Mark Steier
Mark Steier
Conrad Electronic bejubelte sich mit Fake-Accounts bei MyDealz.  Billiger.de musste sich Fragen nach möglichem Klickbetrug gefallen lassen.  Die Recommerce-Portale Zoxs, Momox und ReBuy fielen unangenehm auf, weil sie sich unerlaubt bei Bildern von Händlern bedient haben sollen.

Weil der Bilder-Diebstahl nach Beobachtungen von Mark Steier, Betreiber des Branchendienstes Wortfilter, unter anderem auf Momox immer noch weiter gehe, will dieser nun angesichts der Urheberrechtsverletzungen Strafanzeige stellen.

Mit dem streibaren Mark Steier, einst größter Verkäufer bei eBay Motors und inzwischen Privatier, sprach etailment über zügellose Sitten auf Plattformen, bei Händlern und Kunden.   


Auf Worfilter.de haben Sie jüngst so einige Schummeleien aufgedeckt und angeprangert. Werden die Online-Sitten immer rauer?

Mark Steier: In der Branche fehlt es an Compliance-Bewusstsein.  Warum? Wenn unangenehme Dinge aufploppen, bleiben die Unternehmen relativ schadfrei. Die Unternehmen – siehe beispielsweise Momox - biegen sich die Begründungen zurecht, und danach herrscht Ruhe. Hier hat das Wettbewerbsrecht einen Mangel, weil es für einen Verstoß keinen gerechten Ausgleich schafft. Simpel gesagt: wenn mich ein Verstoß 1000 Euro Abmahnung kostet, aber 10.000 Euro Umsatz bringt oder 10.000 Euro einspart, hat sich eine krumme Nummer gerechnet.  Außerdem: Wie viele Händler verlangen denn wegen eines Bilderklaus am Ende eine Vergütung? Wie viele Händler verlangen von Billiger.de tatsächlich eine Vergütung? Man nutzt halt die Grenzen aus. Das hat nichts mit rauen Sitten zu tun.

Durchmogeln aus Effizienzgründen?

Mark Steier: Durchmogeln oder das nicht Beachten von Regeln erscheint vielen als die wirtschaftlich erfolgreichere Strategie. Wir sehen ja nur die Spitze des Eisberges. Viele schwarze Schafe bleiben unentdeckt.

"Viele schwarze Schafe bleiben unentdeckt"


Und die kleinen Händler lernen dann: mit Schummeln kommt man weiter?

Mark Steier: Die kleinen Händler haben viel zu viel Angst, bei einer Schummelei entdeckt zu werden, wenn der eine oder andere nicht gerade zur Existenzerhaltung einmal Fünfe gerade sein lässt. 

Und dann nervt auch noch der Kunde. Wer die Diskussionen in Händler-Foren und auf Facebook verfolgt, bekommt schnell den Eindruck, dass Kunden es geradezu darauf anlegen, den Händlern eine lange Nase zu zeigen. Ist auch die Moral der Kunden schlechter geworden?

Mark Steier: Man muss natürlich sehen, dass das auch einige Händler darunter sind, die eher ohne Vorbildung auf Umwegen im Onlinehandel gelandet sind. Die sind dann schnell mal wegen eines unverschämten oder betrügerischen Kunden mit 1O Euro Umsatz aus dem Häuschen. Diese kleinen Anbieter repräsentieren allerdings einen sehr hohen Umsatzanteil auf den Marktplätzen. Da sorgen dann solche Klagen für eine entsprechende Wahrnehmung in der Breite. Die Kunden sind deshalb nicht schlimmer als früher. Schon zu meiner aktiven Zeit, habe ich ausgebaute Autoersatzteile zurückgeschickt bekommen, mit denen der Kunden den Kauf widerrufen wollte. Nur hatte ich diese Teile nie verkauft. Schwamm drüber. Was man bei dem Gezeter nämlich auch bedenken sollte: Das Geld ist meist die Zeit nicht wert. In der Zeit, in der ich mit einem solchen Kunden einen Mail-Krieg veranstalte, mache ich besser richtigen Umsatz mit zufriedenen Kunden.  

Ist das Gezeter vielleicht nur ein Ventil? Angesichts ständig wandelnder gesetzliche Vorgaben, EAN-Chaos, Abmahnrisiko, Markenrechts-Streitigkeiten sind die Händler auf den Marktplätzen doch in einem Dauerzustand grundsätzlicher Verunsicherung?

Mark Steier: Das trifft den Nagel auf den Kopf. Gerade unter den kleinen Händlern auf Marktplätzen sind viele nicht wirklich für eine selbstständige Tätigkeit geeignet. Die freie Existenz verunsichert, die eigenen Erwartungen erfüllen sich nicht. Da wird dann gerne Frust abgebaut und nach einem Schuldigen gesucht, weil Eigenverantwortlichkeit ein Fremdwort ist.  

"Viele kleine Händler auf Marktplätzen sind nicht für eine selbstständige Tätigkeit geeignet"

Was frustriert besonders?

Mark Steier: Insbesondere kleine Händler sind ins Tagesgeschäft und den Überlebenskampf eingezwängt. Ihnen fehlt es an Zeit und Geld für Innovationen, Automatisierung, Professionalisierung oder für strategische Themen. Wem aber das Geld fehlt, externe Berater und Dienstleister an Bord zu holen, gerät schnell in einen Teufelskreis und auf Dauer in eine Abwärtsspirale. Deshalb muss man auch der Prognose von IFH- Geschäftsführer Kai Huddetz zustimmen: 90 Prozent der Onlinehändler werden verschwinden.

Aber es rücken auch immer wieder neue Onlineshops nach.

Mark Steier: Ja und Nein. Sicher ist: die großen Player werden noch größer. Völlig unklar ist aber, ob die Chance der Verzahnung von Onlinegeschäft und stationärem Geschäft zu einem Erfolg führt. Ganz entscheidend aber wird sein, ob die Digital Natives, die die Onlinewelt besser kennen als andere, die niedrigen Eintrittsbarrieren im Onlinehandel für sich nutzen werden. Ich bin sicher,  es würde funktionieren. Aber werden Sie das auch tun?