volkmer. Es gehe nicht um Marktmacht, Umsatz und Gewinn, sondern darum, dass sich das beschriebene Prinzip verbreitet. „Jeder, der also Kiezkaufhaus weiterentwickeln, die Plattform nutzen und Erfahrungen austauschen möchte, möge sich gern an uns wenden."

Am 29. September 2016 diskutieren E-Commerce-Experten, Entscheider aus dem Handel sowie Markenherstellern auf dem etailment Summit in Frankfurt über Trends, Lösungen und Herausforderungen im Digital Commerce. Junge Unternehmen zeigen im Kap Europa zudem auf, welche Trends sie setzen. Neben spannenden Diskussionen, Streitgesprächen und zukunftsweisenden Keynotes bietet der Kongress in drei parallelen Fach-Sessions vertiefende Informationen zu E-Fashion, E-Food und E-Touristik. Mit dabei ist auch Nanna Beyer, Mitgründerin des Kiezkaufhaus.