Verdi hatte die Karstadt-Mitarbeiter zu einem bundesweiten Streik am heutigen Freitag aufgerufen - doch die Resonanz war bescheiden. Umso lauter wird die Kritik am Eigentümer des Warenhauskonzerns.

Norbert Sachs kann seine Enttäuschung nicht unterdrücken. Kein Wunder, eine machtvolle Streikdemonstration sieht anders aus. "Es fehlt an Wucht", räumt der Betriebsratsvorsitzende der Karstadt-Filiale auf der Frankfurter Zeil ein. Gemeinsam mit gut 50 Kollegen ist Sachs diesem Freitagmittag nach Darmstadt gereist, dort schloss man sich zu einer gemeinsamen Kundgebung mit den Kollegen aus Karstadt Viernheim und Darmstadt zusammen.

Auch diese drei hessischen Filialen beteiligten sich am bundesweiten Karstadt-Streik, es mögen insgesamt 150 Mitarbeiter gewesen sein, die durch die Darmstädter Innenstadt gezogen sind mit Ziel Karstadt-Filiale im Luisencenter. Für Sachs hätten es mehr sein können, ja, müssen. "Bei drei Häusern", murmelt er. Aber er spricht von der Angst unter der Belegschaft, sich am Ausstand zu beteiligen.

"Sie sind kein Investor"

Trotzdem legt der Betriebsrat großen Kampfgeist in seine Ansprache, die erkennen lässt, dass die Gewerkschaft Verdi mehr will, als Standort- und Beschäftigungssicherung. Sachs attackiert Karstadt-Eigentümer Nicolas Berggruen angesichts gebrochener Versprechen (kein Teilverkauf des Unternehmens, Treue zur Tarifbindung) mit harten Worten. "Lüge, Herr Berggruen, Lüge." Immer wieder. Und angesichts der weiterhin ausbleibenden Investitionen in die Häuser ruft der Betriebsratsvorsitzende ins Megafon: "Ihr wehre mich vehement dagegen, Sie Investor zu nennen. Sie sind nur Eigentümer."

Ein paar Meter hinter den Demonstranten haben sich Karstadt-Sicherheitsmitarbeiter postiert, um zu verhindern, dass die Streikenden zu nahe an die Eingangstür kommen. Der Geschäftsbetrieb soll reibungslos weiterlaufen. Und das tut er. Wer durch die Filiale läuft, wird so schnell nicht auf die Idee kommen, dass hier Mitarbeiter um ihre Zukunft in diesem Unternehmen bangen oder für sie kämpfen.

Im Karstadt Viernheim sähe es anders aus, versichert Betriebsratsvorsitzende Martina Würthwein-Hartmann. "Wir haben unter den Kollegen eine Streikbereitschaft von 80 Prozent", sagt sie. Das erste Obergeschoss der Filiale sei weitestgehend still gelegt, zudem seien im ganzen Haus nicht alle Kassen besetzt.

Die Karstadt-Geschäftsführung ist zufrieden mit dem Streik

Mitarbeiter in Karstadt-Filialen in ganz Deutschland waren am Freitag zu Arbeitsniederlegungen und Protestkundgebungen aufgerufen, die Gewerkschaft Verdi wollte im laufenden Tarifstreit mit dem Unternehmen Druck aufbauen. Doch hielten sich die Auswirkungen der Proteste offenbar in Grenzen. Karstadt-Arbeitsdirektor Kai-Uwe Weitz sagte am Freitagvormittag: "Bis auf wenige Ausnahmen gibt es in den Karstadt-Filialen nur geringe Beeinträchtigungen. Keine Filiale ist geschlossen."

Die Gewerkschaft hatte zuvor gewarnt, Kunden müssten sich am Freitag und zum Teil auch am Samstag auf "erhebliche Beeinträchtigungen bis hin zur Schließung von Häusern" einstellen. Schwerpunkte der Aktion sollten laut Verdi im Norden und Westen Deutschlands sein. Den Ausstand bewertet die Gewerkschaft in einer ersten Bilanz als erfolgreich.

Von Flensburg bis Celle

Doch an vielen Orten waren die Reihen der Demonstranten nicht gerade dicht gefüllt. Rund 250 Beschäftigte aus fünf Städten zählte die Gewerkschaft bei einer Kundgebung in Dortmund, nicht viel mehr waren es in Hamburg. Und auch dort, wo gestreikt wurde, blieben in aller Regel die Warenhäuser geöffnet.

Karstadt-Angestellte in fast allen Filialen in Berlin, Brandenburg und Hamburg wollten sich Verdi zufolge an den Warnstreiks beteiligen. Die Arbeit niederlegen würden außerdem Mitarbeiter in den Karstadt-Häusern in Flensburg, Lübeck, Kiel, Neumünster, Norderstedt, Wismar, Gütersloh, Mülheim, Duisburg, Essen, Bonn, Dortmund, Bremerhaven, Bremen, Lüneburg, Göttingen, Hannover, Braunschweig, Goslar und Celle.

Neben Darmstadt hatte die Gewerkschaft auch in Berlin, Hamburg, Dortmund, Bremen und Hannover zu Kundgebungen aufgerufen. Darüber hinaus sollten in einigen Karstadt-Filialen in Bayern, Baden-Württemberg, NRW und Hessen Betriebsversammlungen stattfinden. Einige Häuser, vor allem in Süddeutschland, öffneten deswegen mit Verspätung.

Belegschaft ohne Vertrauen in die Unternehmensführung

Hintergrund der Warnstreiks sind die bei Karstadt anstehenden Tarifverhandlungen Mitte November. Verdi fordert einen Tarifvertrag über Standort- und Beschäftigungssicherung sowie eine Rückkehr in die Tarifbindung. Die Eigentümer Berggruen und René Benko (der die Mehrheit an den Sport- und Premiumhäuser von Berggruen übernommen hat) müssten zudem ein klares Zukunftskonzept vorlegen, hieß es. Bei den 20.000 Beschäftigen des Unternehmens herrsche große Unsicherheit.

"Das Vertrauen in das Management sinkt immer weiter, weil man keine positive Entwicklung sieht. Insbesondere ist natürlich das Vertrauen die Eigentümer absolut gesunken, weil Versprechungen gemacht worden sind und aus den Versprechungen bis heute nichts geworden ist", beschrieb der Verdi-Verhandlungsführer Rüdiger Wolff im Fernsehsender n-tv die Stimmung im Unternehmen.

Arbeitsdirektor Weitz will konstruktive Verhandlungen

Karstadt-Arbeitsdirektor Weitz bekräftigte, das Unternehmen wolle eine pragmatische Lösung erreichen, um die nachhaltige Gesundung des Unternehmens nicht zu gefährden. "Streikaufrufe können uns dieser Lösung nicht näher bringen, sondern nur ergebnisoffene und konstruktive Verhandlungen", sagte er.

Das dürfte Weitz auch Dienstag und Mittwoch den Betriebsräten mitgeteilt haben, die sich in Willingen zu ihrer jährlichen Versammlung getroffen hatten. Wie dort die Stimmung war, beschreibt Norbert Sachs, der einen Kollegen zitierte, der in einer fulminanten Ansprache die Karstadt-Geschäftsleitung attackierte: "Hören Sie auf, Champagner zu trinken. Kommen Sie herunter vom Sonnendeck. Wir saufen nämlich im Maschinenraum gerade ab."

Am 11. November werden die Tarifverhandlungen zwischen Verdi und der Karstadt-Geschäftsführung fortgesetzt.

ges/dpa