Die letzten Technikcenter wurden geschlossen, nun ist Quelle endgültig Geschichte. Der Chefredakteur von Der Handel blickt auf die letzten 10 Quelle-Jahre zurück.

Ein letzter Gang durch das Geschäft: Einige wenige Kunden spekulieren auf Schnäppchen, doch die meisten Regale sind längst leer. Wer die Ladeneinrichtung kaufen will, soll eine Handynummer anrufen. Im Untergeschoss wird schon vor dem letzten Ladenschluss alles zusammengekehrt.

Im Quelle-Technikcenter Mainz war die Melancholie allgegenwärtig - genauso wie in allen anderen Quelle-Läden, die an diesem Samstag für immer geschlossen haben. Sie sind das sichtbarste Zeichen für die größte Zäsur in der jüngsten Geschichte des deutschen Handels: Ein Branchengigant ging in die Knie - und wurde schließlich k.o. geschlagen.

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Pressekonferenz im Luxushotel

Der letzte Besuch im Technikcenter, in dem ich Waschmaschine, Staubsauger, Mixer und sogar meinen Fernseher gekauft habe, ruft Erinnerungen an bessere Zeiten wach. Doch die liegen schon lange zurück: Damals, als Quelle für eine neuen Modekollektion oder für die Einführung einer neuen Küchenzeile einlud.

Man saß in vornehmen Hotels, etwa im Hamburger Vierjahreszeiten, und ließ sich von einer sehr emsigen Pressestelle berieseln und bekochen. Die Highlights des jeweiligen Sommerkatalogs oder des neuen Küchenkatalogs wurden gepriesen, das Geschäft lief von selbst - so zumindest der Eindruck.

Einmal wurde zur Belustigung der Journalisten ein Gedächtniskünstler eingeladen, der fast alle Angebote des Quelle-Katalogs verinnerlicht hatte. Sag mir die Seite, und ich sage dir das Angebot mit Preis! Aus heutiger Sicht gibt es kein Wissen, das weniger nützen würde.

Jubiläum als letzter Höhepunkt

Wahrscheinlich war für Quelle der letzte Höhepunkt der Geschichte das 75. Jubiläum 2002. Schon damals war in der Fürther Zentrale eine gewisse Trägheit zu spüren, die Probleme waren im Ansatz vorhanden. Der Onlinehandel klopfte an die Tür, der verschärfte Preiskampf ließ schon damals ahnen, dass Preise, die ein halbes Jahr lang gelten, immer schwieriger durchzusetzen wären.

Da holte der einstige Quelle-Chef, der später kurzzeitig an die Spitze der Holding gespült wurde, zum großen Marketingschlag aus: Zum 75. wurden extreme Rabatte allerorts gepriesen, das Werbebudget wurde aufgepumpt. Es war ungefähr in dieser Zeit, dass Quelle-Mitarbeiter in TV-Spots auftraten und sehr schief „Meine Quelle" sangen.

Heute sagt die Arbeitsagentur, viele der gekündigten Beschäftigte wüssten nicht, wie man eine Bewerbung schreibt, denn sie sind schon 10, 20 oder 30 Jahre bei Quelle gewesen. Die Illusion vom kuscheligen Nest wurde bis zum Ende gewahrt.

Neckermann: aufgepeppt, dann verkauft

Der letzte Versuch einer strategischen Neuausrichtung lautete: Quelle sollte der Familienversender sein, die Schwester Neckermann der junge Versender. Quelle also in der Mitte, Neckermann an der Spitze - ein Lieferant der jungen Generation, der fortan auf das Webgeschäft setzte und viel Geld für die Entwicklung der eigenen Webplattform bekam.

Dann wurde Neckermann verkauft, die Übernahme durch einen Investor als großer Coup des mit Nebelkerzen um sich werfenden Arcandor-CEO Thomas Middelhoff gepriesen. Auf Pressekonferenzen wurde er nicht müde, Quelle als „Sorgenkind" zu bezeichnen. Man werde aber schon den „Turn around" schaffen. Wie, wusste er offensichtlich auch nicht.

Das Orchester spielt auf dem sinkenden Schiff

Die vorletzte Erinnerung ist ein privates Mittagessen mit Marc Sommer, dem letzten Primondo-Chef. Primondo, so wurde die Arcandor-Versandsparte aus zweifelhaften Gründen genannt.

Sommer ist ein fähiger und erfahrener Versandmanager, der jedoch zu spät zur Quelle kam. Da war vermutlich nichts mehr zu machen, doch er verbreitete nach wie vor gute Stimmung. Das Orchester spielte auf dem sinkenden Schiff weiter.

Kuckucksuhren im letzten Quelle-Katalog

Die letzte Erinnerung bleibt dem letzten Quelle-Katalog vorenthalten, der mit Hilfe derselben bayerischen Landesregierung hergestellt wurde, die gerne marode Banken kauft und Milliardengräber schaufelt. Das Werk enthält zwei besondere Seiten, die ausschließlich Kuckucks- und Pendeluhren zeigen. Wer kauft so etwas noch per Katalog, fragte ich mich.

Auf diesen zwei Seiten spiegelt sich meiner Meinung nach die ganze Quelle-Misere: Der Versender tat sich schwer, Ballast abzuschütteln und sich für Neues wie dem Onlinehandel zu öffnen. Es wird schon gut gehen, dachte man offensichtlich in Fürth, ein Unternehmen wie Quelle stirbt nicht.

Es ist nicht gut gegangen.